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Dr. J. Thon: Bezalcl.
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Es ist anzunehmen, dass die
eigentliche gewerbliche Produktion
erst im Laufe von 6 bis 8 Monaten
nach der Einrichtung- der Schule
beginnen wird. Bis zu dieser Zeit
wird vermutlich schon eine ge¬
nügende Zahl Arbeiter ausgebildet
sein. Doch ist es nicht ausge¬
schlossen, dass die praktische
Ausübung der Teppichknüpferei
sogar schon früher in Angriff
genommen wird; si-e bietet nämlich
keine besonderen Schwierigkeiten,
andererseits ist sie so sehr im
Orient verbreitet, dass man wohl
darauf rechnen kann, in Jerusalem
bereits vorgebildete Arbeiter zu
finden, die schon nach kürzerer
Anleitung und Belehrung in der
Schule ihr Gewerbe in befriedigen¬
der Weise werden ausüben können.
Geplant sind ausser der Tep¬
pichindustrie vor allem noch Ton-,
Holz-, Metall- und Steinarbeiten,
eventuell auch Kunststickerei,
Spitzenklöppelei, wie auch einige
geringere Kunstfertigkeit erforder¬
liche Hausindustrien.
Für alle die aufgezählten Ge¬
werbe bietet das heilige Land sehr
günstige Bedingungen. So wird
der orientalische Teppich überall
in der Welt sehr hoch geschätzt
und findet in Europa und Amerika
mit grosser Leichtigkeit und zu
hohen Preisen reichlichen Absatz.
Es gibt kaum ein halbwegs reicheres und mit
Komfort eingerichtetes Haus, in welchem ein
echter orientalischer Teppich fehlt.
Insbesondere in den letzten 20 Jahren nahm
die Teppichindustrie im Orient einen kolossalen
Aufschwung. Der Export, der auf viele Millionen
jährlich sich beläuft, steigert sich von Jahr zu
fahr. Smyrna allein, welches die Teppichmanu¬
faktur seit 1873 (Wiener Weltausstellung) betreibt,
exportiert gegenwärtig jährlich Teppiche im Be¬
irage von 12 Millionen Mark. Merkwürdiger¬
veise nimmt nur Syrien und Palästina mit sehr
;:eringen Ausnahmen an dieser Industrie keinen
Anteil.
Es hat jedes Land, ja sogar jeder Distrikt
i sine eigenen Muster und Formen. Diese Muster
BORIS SCHATZ.
Eine jüdische Mutter.
RELIEF.
werden ietzt vielfach sogar von Künstlern in
Europa in Anlehnung an alte Traditionen der
betrefienden Gebiete entworfen, namentlich hat
ein Herr Hopf in Stuttgart zu diesem Zweck ein
grosses Atelier eingerichtet, das einen " sehr
segensreichen Einfluss auf die Teppichindustrie
des Orients ausübt. Es wird aber sicherlich
niemand behaupten wollen, dass das heilige Land
unseren Künstlern weniger passende Motive zum
Entwerfen von Teppichmusterri bieten wird, als
die Museen, zumal wenn dort eine Sammlung
guter Muster und Entwürfe sowie eine kleine
Bibliothek den Künstlern zu Gebote stehen Avird.
Für die anderen Kunstgewerbe scheint
Palästina gerade das erkorene Land zu sein.
Das heilige Land wird alljährlich nicht • nur