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Herausgegeben unter Mitwirkung von Künstlern, Gelehrten und Schriftstellern
von
LEO WINZ.
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Alle Rechte vorbehalten.
Heft 5
Mai 1904
IV. Jahrg.
DAS JUDISCHE KULTURPROBLEM UND DIE MODERNE.
Von A. Coralnik*
Wir alle, die an die Existenzberechtigung
und die Lebensfähigkeit des jüdischen Volkes
glauben, sprechen sehr oft von der „jüdischen
Kultur", von ihrer Bedeutung und ihrem Werte.
Manche Schriftsteller stellen die jüdische Kultur
als das Alpha und Omega, als den Grundhebel
und den Hauptzweck unserer ganzen nationalen
Bewegung, als den eigentlichen Grund unserer
Existenz selbst hin. So z. B. Mathias Acher
in seinem Artikel: „Das westjüdische Kultur¬
problem". Er spricht in einem fort von den
spezifisch-jüdischen Kulturnuancen, von den Ent¬
wicklungsmöglichkeiten des jüdischen Geistes usw.
In dieser Richtung, meint er, müsse sich die
nationale Bewegung der westlichen Juden be¬
tätigen. Ich will nicht an dieser Stelle die Frage
erörtern, ob die Lösung des Problems der jüdischen
Bewegung in dieser Form richtig ist. Die Frage,
die mich hier beschäftigt, hat eine prinzipiellere
Bedeutung und dringt tiefer in das Wesen der
Sache. Ich will die Voraussetzung machen, alle
Hindernisse seien aus dem Wege geschafft, dem
jüdischen Volke sei vollkommene Entwicklungs¬
möglichkeit nach allen Richtungen hin geboten;
es sei auf eigenem Boden und unter fremden
Nationen ein freies Glied der Kulturgemeinschaft.
Und dann befreit sich endlich einmal das jüdische
Volk von den Fesseln der fremden, aufgezwun¬
genen Kulturen, die seinen Geist einschnüren —
und tritt nun an die Arbeit, eine eigene, autoch-
thone Kultur, eine ganze, einheitliche, in allen
Teilen harmonische Weltanschauung auszubilden.
Wir klagen doch immer über den inneren Riss,
über die Spaltung der jüdischen Seele — und
nun, nachdem diese Spaltung überbrückt, die
Harmonie zwischen Jude und Mensch wieder
hergestellt wurde, wie wird dann das jüdische
Volk seine Aufgabe erfüllen? Welche neuen Werte
wird es der Welt offenbaren, wie wird sich die
eigene, die „jüdische" Kultur gestalten? Ich
habe absichtlich diese Betrachtungsform gewählt,
um sozusagen ein ideales System zu entwerfen,
wo alle Teile zu einander passen und wo eine
Reibung infolge der wirklichen Unebenheiten,
Unregelmässigkeiten, Abweichungen den Gang
der Berechnung nicht beeinträchtigen könnte.
Und aus dem idealen Resultate können wir dann
mit Rücksicht auf die tatsächlich bestehenden
Verhältnisse auch auf die Wirklichkeit und auf
die Gegenwart schliessen.
Nun also, nachdem wir von den gegen¬
wärtigen hemmenden, schädigenden Ursachen
abstrahiert haben, um die jüdische Kultur als solche
in ihrem inneren Wesen, in ihren Bestandteilen
und Entwicklungskeimen, in ihren noch möglichen
Bahnen und Formen als ein „Ding an sich" zu
betrachten, stellen wir uns dann die Frage, was
ist denn eigentlich die jüdische Kultur überhaupt,
und was hat man unter diesem Worte zu ver¬
stehen? Wir müssen vor allem bemerken, dass
man unter dem Worte Kultur zwei ganz verschie¬
dene Begriffe bezeichnet, nämlich den bereits vor¬
handenen, gewordenen, kristallisierten Ideen- und
Wertekomplex, und die Fähigkeit, die diesem oder
jenemVolke innewohnt, bestimmte Werte, bestimmte
Ideen hervorzubringen, die innere zwingende,
notwendige Macht des Geistes, die Schranke der
Persönlichkeit, die Grenze der Schaffensmöglichkeit.
Und man meine nicht, diese zwei Begriffe seien
identisch. Potentielle Energie und die zur Tat