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A. Uencsra: Jüdische 'ttflehersaiiimhingen. in alter und neuer Zeit.
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Bücher viel gelesen und abgenutzt
werden, als dass sie im Verborgenen
aufbewahrt daliegen. Wenn jemand
dem andern Bücher zum Aut bewahren
gibt, so darf, nach talmudischem Ge¬
setz, der Aufbewahrer in ihnen nicht
lesen, damit sie nicht verdorben werden.
Der Fromme jedoch ist verpflichtet,
über das strenge Gesetz binauszugehen,
und wenn er jemandem Bücher zum
Aufbewahren gibt, ihm deutlich die
Erlaubnis zu geben, nicht nur dass er
sie selber benütze, sondern sogar, dass
er sie denjenigen Personen ausleihe,
denen er seine eigenen Bücher verleiht.
AVer aber Bücher in Verwahrung nimmt,
soll dies nur unter den genannten Be¬
dingungen tun.
Hat einer zwei Söhne, von denen
einer gern, der andere ungern an Fremde
seine Bücher verleiht, so soll er seine
Bibliothek dem ersteren vermachen.
Ein Mann besass Bücher, die er
gern andern auslieh, damit sie daraus
lernen. Auf dem Sterbelager empfahl
er seinen Söhnen folgendes: Wenn
einmal zwischen euch und andern
Leuten Streit und Hader ausbricht, so
hütet euch wohl davor, dass ihr ihnen
fortab missgüQStig eure Bücher vorent¬
haltet. Armen Leuten leihet eure
Bücher eher als Eeichen (da diese
sich ja selber Bücher anschaffen
können). Wenn ihr seht, dass eine
Büchersammluug ein Raub der Flammen
wurde, so wisset, dass es zur Strafe
dafür geschehen ist dass die Bücher
widerrechtlich in die Hände ihres Besitzers gelangt
sind, oder aber, dass dieser seine Bücher Lern¬
begierigen nicht ausleihen wollte.
Ferner erzählet uns Rabbi Jehuda Hachassid,
wie fromme Frauen ihre geizigen Männer zu be¬
wegen wussten, Wohltätigkeit zu üben und
Bücher bei Abschreibern zu bestellen, um sie
Dürftigen zu leihen. Häufig bedienten sie sich
dazu recht drastischer Mittel. Andere verwendeten
das ihnen von den Männern für Toiletten gegebene
Geld zum Ankauf von Büchern (hier dürfte der
ehrwürdige Rabbi schon etwas übertreiben, meine
Damen!), wofür sie Gott mit gelehrten und frommen
Kindern segnete.
„Wer seine Bücher Würdigen vorenthält,"
lehrt der Regeusburger Rabbiner, „dessen Bibliothek
fällt in die Hände Unwürdiger/*
,,Bücher sind nicht zum Aufbewahren da,
sondern dazu, dass man sie zum Studium benutzt
und abschreibt." Mit diesen Worten wies Rabb.
Jehuda Hachassid einen Mann zurecht, der aus
Furcht, dass seine Bücher verdorben werden
könnten, nicht erlauben wollte, dass man Ab¬
schriften von ihnen anfertige. (Vor Gutenberg
wurden Bücher durch Kopieren vervielfältigt.)
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SGL J. SOLOMON.
Im Felde.
OELGEMAELIvE.
Aus derselben Epoche, aber aus einem anderen
Lande besitzen wir ein anderes Dokument, das
sich auf unsern Gegenstand bezieht. Das ist der
Brief, den der im Jahre 1190 zu Luncl in Süd-
fraukreich verstorbene Jehuda ibn Thibbon an
seinen Sohn Samuel richtete. Es ist eigentlich
eine Art Testament, in dem der Vater seinem Sohn
sozusagen seine Lebenserfahrung überliefert. Süd-
frankreich stand damals unter dem Einfluss der
arabischen Kultur und Jehuda hatte sich durch die
Uebersetzuug der Werke Saadias, Ibnpgannachs und
Jehuda Halevis aus dem Arabischen ins Hebräische
grosse Verdienste erworben, sein Sohn Samuel hat
sich durch die im Jahre 1201 fertiggestellte Ueber¬
setzuug des „Moreh" von Maimonides einen guten
Namen gemacht. Jehuda richtet nun an seinen
Sohn u. a. folgende Ermahnungen: . . . ,.Indem
ich dir eine reichhaltige Bibliothek hinterlasse, be¬
wahre ich dich vor der Notwendigkeit, bei anderen
Bücher zu entleihen, wie es sonst die Jünger der
Wissenschaft zu tun gezwungen sind, die häufig
um eines einzigen Buches willen lange und be¬
schwerliche, oft auch vergebliche Reisen unter¬
nehmen. Du aber wirst, Gott sei Dank, in der
Lage sein, anderen Bücher auszuborgen. Zu dem