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Dr. Leopold Hirschberg: Zwei alttestamentliche Tondichtungen von Giacomo Meyerbeer.
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warf — allerdings ohne Erfolg. Zu denjenigen Israeliten,
welche das Anrecht auf das von ihren Vätern er¬
worbene Gut noch einmal geistig durch ihre Tätigkeit
im Interesse der öffentlichen Wohlfahrt zu erwerben
suchen, gehören Ernesto Artom und der Baron Elio
Morpurgo. Letzterer war zweimal unter den ge¬
mäßigten Ministerien Sonnino Unterstaatssekretär.
Bei dieser Verschiedenheit der Parteistellung der
Israeliten braucht kaum darauf hingewiesen zu werden,
daß ihre Ansichten in den wichtigsten politischen
Fragen häufig auseinandergehen. So traf es sich
zufällig im vergangenen Februar, daß bei der Debatte
über die Ausgaben für den lybischen Krieg hinterein¬
ander Ancona und Modigliani zu Wort kamen, ersterer
für, letzterer gegen den RegierungsVorschlag.
Was die Haltung der Regierung während des
letzten Wahlkampfes den jüdischen Kandidaturen gegen¬
über betrifft, so wurden sie als solche nirgends von
derselben bekämpft, sondern je nach ihrer Partei¬
stellung hatten sie auf Unterstützung oder Gegnerschaft
zu rechnen. Beispielsweise mußte in der Umgegend
von Parma ein jüdischer Kandidat schwere Angriffe
sei ens der gemäßigten Partei aushalten, die immer
wieder in der Presse auf seine Abstammung hinwies,
jedenfalls hat der ehemalige Ministerpräsident Giolitti,
"dem auch der ehemalige Bürgermeister Roms, Ernesto
Xathan, seine Ernennung zum Generalkommissar des
Königreichs Italien bei der Weltausstellung in San
Francisco verdankt, für einen Philosemiten zu uel en.
Denn ni ht nur wurde die Wahl des obengenannten
Marco Cassin, seines persönlichen Freundes, auf alle
Weise von ihm gefördert: er ließ auch zum
Sekretär des Provinzialrats von Cuneo, dessen Vor¬
sitzender Giolitti selbst ist, einen Israeliten ernennen.
Ausserdem wurden auf seinen Vorschlag iui vergangenen
Herbst vom König vier Israeliten in den Senat be¬
ulten, eine Ehre, welche der Berufung auf Lebenszeit
in das preussische Herrenhaus gleichkommt. Hierdurch
ist die Zahl der Israeliten, von denen auch die früher
in den Senat berufenen zum großen Teil Giolitti ihre
Ernennung verdanken, auf sechzehn gestit gen. — Von
den vier neuen Senatoren ist derjenige, dessen Er¬
nennung am meisten Aufsehen erregte, Luigi Deila
Torre in Mailand, weil er als Bankier der sozialistischen
Paitei zu betrachten ist und vor ihm noch keinem
anderen seiner Parteigenossen die Senatorenwürde zu¬
teil wurde. Die oben erwähnte Societä Umanitaria,
seit Jahren in den Händen der Socialisten, wird von
ihm geleitet; von ihm wurde das erste Kreditinstitut
für die Genossenschaftsbanken der Arbeiter Italiens
ins Leben geru f en; lange Zeit war er in seiner Eigen¬
schaft als Mitinhaber des Bankhauses Pisa im Vorstand
der Mailänder Börse; groß war sein Einfluß auf die
Konverlierung der italienischen Rente und den Ab¬
schluß der Konventionen zwischen der Regierung und
den Dampfschiffahrtsgesellschaften.
Die anderen israelitischen Senatoren sind der
Präsident des Provinzialrats von Venedig, Adriano
Diena hervorragend als Jurist und Redner; der eben¬
falls einer venetianischen, um die italienische Unab¬
hängigkeitsbewegung hochverdienten Familie entstam¬
mende Abteilung^ vorstand am Staatsrat (Oberverwaltungs¬
gericht), Gabriele Pincherle, ein scharfer juristischer
Kopf, wie sie in jüdischen Familien dank dem seit
Generationen betriebenen Talmudstudium nicht allzu
selten vorkommen; endlich der Turiner Arzt Bellom
Pescarolo, gleich ausgezeichnet als Spezialist für Nerven¬
krankheiten wie durch seine praktische Wohltätigkeit.
Bei dieser völligen Gleichstellung der Juden im
öffentlichen Leben Italiens — es gibt wohl kein anderes
Land der Welt, in dessen erster Kammer sich so viele
Israeliten befinden, — mutet es wie ein Märchen aus
uralter Zeit an, wenn ma 1 liest, daß noch im Jahre
1861 der Präfekt von Pisa verbieten mußte, die Juden
von der Benutzung des gemeinsamen Badebassins aus¬
zuschließen, was auf Grund veralteter Bestimmungen
versucht wurde!
ZWEI ALTTESTAMENTLICHE TONDICHTUNGEN
VON GIACOMO MEYERBEER
Ein Qedenkblatt zu seinem 50. Todestage (2. Mai 1914).
Von Dr. Leopold Hirschberg.
,,Yon der Parteien Gunst und Haß verwirrt,
Schwankt sein Charakterbild in der Geschichte."
Kein Musiker ist mehr vergöttert, keiner aber
auch mehr angefeindet und verleumdet worden als
Giacomo Meyerbeer. Wenn Hektor Berlioz,
gewiß ein großes, schöpferisches Genie, die Hu¬
genotten eine musikalische Enzyklopädie nennt, die
zwanzig Opern mit vollkommener Lebenskraft er¬
füllen könne, so bezeichnet Robert Schumann
dasselbe Werk als den Gipfel der Gemeinheit, Un¬
natur und Unsittlichkeit. Wenn Heinricjh
Heine, der später über den Propheten in einem
giftigen Pamphlet spottet, erklärt, daß Meyerbeer
von Frankreich seine Grazie und Klarheit, den Sinn
für harmonische Anordnung, von Deutschland seinen
überzeugungsvollen Ernst, den Sinn für das Un¬
endliche habe, worauf dann über alle diese Gaben
die Sonne Italiens ihre melodischen Fluten gieße,
sagt Richard Wagner, daß Robert der Teufel
und die Hugenotten ein ungeheuer bunt¬
scheckiges, historisch-romantisches, teuflisch-re¬
ligiöses^ bigott-wollüstiges, frivol-heiliges, geheimnis¬
voll-freches, sentimental-gaunerisches dramatisches
Allerlei wären. Wie dem auch sei und was gegen
seine Kunstrichtung gesagt werden kann — die
Anerkennung seiner glänzenden Siege und der durch
sie errungenen Macht darf ihm ebensowenig vor¬
enthalten werden, wie es zu leugnen ist, daß er auf
dem von ihm gewählten und eroberten Gebiete der
Hervorragendste, ja der einzig Geltende und Herr¬
schende geblieben ist. Seine Einwirkung auf das
Kunstleben, man möge sie für nachteilig oder
fördernd halten — ich glaube, daß er nach beiden
Richtungen hin gewirkt hat —, ist eine weit, weit
ausgedehnte.
Sie ist es noch heute. Meyerbeer errang seine
Herrschaft durch ein einziges Werk (Robert der
Teufel), steigerte sie durch" ein zweites (Die Hu¬
genotten) und behauptete sie durch zwei nach¬
folgende (Der Prophet und Die Afrikanerin).