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Die jüngste Lehre.
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verfehlter, angesichts des furchtbaren, unbeschreib¬
lichen Unglücks sich mit der momentanen Hilfe zu
begnügen und sich damit zu vertrösten, dass die
Verfolgungen nur eine vorübergehende Erscheinung
wären und bald bessere Tage kommen würden.
„Es kommen bessere Tage!" Das war ja der
ewige Refrain, der aus allen Buss Hedem und Trauer¬
gesängen erklang, mit denen unsere Vorfahren ihren
Leidensweg durch die Jahrhunderte begleiteten.
Diese Zuversicht war für sie die Quelle des Trostes
und der Kraft zum Ausharren in der Not. „Es
kommen bessere Zeiten!" . . . Auch die späteren
Geschlechter hofften und vertrauten auf die Macht
der fortschreitenden Kultur, der zunehmenden Auf¬
klärung, erwarteten tatenlos und sehnsüchtig das
goldne, messianische Zeitalter, das ja schon „vor
der Türe stand : '. Dann brach es herein, dieses
goldne, messianische Zeitalter. Und wir sind seit
einem Vierteljahrhundert Zeugen, wie es in den
älteren und jüngeren Kulturländern Europas, in
Deutschland, Oesterreich, Frankreich, nicht minder
wie im Osten, die Hoffnungen der Alten Stück für
Stück zu nichte macht. Die Geschichte der Juden
Europas in den letzten fünfundzwanzig Jahren wird
die Epoche des Antisemitismus der Blutbeschuldi¬
gungen, der Entrechtungen, der Zurücksetzungen,
der Verfolgungen und der zerronnenen Hoff¬
nungen genannt werden!
Aber das mitten in diesen Begebenheiten her¬
anwachsende Geschlecht ist aller Illusionen bar. Es
will nicht mehr die besten Kräfte seines Herzens
und Geistes darauf verwenden, eitlen Hirngespinsten
nachzujagen, die beim grellen Schein der rauhen
Wirklichkeit in ein Nichts sich auflösen. Sie, die
man Utopisten und Träumer schilt, sind es, die
dem Leben, wie es ist, ins Auge blicken. Sie
wollen nüchtern und besonnen schaffen, um dem
heimatlosen Volke eine dauernde Heimat zu er¬
ringen, keine Herberge mehr, aus der der „Wirt"
den Gast sanft oder unsanft hinausbitten oder hin¬
ausjagen darf. Laut spricht die Geschichte unserer
Zeit zum jüdischen Volke: „Baue dir dein eigen
Haus!" . . . Möchte doch das ganze Judentum
auf diesen Ruf horchen, dann wird auch das Blut
der jüngsten Tage nicht umsonst geflossen sein!
DIE ALLIANCE ISRAELITE UNIVERSELLE.
Von Dr. H. M. C. (Berlin).
Die im vierten Heft von „Ost und West"
seitens des Herrn Dr. Bemfeld ausgesprochene Er¬
wartung, dass demnächst von der Alliance eine
stärkere Propaganda zu erwarten sei, hat sich jeden¬
falls schneller erfüllt, als er gedacht hat. Ungefähr
zur selben Zeit, zu der die Leser von „Ost und
West" sich an seinem Artikel erfreuen konnten,
hat das Lokal-Comite Berlin einen Aufruf für die
Alliance verbreitet.
Wenn in den letzten Jahren die Alliance in der
Oeffentlichkeit wenig hervorgetreten ist, so lagen
hierfür verschiedene Ursachen vor. Durch die
Schenkungen des Barons und der Baronin Hirsch
waren der Alliance so reiche Mittel zugeflossen,
dass im Verhältnis dazu die Beiträge der Mitglieder
nur etwa 11 Prozent ausmachten, also eine geringe
Rolle spielten, und deswegen wohl in Paris die
Propaganda zur Gewinnung neuer Mitglieder
nicht besonders betrieben wurde, umsomehr, als
die Vergrösserung der vorhandenen Mittel ver¬
mehrte Tätigkeit bei der Verwendung der Mittel
erforderte. Andrerseits bestand auch hier nicht die
Absicht, in eine Propaganda für die Alliance ein¬
zutreten. Speziell bei dem Berliner Comite war
man sich darüber klar, dass es der Alliance an
Mitteln nicht fehle, dass überhaupt für unsere
Glaubensgenossen im Osten vielleicht zu viel Geld
kritiklos verwendet worden war, und dass es sich
mehr darum handle, für eine möglichst zweck¬
mässige Verwendung der verfügbaren Mittel zu
sorgen, als ihren Betrag zu vermehren. Zudem
war zu berücksichtigen, dass viele der dringendsten
Aufgaben in Deutschland selbst der Erledigung
harrten. Es schien uns nicht angemessen, abge¬
sehen von besonderen ausserordentlichen Notständen
intensiver für die Glaubensgenossen in anderen
Ländern zu wirken, solange darüber geklagt werden
musste, dass nicht genügend Geld vorhanden war,
um in den Provinzen jüdischen Religionsunterricht
zu erteilen, jüdische Lehrer zu besolden und vor
Not zu schützen. Wir waren vielmehr der Meinung,
dass die niedrige soziale und politische Stellung der
deutschen Juden, ihre Unkenntnis in jüdischen An¬
gelegenheiten, in erster Linie bekämpft werden
mussten, und dass es deswegen Unrecht sei, so¬
lange dies nicht geschehen, Geld für den Osten zu