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BORIS SCHATZ IN SEINEM ATELIER.
BORIS SCHATZ.
Von Dr. M. Ehrenpreis (Sofia).
1.
Boris Schatz ist ein Künstler, der noch alle
Möglichkeiten künftiger Entwickelung in sich trägt.
Wie Viele vor und neben ihm, sprang er unver¬
mittelt vom Bethamidrasch ins Künstleratelier und
blieb dabei in seiner Seele unversehrt. Sein Weg
war derselbe, den sie Alle gingen, der typische
Weg des Goluskünstlers. Ein Kind armer Eltern
(er ist 1866 im Gouvernement Kowno als Sohn
eines Melamed geboren), verlässt er früh das Cheder
und die ihm zugedachte rabbinische Karriere und
eilt hinaus, seiner inneren Künstlerneigung folgend,
tastend, suchend, versuchend, und vor allem
darbend und leidend, mit einer grossen, jüdischen
Sehnsucht im Herzen. Er geht nach Wilna als
Zögling der Zeichenschule, dann nach Warschau
als Lehrer an der Kunstgewerbeschule, bald darauf
(1890—96) nach Paris, wo er als Schüler und
Gehilfe Antokolski's allmählich in den grossen
Stil der Skulptur hineinwächst. Seit sieben Jahren
lebt er in Sofia, und hier scheint der suchende
Wanderer sich endlich gefunden zu haben: Nach
mehrjährigem Herumexperimentieren mit altbulgari¬
schen Kunstmotiven ist Boris Schatz wieder zum
jüdischen Stoffgebiete zurückgekehrt, das sein Aus¬
gangspunkt war. Es ist zu wünschen, dass er
dabei bleibt; denn da ist der Boden, auf dem er
,. wachsen kann.
Schatz steht heute, nach mehr als zehnjährigem
Ringen, eigentlich erst recht am Anfang, am An¬
fang eines vielversprechenden künstlerischen
Schaffens, von dessen Möglichkeiten er voll ist.
Die jüdische Renaissancebewegung, die uns Alle
wachrüttelt, hat auch seinem Leben einen neuen
Inhalt gegeben und erfüllt seine Seele mit neuen
Energieen. Und das, was uns Schatz bis jetzt
geschenkt, ist zwar noch nicht in allen Stücken er
selbst, aber es beweist, dass er ein zukunftsreicher
Künstler ist, der berechtigt ist, viel zu wollen,
weil er viel kann.