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Die jüngste Lehre.
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das sind keine verschollenen Märchen aus alten,
blutigen Zeiten, da die mittelalterliche Barbarei noch
die Menschheit umfangen hielt, da das Faustrecht
regierte, Willkür und Gewalt nach Gutdünken
schaltete, kein Gesetz, kein Gefühl der Billigkeit
die Grausamkeit und den Blutdurst der Menschen
in Schranken hielten. Nein. Es ist das Morgen¬
rot des zwanzigsten Jahrhunderts, vyelches
Metzeleien und Blutbäder beschien, die aussahen,
wie eine getreue Kopie ihrer Vorgänger aus dem
el ften Säkulum. Und nicht im Herzen von Afrika,
nicht unter chinesischen Barbaren, unter australi¬
schen Menschenfressern oder unter südamerikani¬
schen Kannibalen ist's geschehen : Nein ! Die
Sonne der europäischen Zivilisation blickte von
ihrer stolzen Höhe herab auf die schauerlichen
Greueltaten, die jeglichem menschlichen Empfinden
Hohn sprechen und an die noch die nachfolgenden
Geschlechter mit Grausen und Entsetzen zurück¬
denken werden. — Und es geschah an dem Zeit¬
punkt, da der europäische Mensch, die schwellende
Vollkraft seiner majestätischen Kultur in der stolzen
Brust verspürend, sich anschickt, seine Segnungen
über den fernsten Erdkreis auszuschütten, seine
Herrschaft über den entlegenen Osten und über
den schwarzen Erdteil auszudehnen, die „minder¬
wertigen" Rassen zu beglücken und ihnen seine
Bildung, seine Humanität, seine „Religion der
Liebe 44 zu bringen, um sie aus der Nacht der Bar¬
barei zu erlösen und zu einem höheren Menschen¬
tum emporzuführen. Es geschah in einer Zeit, da
der europäische Mensch die Gewalten der Natur
bezwungen und in seine Dienste gestellt hat. Das
Dampfross trägt ihn vom äussersten Westen Europas
bis nach dem äussersten Osten Asiens; der elek¬
trische Funke wird bald auf unsichtbaren Bahnen
seine Gedanken um das Erdenrund tragen. Er
leuchtet in die dunkelsten Tiefen des mensch¬
lichen Leibes wie der leblosen Natur hinab. Er
ruft Kongresse zusammen, um die Greuel des
Krieges zu mildern oder diesen ganz abzuschaffen,
um das Los der Sträflinge in seinen Zuchthäusern
zu verbessern, um die verheerenden Krankheiten
zu bekämpfen. Aber die Bestie in seinem eigenen
Innern hat er nicht gebändigt, ihre blutrünstigen
Instinkte hat er nicht bezwungen. Frisch und un¬
gebrochen lodern sie empor, alles ringsum ver¬
wüstend und vernichtend, — wenn nur der ge¬
ringste Anreiz sich darbietet.
Der Anreiz? Er ist immer da. Die Schwäche
des Schwachen ist es, die den Starken unaufhör¬
lich stachelt; die Schutzlosigkeit des Ohnmächtigen,
die den mit Gewalt Ausgerüsteten anspornt. Und
es bedarf nur der geringsten Wallung, damit „du
deine Tätzchen färbest in meinem Blute". Ohn¬
macht, Schwäche, Wehrlosigkeit sind in unserer
Welt keine Schutzbriefe, keine Empfehlungen. Sie
regen nicht die Grossmut, nicht das Mitgefühl der
Starken an, sondern fordern nur ihre Raublust und
Mordgier heraus. Es ist hinieden ein Verbrechen,
das Verbrechen, schutzbedürftig, wehrlos und zu
keiner Verteidigung gerüstet dazustehen. Ihr fragt:
was haben jene Unglücklichen verbrochen, dass
über sie die Wut des Pöbels wie ein Orkan herein¬
brach ? Müssige Frage: sie waren die Schwächeren,
das war ihr Vergehen! Sie waren die Wehrlosen,
das war ihre Sünde! Sie sind die Heimatlosen,
die Fremden — das ist ihr Verbrechen!
Bei allen derlei traurigen Anlässen hat sich ja
die vielgeschmähte jüdische Solidarität glänzend
bewährt. Wohl schämen sich unsere Feinde nicht,
selbst diese Betätigung der Barmherzigkeit uns zum
Vorwurf zu machen, und bedenken dabei nicht,
dass, indem wir an den unglücklichen Brüdern
Liebe üben, wir ihnen dadurch nur das gewähren,
was ihnen sonst versagt bliebe, dass wir also nicht
nur ihre Leiden lindern, sondern in ihnen auch das
Gefühl ihrer Menschenwürde wach erhalten, ihre
menschlichen Regungen nicht entweiht und ver¬
wildert werden lassen.
Aber indem wir diesmal den Verfolgten zu
Hilfe eilen, möchten wir doch bedenken, dass es
auf Sand bauen hiesse, wenn wir es bei der vor¬
übergehenden Hilfe bewenden Hessen und nicht
vielmehr der Zukunft vorbauen würden. Es genügt
nicht, dass wir die Wunden, welche die jüngste
Vergangenheit geschlagen, zu heilen versuchen. Wir
müssen vorausschauend dem Uebel vorzubeugen
trachten, den Unglücklichen, die gleichsam auf
unterminiertem Boden stehen und, heute beschwich¬
tigt, ihres Morgens nicht sicher sind, die Möglich¬
keit zu einem ruhigen, von keiner ähnlichen Gefahr
bedrohten Dasein auf festem Grunde zu bieten.
Die grossen jüdischen Institutionen, die sich mit
der Wohltätigkeit befassen, müssten ihrer Tätigkeit
eine weitergehende soziale Bedeutung verleihen, sie
müssten sich eng zusammenschliessen, um gemein¬
sam an der Verwirklichung der grossen Aufgabe
zu arbeiten, den stets bedrohten Teilen des jüdischen
Volkes einen schützenden Hafen zu sichern, in
in welchem sie für die Dauer geborgen wären.
Die materielle Hilfe für die von dem grausigen
Unglück Betroffenen wird ja unzweifelhaft gross¬
artige Dimensionen annehmen. Aber nichts wäre