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Politische Revue.
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allem steht nicht den Herren Kuratoren das Recht zu,
eigenmächtig über dieses Kapital zu verfügen; tausend
Parlamentsakte werden sie nicht von der Verantwort¬
lich ung lossprechen, die sie dadurch auf sich laden. Die
Millionen sind dem Kolonisationswerk gewidmet, und
wenn die Herren, die alle ausnahmslos ehrenhafte
Männer sind, dieses Werk nicht vollführen können, so
mögen sie andere um Rat fragen, die es vielleicht besser
wüssten. Es ist sehr beklagenswert, dass Gemeinde¬
vorsteher, die aus lokalen Gründen zu dieser Würde
gelangt sind, das Vermögen des jüdischen Volkes zu
verwalten haben und es, wie die Erfahrung lehrt, recht
schlecht verwalten. Da ist ein entschiedenes Hands off!
am Platz.
*
* *
Friedrich Delitzsch fährt fort, das „Alte Testament"
zu bekämpfen. Wenn er nicht nur ein ausgezeichneter
Philologe, sondern auch ein tüchtiger Historiker wäre,
so würde er eine Vorstellung von seinem Tun haben;
es nimmt sich aus, als ob ein Knabe mit seinem Taschen¬
messer eine uralte Eiche fällen wollte. Dass er, um das
Judentum herabzuwürdigen, mit einem Mal gar das
„Neue Testament" ins Treffen führt, ist Geschmack¬
sache. Natürlich ist dadurch für die Juden die Dis¬
kussionunmöglichgeworden. Herr Delitzsch hat öffent¬
lich erklärt, dass er von einer frommen protestantischen
Familie abstamme; dies stimmt insofern, als sein Vater,
der bekannten Bibelerklärer und Judenmissionar, luthe¬
rischer Christ war; aber sein Grossvater war
Jude. Das ist übrigens gewiss keine Schande, sondern
im Gegenteil eine grosse Ehre, denn jedenfalls sind die
Juden das älteste Kulturvolk auf Erden, das nicht unter¬
gegangen ist. Seinen Ruhm bilden nicht einige Tonziegel,
die ohne Hilfe jüdischer Millionäre nie das Tageslicht
erblickt hätten. Uebrigens muss Herr Delitzsch doch
von Bewunderung, wenn nicht gegen das alte Testament,
so doch gegen dessen Anhänger, erfüllt sein. Welche
Menschen ausser Juden haben es je so weit in der Ob¬
jektivität gebracht, „die zu segnen, die sie beleidigen?"
Und in diesem Fall ist der Segen in Form klingender Münze
oder guter Kassenscheine sogar den Ausgrabungen des
Herrn Delitzsch so sehr zu Gute gekommen.
DIE TRAGOEDIE IN KISCHINEW.
Bei Schluss der Redaktion dieses Heftes empfangen wir telegraphische Berichte über Juden¬
metzeleien in Kischinew (Bessarabien), deren Einzelheiten grauenerregend sind. Nach den offiziellen
Mitteilungen sind nicht weniger als 41 Personen (darunter 2 Kinder) getötet, etwa 70 tötlich verwundet
und circa 700 verletzt. Tausende von Familien sind durch die Demolierungen des Pöbels obdachlos
geworden. Der materielle Schaden beläuft sich auf etwa vier Millionen Rubel. Das Elend der Juden
in Kischinew ist unbeschreiblich. In allen grösseren Städten sind Komites behufs Geldsammlungen
für die Opfer ins Leben gerufen.
Wir beschränken uns vorläufig auf die Wiedergabe der Liste der Ermordeten. Die Namen
dieser Opfer sollen in der jüdischen Geschichte, die an Märtyrern so reich ist, verewigt bleiben:
Mordchai Mindig
Jechiel Seltzer
Benjamin Baranowitsch
Israel Selischtschajan
Abraham Kohon
Jakob Tunik
Israel Ulmer
Kopil Koinarski
Mosche Machlin
Jehoschea Berladski
Sussman Panorschi
Benzion Galanter
Chaim Laib Goldes
David Chazkelewitsch
Simcho Wulf
Hirsch Liss
Jdl Krupnik
Izchok Mair Krupnik
(Sohn des Vorigen)
Drachman
Mordchai Grünspun
Izchok David Bjelizki
Josef Kantor
Hirsch Bolgar
Chaim Nissensohn
Schmuel Boruch Urman
Abraham Weinstein
Mosche Hirsch Rinel
Ahron Brachmann
Izchok Rosenfeld
Josef Hirsch Grünberg
David Okaridon
Kalmen Malawitsch
Schimon Fischinann
(io Jahr alt)
Michel Loschak (2 Jahr alt)
Chaja Lea Kigelmann
Chaja Sarah Panaschi
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Kajla Mosa
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