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Osisj&esT:
ILLUSTRIERTE MONATSSCHRIFT
FÜR MODERNES JUDENTUM.
Herausgegeben
unter Mitwirkung von Künstlern, Gelehrten und
von
LEO WINZ.
Schriftstellern
Bezugs- und Insertions-Bedingungen auf der letzten Textseite.
Alle Rechte vorbehalten.
Heft 6
Juni 1903
III. Jahrg.
DIE JUENGSTE LEHRE.
Sie drücken und bedrängen,
Sie töten und sie hängen,
Wir aber um so fester
An Dich, Herr, sind gebunden.
Sie schlagen und verwunden,
Sie legen Schlingen,
Ob sie uns fingen — — —■
Wer gibt meinem Auge genügende Tränen, Dass vereint wir beweinen die Huldgestalten,
Zu beweinen die Morde, geübt an den Söhnen, Die Jungfrau'n so rosig, die Kinder, die Alten,
Den Alten, den Frauen, den Kindern, den Greisen? Die zur Schlachtbank man führte, geschleift durch
- — - -____ — _-_-- Kot,
Mit tränenden Augen will hinaus mich begeben Zu schrecklichen Martern, zu grausigem Tod--
Zu den Jammergebeugten, die verzweifeln am Leben. _____ _ _ — ________
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Woher tönt diese Klage? . . . Hallt sie nicht gedichtet? Als hätten sie den kommenden Ge-
aus den ersten Dämmerstunden unseres zur Neige schlechtem die Mühe ersparen wollen, für das
gehenden Jahrtausends herüber? Sind es nicht die immer von neuem sich wiederholende, aber ewig
schmerzerfüllten Trauerlieder, mit denen die jüdi- sich gleichbleibende Schicksal neue Worte zu finden?
sehen Dichter die Opfer des ersten Kreuzzuges Als hätten sie unvergängliche Formen geschmiedet,
beweinten? Und doch, siehe da, gleich wie die in welche sich die Verhängnisse aller Jahrhunderte
schlummernden Töne einer ewigen, geheimnisvollen, wie von selber hineinfügen? Wahrlich, man
in dem Dunkel der Weltgeschichte verborgenen braucht nur die eine oder die andere Sei ich ah
Trauerharfe sind sie in unseren Tagen wieder er- aufzuschlagen, in welchen die „Poetane" aus den
wacht und hallen schauervoll hinein in unser all- Zeiten der Kreuzzüge oder der späteren Judenver-
tägliches, den Interessen der Stunde dienendes folgungen die Greuel ihrer Tage mit naiver realisti-
Treiben. Ist es nicht, als hätten jene Dichter des scher Anschaulichkeit schildern, um all das darin
Schmerzes, die nur das Leid und das Weh ihrer wiederzufinden, was wir in den letzten Wochen
Tage zu Poeten gemacht, — ist es nicht, als hätten schaudernd miterlebt haben. „Alles ist schon da-
sie ihre ungekünstelten Lieder für die Ewigkeit gewesen!" und . . . alles ist wieder da! Nein,