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AUS DER „JARGON"-WELT.
Von Eva Mirjam.
Der vielgeschmähten und doch so wunder¬
sam tiefen und innigen jüdisch-deutschen Sprache
ist in unseren Tagen eine Entfaltung ermöglicht,
die noch vor einem Jahrzehnt selbst ihre eifrigsten
Pfleger und Förderer nicht zu erhoffen gewagt
haben. Wenigstens nicht in Europa. Denn in
Amerika, wo Hunderttausende unserer Volks¬
brüder eine neue Heimat gefunden haben, hat
auch die alte Sprache eine neue Heimat ge¬
funden. Und sie hat sich dem Ansturm der
fremden Sprache gegenüber behauptet, wenn auch
das Englisch auf den „Jargon" stark abgefärbt
und viele Bildungen in das alte Sprach gut ein-
gepresst hat. Die bürgerliche Emanzipation, die
zum Beispiel in Deutschland gleichbedeutend mit
der Emanzipation vom Jüdisch-deutschen war,
hat in Amerika diesem Idiom, eine ungeahnte
EntWickelung gegeben. In der „Freiheit" konnte
es sich in einer grossen Reihe von Tageszeitungen
ausbauen, weil seine ungewöhnliche Biegsamkeit
und Schmiegsamkeit der andringenden Fülle neuer
Worte und Begriffe standhielt und sich in diesem
Ringkampf steigerte. In Russland haben wir erst
seit einem Jahre eine jüdisch-deutsche Tages¬
zeitung: „Der Freind". Welche Wendung seit
den Zeiten, da Perez seine „Jontefblättlachs" er¬
scheinen Hess und in Sammelbüchern, wie
„Literatur und Lebben" jungen Künstlerkräften
Oeffentlichkeit schuf und dem von den alten
Büchern zur Gegenwart drängenden, bildungs¬
gierigen Volk geistige Nahrung gab! Das leiden¬
schaftliche Lesebedürfnis der grossen Masse kann
jetzt erst für die nationale Erziehung nutzbar ge¬
macht werden. Indem die jüdisch-deutsche Presse
die hastigen Ereignisse des Tages registriert,
wendet sie den Blick der Masse auf die treibenden
Kräfte der Geschichte und schafft mittelbar und
unmittelbar Verständnis für Disziplin und Ab¬
schleifen der Individualität zum Ganzen, Sinn für
die Grundlagen und Voraussetzungen echter
Volkskunde und den Antrieb zu moderner Ge¬
staltung eigener nationaler Zukunft: Denn die
jüdisch-deutsche Presse bringt nicht wie die
„Judenpresse" anderer Länder mit der Bildung
zugleich Entfremdung vom Judentum. Belehrung
und Aufklärung sollen vielmehr unseren Volks¬
organismus bereichern und stärken. Es ist ein
bedeutsames Zeichen der Zeit, dass heut bereits
die zweite Tageszeitung jüdisch - deutscher
Sprache in Russland erscheinen kann: „Der
Tag". Sie ist aus der ältesten hebräischen
Tageszeitung, dem „Hamelitz", hervorgegangen,
der nach 42jährigem Bestehen sein Erscheinen
einstellt. Er war senil geworden und hatte sich
zu einem typischen Philisterblatt herabverödet,
so dass der junge literarische Nachwuchs sich
von ihm fernhielt. An Lesern hatte es dem
Blatt selbst in den letzten Jahren nicht gefehlt.
Und es ist wahrscheinlich, dass es wieder ver¬
jüngt aufblühen wird, wenn „Der Tag" erst ins
rechte Gleis gekommen ist.
Wir stehen aber erst am Anfang dieser neuen
Entwickelung. Man vergesse nicht, dass es sich
um das Lesebedürfnis von 6 Millionen Menschen
handelt, von denen immer neue Schichten empor¬
drängen und emporgedrängt werden. In wenigen
Jahren schon wird es eine grosse jüdisch-deutsche
Journalistik auch in Russland geben. Schon jetzt
wird bekannt, dass auch für Odessa eine neue
Jargon-Tageszeitung konzessioniert ist, „Die
Zeit", die im April erscheinen dürfte, und andere
werden folgen.
Daneben arbeiten in ihrer Weise kleinere
KÄTHE MÜNZER. ABGEORD. DR. MAX HIRSCH.