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Dr. Leopold Hirschberg: Zwei alttestamentliche Tondichtungen von Giacomo Meyerbcer
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dar. Nicht minder der Hymnus der Priester
am Altar, ein Soloquartett, von Harfe und zwei
Gitarren begleitet:
„Groß ist der Herr,
Und was er tut ist wohlgetan,
Darum betet seinen Ratschluß an."
das als selbständiges Musikstück weiteste Verbrei¬
tung verdient. Höchst interessant, namentlich in
rein instrumentaler Hinsicht, ist endlich die Schlu߬
episode. Schon soll das Opfer fallen, da senden
alle noch ein brünstiges Gebet zum Himmel: „Laß
ein Zeichen uns geschehn!"; und plötzlich er¬
klingen in weiter Entfernung auf dem Theater lieb¬
liche Akkorde der Klarinetten und Fagotte, als wenn
der Herr in sanftem Säuseln sich nahte; der Hohe¬
priester kündet mit g e s p r o c h n e m Wort (immer
von dem seltsamen fernen Klingen begleitet) den
Willen des Höchsten, der nicht am Blut des Opfers,
sondern nur am Gehorsam Gefallen hat. Ein Dank-
und Jubelchor beschließt das Werk.
II. Der 9 1. Psalm.
Während selbst eine konzertmäßige Aufführung
von „Jephtas Gelübde" vorläufig ein frommer
Wunsch bleiben wird und vor einer völligen Um¬
gestaltung des Textes auch in keiner Weise be¬
fürwortet werden kann, liegt bei dem Psalm
nicht die geringste Veranlassung vor, ihn durch
Unterlassung eines Neudrucks der allgemeinen
Kenntnis vorzuenthalten. Wenn Meyerbeer den¬
selben auch für den Berliner Domchor komponierte,
so gibt es doch bei solchen Werten keiner kon¬
fessionellen Schranken; das Psalmenbuch ist ja, wie
Johann Gottfried Herder so schön sagt, ein Gesang¬
buch aller Zeiten, aller Völker und aller Herzen.
Die Veranlassung dieser Tondichtung hat etwas
Rührendes; es ist ein Geburtstagsgeschenk des
62jährigen Sohnes für die 87jährige Mutter. „Trost
in Sterbensgefahr" nennt Meyerbeer das Werk;
stark und mild zugleich, kündet der Sohn der ge¬
liebten Mutter die Macht Gottes und raubt dem
Tode, dem sie ja bald ins harte Auge blicken
muß, seine Schrecken. Gehören schon in den beiden
großen Opern „Robert" und „Prophet" die Szenen,
in welchen Sohnesliebe ihre Verherrlichung findet,
zu den schönsten und ergreifendsten der beiden
Werke, so identifiziert sich in der vorliegenden um¬
fangreichen Komposition der Sohn vollkommen mit
dem Psalmisten, indem er die göttlichen Worte
kündet.
Das Werk verlangt einen nicht geringen Apparat
— zwei Chöre und Solostimmen — und beschränkt
sich dadurch von vornherein nur auf größere Chor¬
vereinigungen; die Schwierigkeiten erhöhen sich
dann durch den Umstand, daß es ohne jede; In¬
strumentalbegleitung (a cappella) ausgeführt werden
muß. Jedenfalls bietet es für größere Synagogen-
Chöre eine edle, erstrebenswerte Aufgabe dar.
Stark und fest künden zunächst die Männer¬
stimmen : „Wer unter dem Schirm des Höchsten
sitzet und unter dem Schatten des Allmächtigen
bleibet, der spricht zu dem Herrn"; und nun brechen
im höchsten, fast jubelnden Fortissimo alle Stimmen
herein: „Meine Zuversicht und meine Burg, mein
Gott, auf den ich hoffe." Zweifellos zeigt sich
Meyerbeer hier von der berühmten klassischen Stelle
in Haydns „Schöpfung" („und es ward Licht") be¬
einflußt; hier wie dort der gleiche überwältigende
Eindruck des fast unvermittelt eintretenden For¬
tissimo. Hatten sich aber schon bei den Worten
„auf den ich hoffe" die stürmischen Wellen des
Chores zu glätten begonnen, so geht der Tondichter
bei der weiteren Ausführung noch mehr in ruhiges
Fahrwasser über; die ausdrucksvolle Sprache der
Dichtung: „Denn er errettet mich vom Strick des
Jägers und von der schädlichen Pestilenz" gibt
ihm Veranlassung zu mannigfachen Tonmalereien.
In überströmender Zärtlichkeit sprechen nun¬
mehr die Solostimmen in einer ganz neuen, sanften
Weise: „Es wird dich mit seinen Fittichen decken
und deine Zuversicht sein unter seinen Flügeln.
Seine Wahrheit ist Schirm und Schild." Und aber¬
mals bietet der Psalmist herrliche Gelegenheit zu
ausdrucksvollster musikalischer Schilderung; das
Grauen der Nacht, die Pfeile, die des Tages fliegen,
die Pestilenz, die im Finstern schleichet, die Seuche,
die im Mittag verderbet — all das sind Bilder,
für die Meyerbeer gar merkwürdige Farben findet;
die chromatischen Sequenzen für die Schilderung
des „im Finstern Schleichens" gemahnen deutlich
an die harmonische Kunst Liszts und Wagners.
Nach der durchaus kräftig gehaltenen Episode:
„Ob tausend fallen zu deiner Seite" usw. leitet die
Musik allmählich zu einer wahrhaften Sphären¬
melodie über, gehoben durch kunstreiche Verteilung
und Abwägung der einzelnen Stimmengruppen. Die
Solisten nämlich — zuerst der Tenor, dann der
Sopran — beginnen mit der sanften, himmlischen
Verheißung: „"Denn er hat seinen Engeln befohlen
über dir"; gleichzeitig aber gesellt sich zu diesen
Seraphim und Cherubim die gläubige, tieferschütterte
Gemeinde, die in demütigem Flüstern die Worte
der Verkündigung nachstammelt. Immer stärker und
mächtiger werden sie: „Auf den Löwen und Ottern
wirst du gehen und treten auf den jungen Löwen
und Drachen", bis endlich eine gewaltige Fuge:
„Ich will ihn sättigen mit langem Leben und wilJ
ihm zeigen mein Heil" die Krönung des Ganzen
bildet. Immer leiser werden die Worte, immer ge¬
dehnter die Akkorde — in tiefem Baßklang ver¬
stummt alles, um in der Stille weiter zu beten und
die Macht Gottes anzustaunen.