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Fabius Schach: Die „Fremdenfrage"
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Nicht nur das Schicksal treibt mit uns Juden sein
ironisches Spiel, sondern wir selbst zeigen den
unseligen Hang, uns zu ironisieren. Nicht nur
durch scharfe Worte, sondern auch durch un¬
selige Taten. Ja, die ganze moderne Fremden¬
frage ist eine bittere Selbstironie. Sie zeigt uns,
daß wir Fremde geworden sind im
Judentum, — daß wir die jüdische Psyche
nicht mehr verstehen. Die jüdische Volksseele,
die sich rein nur noch im alten Schrifttum er¬
halten hat, sucht nach einer körperlichen Be¬
kleidung, um im Leben wirken zu können. Und
sie findet sie nicht. Eine Volksseele ohne Volk!
Gibt es eine größere, tiefere Tragödie?
Die hebräische Terminologie kennt wohl das
Wort Fremder (Ger, Nachri), aber nicht den
Begriff.in rechtlicher Hinsicht. Eine
rechtlose Fremdheit gab es in Altisrael nicht ein¬
mal gegen Glieder fremder Völker. Wir Juden
waren die ersten, die den Grundsatz aussprachen:
„Ein Gesetz herrsche für euch wie für den
Fremden, der in eurer Mitte wohnt." In Israel
brauchte der Fremde sich nicht fremd zu fühlen
und sein Recht wurde nicht verkümmert. Er
brauchte nicht wie in Hellas, wenn ihm Unrecht
geschah, am Gerichte sich durch einen Inländer
vertreten zu lassen. „Barbaren" gab es in Juda
nicht, das Recht schützte alle, sogar den Sklaven
und das Haustier. Ja, wir Juden, denen man die
„Auserwähltheit" als Hochmut und Engherzigkeit
häufig vorgeworfen hat, — wir haben sie stets
nur im Sinne höhererPflichten aufgefaßt.
Aber wir haben diese Auserwähltheit niemals
anderen zum Schaden mißbraucht. Ein Priester¬
volk sollten wir nach der göttlichen Bestimmung
sein, und wir waren es auch. Denn willig nahmen
wir die Bürde hoher sittlicher Pflichten auf uns.
Die Pflichten und nicht die Rechte, das Leiden
und nicht der Genuß heiligen das Leben. Das
war die Lebensphilosophie der jüdischen Lehre.
Hellas öffnete der Welt die Pforten der Schön¬
heit, Juda erschloß ihr das Reich der Sittlichkeit.
Auch in den späteren Jahrhunderten, das
ganze Mittelalter hindurch bis ins 18. Jahrhundert
hinein, blieb der Begriff der Fremdheit der Juden-
heit fremd. Die Grenzen des Landes änderten
sich, die Fürsten wechselten gar zu häufig, und
man kannte kaum die augenblicklichen Landes¬
grenzen, und man machte keinen Unterschied
zwischen der Judenheit verschiedener Länder.
Die ganze Judenheit bildete eine Familie, durch
gemeinsame Ideale und gemeinsame Leiden fest
aneinandergekettet. Bodenständigkeit gab es nur
im geistig-sittlichen Sinne, nicht im materiellen.
Es war ein ewiges Hin- und Herwandern zwischen
Polen und Deutschland. Es ist bezeichnend, daß
der religiöse Ritus der Judenheit des Ostens stets
bis auf den heutigen Tag als „Aschkenas" —
deutsch — bezeichnet wird. Wie sollte da der
Begriff Fremdheit aufkommen können? Lehre
und Glauben bis in die feinsten Nuancen waren
ihnen gemeinsam, die Lebensschicksale meistens
ähnlich. Das Milieu war überall ziemlich das¬
selbe, und Familienbande schlangen sich hinüber
und herüber. Heiraten zwischen polnischen und
deutschen Juden kamen häufig vor, Rabbiner
wurden von dem einen Lande nach dem anderen
berufen, und das Leben in all seinen Zweigen
floß ungehemmt zwischen beiden Gruppen. Die
Messen und Märkte waren die Kongresse für
geistige Berührungen und auch für Familien¬
feste, und die Responsen waren die diploma¬
tischen Noten, die zwischen den Juden verschie¬
dener Länder ausgetauscht wurden. Auf den
Messen kamen Juden verschiedener Länder zu¬
sammen und hier wurden die wichtigsten Er¬
eignisse der Gesamtjudenheit besprochen und
geistige Pläne zur Erhaltung des Judentums ge¬
schmiedet. Hier auch wurden Verlobungen ge¬
feiert und Bündnisse fürs Leben geschlossen.
Und in den Responsen besitzen wir eine kultur¬
historische Fundgrube zur Beurteilung der da¬
maligen inneren und äußeren Verhältnisse. Die
Judenheit der ganzen Welt war damals eine
große Gemeinschaft mit vielen Gruppen,
ein einheitliches Bild, zu dem jedes Land eine
Farbennuance gab. Wem konnte es da ein¬
fallen, den Bruder für fremd zu betrachten, weil
seine Wiege jenseits der Grenze stand? Noch
im 18. Jahrhundert waren fremde Rabbiner und
Kantoren in Deutschland eine tägliche Erschei¬
nung, und unter den Trägern der jüdischen
Wissenschaft in Deutschland finden wir viele
hervorragende Namen von Männern, die im Aus¬
lande geboren waren. Wer in eine Gemeinde
kam, wo Juden lebten, wer das jüdische Gottes¬
haus betrat, brauchte sich nicht als fremd zu
fühlen. Fremd wird im alten Judentum nur als
Ehrenwort bezeichnet. Den Fremden, den
„Orach", ehrte man besonders als teuren Gast, er
wurde als Bote angesehen, der die Grüße der
Brüder aus der Ferne brachte. Und durch alle
Wandlungen und Schicksale erhielt sich diese
grandiose Auffassung von der jüdischen Ge¬
meinschaft bis in die letzten Generationen. Nur
die Juden der maurischen Länder, die „Sephar-
dim", waren hie und da von einem Dünkel be¬
herrscht und sahen von oben herab auf die
„Aschkenasim". Kein Geringerer als Abar-
banell sah in der Austreibung der Juden aus
Spanien die Strafe für diesen aristokratischen
Flochmut.
Erst viel später, gegen Mitte des vorigen
Jahrhunderts, sehen wir das Vorurteil gegen die
fremden Juden in Deutschland entstehen. Und
diese Aversion hat, wie alles Ungesunde, ihren
Ursprung nicht im jüdischen Herzen, sondern
im Intellekt und ist als Begleiterscheinung der
Politik anzusehen. Man glaubte, im Kampfe um
die Emanzipation sich als deutsch legitimieren
zu müssen, und so wurde — bewußt oder un¬
bewußt — der ausländische Jude zum „Fremden".
Aus einzelnen Erscheinungen bildete sich mit der
Zeit ein System heraus, und der Begriff „Frem¬
der" erhielt Bürgerrecht im deutschen Judentum.