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Die Juden in Rußland.
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Dieser Artikel hatte indessen ganz andere
Polgen, als sein Verfasser erwartet hatte. In anti¬
semitischen Kreisen war man wahrscheinlich der
Meinung, daß man eine so gute Gelegenheit nicht
versäumen dürfe, da selbst der „Rjetsch" zuge¬
stehe, daß das Verbrechen ganz nach den Tra¬
ditionen des Rituals begangen worden wäre. Zum
Bew r eise nun, daß diese Ueberlieferungen tatsächlich
existierten und nicht nur in ihrem ganzen Umfang
eingebildet gewesen sind, brauchte man nur den
Nachweis zu führen, daß das Opfer kein Jude, son¬
dern ein Christ gewesen wäre.
Zwei Tage später erklärte die Zeitschrift „Die
russische Flagge" schon ganz offen, daß Jossei
gar nicht der Sohn des Fastower Schneiders David
Paschkow, sondern ein Christenkind wäre, das die
Juden seinen Eltern in der Absicht geraubt
hätten, es Jehovah zum Opfer zu bringen.
Und so mächtig ist die Organisation der
„Schwarzen Hundert", daß die Gerichtsbehörden
fast unmittelbar auf einen aus Petersburg kommen¬
den Befehl ihre Recherchen in diesem Sinne be¬
gannen und entschlossen den Weg verfolgten, den
die antisemitische Presse eingeschlagen hatte.
Wie grenzenlos war das Erstaunen, als man
nach einigen Tagen erfuhr, daß der Vater des
Opfers und einer seiner Arbeiter verhaftet worden
waren. Gleichzeitig meldete die offizielle Te¬
legraphenagentur, daß der Leichnam des kleinen
Jossei als der Sohn einer gewissen Sowalowa er¬
kannt worden wäre, der vor einigen Monaten ver¬
schwunden war.
Die Gerichtsärzte hatten zwar bekundet, daß
das Opfer beschnitten gewesen war, aber die
,,Semtschina" erklärte einfach, daß die Beschneidung
ein paar Wochen vor dem Verbrechen erfolgt sein
könnte.
Alle Nachbarn des Paschkow und selbst die
Polizeibeamten bezeugten, daß der ermordete Knabe
tatsächlich Jossei Paschkow gewesen war, aber die
„Schwarzen Hundert" hatten gleich eine Antwort
bei der Hand: natürlich halfen die Juden sich
gegenseitig und das Zeugnis der Polizei war er¬
kauft. Auf das Betreiben der ,.patriotischen" Presse
wurde der Polizeidirektor versetzt und zwei Polizei¬
offiziere abgesetzt.
Die Gerichtsbehörden entfalteten nun einen
großen Eifer zur Auffindung der Eltern des er¬
mordeten Kindes; außer der Sowalowa fand man
noch eine gewisse Swanoka, dann noch eine Polin
namens Rakitskaja, die alle beide ihre im Flerbst
verschwundenen Söhne in dem kleinen Jossei wieder¬
erkannten. Alle diese Mütter stritten sich unter¬
einander und jede behauptete, die Wahrheit zu
sagen. Inzwischen verkümmerten die wirklichen
Eltern im Gefängnis.
Die Beweise zugunsten der Vaterschaft des
Schneiders Paschkow mehrten sich. Selbst der
Untersuchungsrichter und der Staatsanwalt begriffen,
daß sie auf falschem Wege waren, aber die Furcht
vor den „Schwarzen Hundert" verhinderten sie,
ihrem Gewissen zu folgen und Paschkow in Frei¬
heit zu setzen.
Man berichtete die Sachlage dem Minister. Nach¬
dem Minister Schteglowitoff die Angelegenheit ge¬
prüft hatte, gab er den Befehl, Paschkow und seinen
Arbeiter gegen eine hohe Kaution freizulassen, die
sofort von den Juden in Fastow erlegt wurde.
Das war der erste Schritt zur Beseitigung der
Version von einem Ritualmord; dann schickte man
die Sowalowa und die anderen Frauen nach Hause.
Heute wird offiziös gemeldet, daß die Anklage
gegen Paschkow und Genossen zurückgezogen und
daß die Untersuchung, die diese beiden betrifft,
mit einem non liquet abgeschlossen wird. Man hat
sich also der Erkenntnis nicht verschließen können:
Jossei war ein Judenkind.
Die Presse der ,,Schwarzen Hundert" hat in
ihrer Wut über die entgangene Beute die Hypothese
aufgestellt, daß Paschkow sein eigenes Kind getötet
habe, das keinen ausgesprochenen jüdischen Typus
aufwies, weil er sich kein Christenkind habe ver¬
schaffen können, und daß er damit seine eigenen
Glaubensgenossen täuschen wollte.
Das Gericht von Kiew hat die Nichtigkeit der
Anklage einsehen müssen und hat deshalb nach
fünfmonatlichem vergeblichen Versuch, den Juden
ein neues Verbrechen anzudichten, das Verfahren
eingestellt.
fetttstfret!
lütxtyfmitc!
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SalemAleikum \
SalemGold j
Zigaretten. |
BUCH-NR. 51.007.220