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JUEDISCHE VOLKSKUNDE.
Von Bezirksrabbiner Dr. Max Eschelba cher-Bruchsal.
, Die Geschichtsschreibung beginnt überall mit
der Darstellung der Ereignisse, die in die Augen fallen,
mit der Schilderung der Katastrophen, der Haupt-
und Staatsaktionen. Erst später wendet sie sich der
Geschichte des Alltagslebens zu. Die Taten der Könige
haben ihre Sänger gefunden, als noch niemand an das
Leben des niederen Volkes dachte. Aehnlich ist auch
der Entwicklungsgang der Geschichtsschreibung des
Judentums. Auch sie hat mit der politischen Ge¬
schichte begonnen, mit der Erzählung von Kämpfen
und Vertreibunger», mit der Schilderung des Lebens
grosser Männer. Allmählich erst ist sie dazu über¬
gegangen, nach dem Tagewerk und nach dem Er¬
gehen der breiten Volksmassen sich umzusehen.
Auf diesem Sondergebiet der Kulturgeschichte
liegt die Tätigkeit einer verdienstvollen Gesellschaft,
der „Gesellschaft für jüdische Volkskunde"' in .Ham¬
burg, tiegründet von dem damals Hamburger, jetzt
Wiener R a b b i n e r Dr. M a x G r u n w a 1 d.
Die Gesellschaft hat in.Hamburg ein Museum für
jüdische Volksskunde errichtet und gibt als ihr
Organ eine wertvolle Zeitschrift heraus, die „Mit¬
teilungen zur jüdischen Volkskunde". Ganz ähnlich
wirkt die „Gesellschaft zur Erforschung jüdischer
Kunstdenkmäler" in Frankfurt, die auf Veranlassung
von Heinrich Frauberger, Direktor des Gewerbe-
museumsjin Düsseldorf, begründet wurde.
OSCAR HAHERER. AMSTERDAM.
Segelboote.
Nachdruck verboten.
Die „Mitteilungen", deren zwölfter Jahrgang
nunmehr vorliegt, haben ausserordentlich t inter¬
essanten Inhalt. Bedeutende Männer haben an
ihnen mitgearbeitet. In erster Reihe muss der ver¬
storbene Dresdener Sammler Albert W o 1 f ge¬
nannt werden, der sehr wertvolle Arbeiten geliefert
hat. So eine Abhandlung „Fahrende Leute bei den
Juden", einen Bericht von fahrenden jüdischen Mu¬
sikern, von den Marschaliks und den Klesmorim des
Ostens und ähnlichen Erscheinungen. Wolf beginnt:
„Die Vorsehung hat den .Juden ein glückliches Tem¬
perament verliehen. Trotz aller IBedrückungen und
Verfolgungen brach bei ihnen die Lebensfreudigkeit
immer wieder durch." Was er von diesen wan¬
dernden Musikanten berichtet, das bestätigt auf
Schritt und Tritt die Wahrheit dieser Behauptung.
.Voch grösseres Interesse bietet Wolfs ausgedehnte
Untersuchung „Etwas über jüdische Kunst und ältere
jüdische Künstler". ,.Mit dem Kleiss des Liebhabers
sind hier Beobachtungen über jüdische Künstler
aus 'früherer Zeit zusammengestellt; ganz besondei'S
werden aus allen Zeiten und allen Ländern Nach¬
richten über Kunsthandwerker, Goldschmiede,
Steinschneider nachgewiesen. "Ihre Lebensläufe sind
häufig nicht nur kunstgeschichtlich, sondern auch
rein menschlich hochinteressant. So wird z. IL ein
Arin Moses Jzchak v. Grahebom genannt, ein Schwede,
der als 12 jähriger Knabe, 1748, Jude geworden war,
der Enkel eines Generals Grafen v. Stenbock: in
Amsterdam wurde er ein berühmter Steinschneider
und ein grosser Talmudist. Später machte ihm ein
Brustleidcn die Ausübung der Steinschneidekunst,
unmöglich, und so wurde er Rabbiner der Gemeinde'
Adass Jcschurun in Amsterdam. Oder wir hören
von einem Samuel Simon, einem Graveur in Paris.
Er wird 1794 des Jakobinismus beschuldigt, aber
wieder ausser Verfolgung gesetzt, da der Chef des
Zentralbureaus der Druckereien und ebenso der Di¬
rektor der ^ Posten vor der konstituierenden Versamm¬
lung aussagen, „dass er sein Amt als Graveur der
Post, der-Fahrpost und des Schatzmeisteramts stets
mit Eifer und Rechtschaffenheit ausgeübt", und da
ihm auch die 29. Kompagnie der Yatorlandsfreundc,
der er angehört, bezeug!., dass er stets seinen Dienst
mit Pünktlichkeit erfüllt und immer den grössten
Eifer bezeugt habe, der leidenden Menschheit beizu¬
stehen, auch immer auf das Wohl des VatcrJards
bedachte Prinzipien an den Tag gelegt habe". Wir
erfahren von einem Bericht des amerikanischen Bei¬
senden Evans Gordon: „Es war seltsam zu sehen,
wie das Dach einer christlichen Kirche durch jüdische
Arbeiter gedeckt wurde, die bei ihrer Arbeit eine
jüdische Hymne sangen." Von solch ausgebreiteter
künstlerischer Betätigung legen auch die alten jüdi¬
schen Bücher Zeugnis ab, vor allem die llaggadas,
von denen Paul Ringer berichtet. Sie sind mit herr¬
lichen Miniaturen geschmückt, mit Bildern, die den
besten christlichen Buchillustrationen des Mittel¬
alters an die Seile sich.stellen lassen. Von den römi¬
schen Juden berichtet Vasari, „dass sie allsabbatlich
in Scharen, wie die Stare, Männer und Frauen, zu
Michelangelos Mosesstatue wallfahrten". Nach Wolfs
Untersuchungen herrschte solcher Kunstsinn auch
an anderen Orten, und der angebliche llass der Syna¬
goge gegen alle Kunst erscheint als eine leere Be¬
hauptung.