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Bar-Ami: Aus der jüdischen Sagen- und Märchenwelt.
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Spitze eines Minjans von zehn erwachsenen Männern,
die alle gelehrt und fromm waren, nach dem Friedhof
jener Stadt, trat an das Grab und hörte die Klage des
Verstorbenen an. Ihm kränkte am meisten die Be¬
leidigung, die ihm der Pächter zugefügt, und die ihm
in der anderen Welt keine Ruhe liess. Der Rabbiner
hörte beide Patteien an und fällte ein Urteil, dass der
Pächter der armen Witwe auch fernerhin die volle
Pension auszuzahlen und dann für ihre Kinder zu sorgen
habe. Der Tote gab sich zufrieden. Aber der
Rabbiner konnte sich nicht enthalten und fragte ihn:
„Wodurch hast du, der du ja erst einige Wochen auf
der anderen Welt weilst, bei Gott die Gnade erreicht,
dass er dir die Macht gab, einen Lebenden vor Ge¬
richt zu fordern?" Der Verstorbene antwortete: „Ich darf
es sagen, da ich tot bin, und es mir nicht als Selbst¬
lob angerechnet werden wird. Bei Lebzeiten kannte
ich eine arme Frau, die jede Woche gezwungen war,
ihre einzige Kupferschüssel zu versetzen, um den Sabbat
feiern zu können. Als sie eines Tages nicht hatte, bei
wem die Schüssel zu versetzen, ergab sie sich in
Gottes Willen und hoffte auf seine Hilfe, und ich war
derjenige, durch den ihr Gott Hilfe sandte, ich lieh ihr
Geld ohne Pfand und ersparte ihr die Beschämung.
Dank ihrer Fürsprache erfuhr ich keine Qualen des
Grabes und sah auch nicht das Antlitz der Hölle,
sondern die Pforten des Paradieses taten sich gleich
vor mir auf. Darum wurde mir auch die Gnade ge¬
währt, den Schuldner, der mein Andenken geschmäht,
vor Gericht zu fordern."
Der zweite Jüdische Turntag. Am 23. und 24. April
hat in Berlin die zweite ordentliche Versammlung der zur
Jüdischen Turnerschaft gehörigen Vereine, der sogenannte
„Jüdische Turntag", stattgefunden.
Ausser den Vertretern des über 500 Turner zählenden
Berliner jüdischen Turnvereins „Bar Kochba" waren folgende
Bundesvereine vertreten: Köln, Wien, Mährisch-Ostrau,
Bielitz, Graz, Oderfurth, Stettin und Lemberg. Ausserdem
wohnten Abgeordnete der dem Verband noch nicht ange¬
hörenden jüdischen Turnvereine von München, Aachen und
Posen den Beratungen des Turntags bei.
Eingeleitet wurde der Turntag durch einen vom Turn¬
verein „Bar Kochba" veranstalteten Palästinawein-Begrüssungs-
kommers, zu dem ausser Hunderten von Turnern nebst Auge¬
hörigen eine grössere Anzahl von bekannten Führern der
jüdischen Bewegung erschienen waren.
Der Turntag selbst wurde am 23. April durch den Vor¬
sitzenden der „Jüdischen Turnerschaft", Dr. Ernst Tuch-
Charlottenburg, feierlich eröffnet. Der Turntag hat an diesem
und dem folgenden Tage eine Fülle von Arbeit in erspriess-
lichster Weise bewältigt. Zunächst galt es, den Mängeln der
bisherigen Organisation abzuhelfen und ein Statut zu schaffen,
das der Eigenart der fraglichen Verhältnisse gerecht wurde-
Nach dieser Richtung hin ist ein voller Erfolg zu verzeichnen.
Vor allem ist ein glücklicher Gx-iff mit der Organisierung
der sog. Obmannschaft, d.h. der Vorsitzenden der sämtlichen Ver¬
bandsvereine, getan worden. Dieses neue Organ gewährleistet
eine engere Fühlungnahme der einzelnen Vereirje mit der Zentrale.
In propagandistischer Beziehung waren die Anregungen
des Dr. Ludwig Werner-Wien imd Julius Berger-Köln be¬
sonders wertvoll. Auch die Ausführungen des Turnlehrers Rudolf
Pollak-Wien über den Turnbetrieb in den jüdischen Turnvereinen
werden in vielen Punkten für die Zukunft massgeblich sein.
Zur Ermöglichung und Förderung einer systematischen
und wirksamen Propaganda erscheint der Beschluss. einen
Fonds für die „Jüdische Turnerschaft" zu schaffen, von
ausserordentlicher Bedeutung.
Endlich sei noch auf die Referate hingewiesen, die die
Stellungnahme der „Jüdischen Turnerschaft" zum Zionismus
und zu den nichtjüdischen Turnverbänden behandeln. Ueber
das erste Thema sprach Dr. Jalowicz. An das Referat schloss
sich eine lebhafte Debatte, in der sich völlige Einigkeit aller
Redner darüber ergab, dass die „Jüdische Turnerschaft" mit
dem Zionismus die national-jüdische Basis gemein habe, dass
sie aber nach ihren Satzungen keinerlei poli tische Zwecke verfolge.
Das Referat von Theobald Scholem-Berlin über die Stellung
der Jüdischen Turnerschaft zu den anderen Turnverbänden
führte zur einstimmigen Annahme nachfolgender Resolutionen:
1. Der zweite Jüdische Turntag erklärt, dass die Stellung
der „Jüdischen Turnerschaft" gegenüber den anderen
Turnverbänden gegeben ist durch den § 2 der Satzungen,
welcher lautet:
„Die „Jüdische Turnerschaft" bezweckt die Pflege
,. des Turnens als Mittel zur Hebung des jüdischen
Stammes im Sinne dec national-jüdischen Idee.
Unter National-Judentum verstehen wir das Bewusst- j
sein der Zusammengehörigkeit aller Juden auf Grund
gemeinsamer Abstammung und Geschichte, sowie den
Willen, die jüdische Stammesgemeinschaft auf dieser
Grundlage zu erhalten.
Der Verband verfolgt keine politischen Zwecke."
Der „Jüdische Turntag" stellt fest, dass sich diese
Zwecke und Ziele nur in der „Jüdischen Turnerschaft"
erreichen lassen.
Aggressive Tendenzen liegen der „Jüdischen Turner¬
schaft" fern.
2. Der zweite „Jüdische Turntag" gibt seinem lebhaften Be¬
dauern darüber Ausdruck, dass jüdische Mitglieder des
Kreises 15b der „Deutschen Turnerschaft" trotz der juden¬
feindlichen Stellungnahme des Kreises 15b sich nicht
ihres jüdischen Volkstums bewusst geworden, sondern in
der „Deutschen Turnerschaft verblieben sind.
Nach Erledigung der Neuwahlen und nach der Bestim¬
mung des nächsten Turntages, wozu einstimmig Wien ge¬
wählt wurde, schloss der Vorsitzende Dr. Ernst Tuch den
zweiten „Jüdischen Turntag".
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