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Dr. J. Thon: Bezalel.
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Es braucht nur angedeutet zu werden, von
welcher weittragenden Bedeutung die Wirksam¬
keit des „Bezalel" für die kulturelle Hebung der
Bevölkerung sein wird. Wird doch schon die
Arbeit an sich neue, von einer in Müssiggang
versunkenen Bevölkerung bis dahin nicht emp¬
fundene Bedürfnisse wecken, höhere Anforde¬
rungen an das Leben stellen lehren, ganz be¬
sonders aber wird durch diese Art von Beschäfti¬
gung das Kulturbedürfnis der Bevölkerung be¬
schleunigt werden. Die Ausübung eines Ivunst-
handwerks wird ihren ästhetischen Sinn bilden;
es werden so unter der in Schmutz verkommenen
Bevölkerung Leute sich ausbilden, denen Reinheit,
Ordnung, äussere Schönheit zu einer Lebens¬
notwendigkeit werden wird. Kann ihre er¬
zieherische Wirkung auf alle anderen, auf ihre
Väter, Brüder und zunächst die Jüngeren unter¬
schätzt werden? Kann man die Bedeutung er¬
messen, die der mehrjährige Aufenthalt hervor¬
ragender Künstler auf die Bevölkerung des Landes
ausüben wird?
In Verbindung mit der Kunst¬
gewerbeschule in Jerusalem ist schon
jetzt eine Sammlung kunstgewerb¬
licher Werke und künstlerischer
Arbeiten in Aussicht genommen, die
sich vielleicht mit der Zeit zu einem
jüdischen Museum entwickeln wird.
Schon sind dem „Bezalel" eine
Reihe hervorragender Kunstwerke
zur Verfügung gestellt. Viele wert¬
volle Kunstgegenstände und kostbare
Bücher sind ebenfalls der Schule
bereits geschenkt worden. Es bedarf
keiner weiteren Worte, um zu be¬
weisen, dass neben den Kunstschulen
nichts geeigneter ist, bei der Be¬
völkerung Verständnis für höhere
Kulturwerte zu wecken, als ein
solches Museum, und wir könnten
stolz darauf sein, wenn das erste
derartige Institut im Orient, wie wir
es hoffen, ein jüdisches sein würde.
Aber nicht nur der künstlerischen
Erwerbung des Orients dient der Bezalel, sondern
gleichzeitig auch der moralischenHebung der
Bevölkerung.
Wenn jede Arbeit den Menschen veredelt,
und speziell den erst zur Selbstachtung und
eigentlichen Menschenwürde erhebt, der durch
sie aufhört, Fremde anzuflehen, und lernt, durch
eigene Kraft sich zu helfen, um wie viel mehr
wird eine solche Arbeit das Gute im Menschen
grossziehen, in welcher es keine rücksichtslose
Konkurrenz, keinen gegenseitigen Kampf ums
tägliche. Brot geben wird! Als Genossen, und
nicht wie Feinde werden die einzelnen einander
begegnen. Es kann sich höchstens — und das
wird wahrscheinlich eintreten — ein Wettstreit
um besseres Können entfalten, eine Rivalität,
welche nur Anregungen zu besserem Schaffen gibt.
In dieser auf friedlicher Gemeinschaft be¬
ruhenden Organisation werden es alle bald lernen,
dass der Mensch dem Menschen mit guter und
freundschaftlicher Gesinnung sich nähern soll,
dass die Menschen miteinander sich verbinden
müssen, um Gutes und Wertvolles
zu schaffen.
Mit nüchternem Sinn geht man
jetzt nur daran, unseren Brüdern in
Palästina Arbeits- und Erwerbsmög¬
lichkeit zu bieten und werden weiter¬
gehende, wiewohl innigst gehegte
Wünsche unserer Künstler, auf alt¬
heimatlichem Boden jüdisch-künst¬
lerischem Schaffen einen an An¬
regungen reichen Sammelpunkt zu
errichten, der eigenen Entwickelung
der Dinge überlassen. Doch darf
man vielleicht von dieser in ihrer
Art ersten jüdischen Schule, die
nach dem Altmeister unserer Sage
benannt ist, auch erwarten, dass
viele jüdische Künstler in ihr ein
ersehntes vereinigendes Band finden
werden. Vielleicht gelingt es ihnen,
auf ihr als Grundsteindort, wo das
A JAHN STATUETTE Heiligtum unseres Kultus war, das
Nathan der Weise. Heiligtum unserer Kunst zu errichten.