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Salo Lewin: Am Sabbat-Anfang.
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ein tiefer Friede über dem Städtchen. Am tiefblauen
Himmel ist ein erster Stern erwacht.
Beide gehen in tiefen Gedanken, doch jeder weilt
in einer anderen Welt. Plötzlich, unvermittelt fragt der
Sohn: „Vater, ßa st Du jemals in Deinem Leben ge¬
liebt?" Da entgegnet der Vater feierlich und eindring¬
lich und seine Stimme erklingt nicht jüdelnd, sondern
ernst, wie die eines Propheten: ,,Wie heisst: geliebt?
, — Als ich Deine Mutter kennen lernte, haben wir
beide nichts gehabt. "Wir haben dann hart kämpfen
müssen und haben gelebt und gelitten!"
Wie sie ins Zimmer treten, erfüllten sie die Sabbat¬
lichte mit einer grossen Feierlichkeit. Der Vater sagt:
„Gut Schabbes." Der Sohn ist den ganzen Abend
stumm. — In seiner Stube konnte man aber noch tief in
der Nacht die Lampe brennen sehen.
AUS DER JÜDISCHEN SAGEN- UND MÄRCHENWELT.
Von Bar-Ami.
IV. 1 )
Nachdruck verboten.
Eine Nacht im Paradiese.
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Es fuhr einmal ein armer Mann durch einen tiefen
Wald. Er hatte nur einen alten zerbrochenen Wagen
und ein armes, kleines Pferdchen, und wie er sich so
dahinschleppte, kam der Freitag und es wurde Abend.
Da musste er nun stehen bleiben und den Sabbat
feiern. Er gab seinem Pferdchen Futter, betete und
holte aus dem Sack ein
trockenes Stück Schwarz¬
brot hervor und hielt das
erste Sabbatmahl. Das¬
selbe tat er am Morgen
und am Abend des Sabbat¬
tages. Und wie er so allein
mit seinem Pferdchen im
wilden Walde dastand, ge¬
dachte er der alten Zeiten,
da er noch reich war und
den Sabbat ganz anders
feierte, als hier auf dem
Wagen mit einer Krume
Schwarzbrot. Da sass er
mit Frau und Kindern und
hatte zahlreiche Gäste bei
Tische, und sie sangen die
schönen Sabbatlieder, wie
es Gott gebietet, und man
trug die besten Speisen aut
und trank Wein und war
fröhlich von Herzen. Und
wie er so nachdachte,
wurde ihm immer trauriger
zu Mute, und er fing an
zu weinen: „Nun habe ich
mich mein ganzes Leben
redlich gemüht und ge¬
rackert, und am "Ende ist
es so weit mit mir ge¬
kommen. Warum straft
mich Gott so hart? Frei¬
lich, meines Anteils an
der anderen Welt bin ich ALPHONS LEVY.
sicher, und nachdem ich Jom
meine Sünden abgebüsst
habe, werden mir alle Herrlichkeiten des Paradieses zuteil
werden. Aber wenn Gott mir für einen Teil jener
Herrlichkeiten, die mich im Himmel erwarten, ein
klein wenig irdische Güter geben wollte, damit ich es
nicht nötig hätte, mich so bitterlich zu plagen! 1 * Mittler¬
weile wurde es Nacht. In den alten guten Zeiten
!) Siehe „Ost und West" Heft IV.
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pflegte er zu dieser Stunde am Ausgang des Sabbats
das Geleitemahl,, das Festmahl des Königs David, ab¬
zuhalten. Was war da für eine Freude und Lustig¬
keit im Hause; man sang die Eliah-Lieder und „sagte
Thora" 2 ) und erzählte schöne Geschichten, bis der
Morgen graute. Und jetzt sass er da im finstern Walde
und hungerte, denn das Schwarzbrot war schon zu
Ende. Und wie er sich
an das alles erinnerte, er¬
hob er die Augen und be¬
merkte in der Ferne ein
Lichtlein. Dem Lichtlein
ging er nach und gelangte
in ein kleines Häuschen,
wo er eine alte Frau
fand. Die alte Frau bot
dem Ausgehungerten eine
Portion Fische an, die ihr
vom Sabbatmahl geblieben
war. Natürlich wollte er
zuerst die Semiroth für
den Sabbatausgang singen.
Er fing an, in der Stube
auf und ab zu gehen und
zu singen und wurde nicht
so bald fertig. Da kam
zu ihm ein Mann und
sprach: „Komm 1 , ich lade
dich zum Geleitemahl".
Er fasste ihn bei der
Hand und führte ihn durch
eine unterirdische Höhle
einen weiten, weiten Weg,
bis sie nach einem Raum
gelangten, der voll war
von Licht, dass es aussah
wie. bei hellem Tag. Da¬
rinnen sassen viele Men¬
schen, junge und alte. Es
waren lauter schöne Men¬
schen, und sie sahen sehr
PARIS. edel aus. Alle hatten
Kippur. weisse Gewänder an, und
als die beiden hereinkamen,
gab man ihnen auch weisse Gewänder zum Anziehen.
Dann setzten sie sich an den Tisch, und einer stimmte
einen Gesang an, und alle sangen mit, und das war der
schönste Gesang, den er je gehört. Dann sagte ein
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m
2 ) „Thora sagen" heisst bei Tische einen gelehrten
Diskurs über ein biblisches Thema oder über eine Talmud-
steile halten.