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A. Benesra: Jüdische Büchersammlungen in alter und neuer Zeit.
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non erzählt, wie die Juden
von Savoyen während der
Verfolgung durch den
Dominikaner Fra Vieenze
1M0 ihre Bücher in
den Brunnenschächten ver¬
steckten. Während der
Vertreibung der Juden
aus Lissabon, 1499, wur¬
den ihnen ihre Bücher ge¬
raubt, aber wenigstens
den Staatsbibliot heken
übergeben. Bei jeder der
unzähligen Verfolgungen,
von denen die Juden heim¬
gesucht wurden, gingen
reichhaltige Privatbiblio¬
theken zugrunde. Von
Isaak bar Schescheth in
Algier 1391 bis auf Mose
Menz in der zweiten Hälfte
des 15. Jahrhunderts er¬
schallen die Klagen der
Gelehrten über ihre ver¬
lorenen Büchersammlun¬
gen. Jehuda Chajjat, einer
der spanischen Emigranten, geriet unterwegs in die
Sklaverei, und um sich loskaufen zu können, musste
er sich seiner 200 Bücher entäussern, ein Verlust,
nach dem er sich das ganze Leben nicht trösten
konnte. Erst das 17. Jahrhundert brachte Wandel
in die Behandlung der jüdischen Literatur von
Seiten der christlichen Welt.
Die Bücherleidenschaft der Juden erhielt durch
die Erfindung der Buchdruckerkunst neue Nahrung.
Es ist bezeichnend, dass die ersten hebräischen
Drucke in Italien und nicht in Gutenbergs Heimat¬
lande entstanden sind. Die zwei ersten hebräischen
Drucke, die ein Datum haben, rühren aus dem
Jahre 1475 her. Manche Bücher sollen jedoch
nach der Ansicht namhafter Bibliographen noch
vor dem genannten Jahre gedruckt worden sein.
Wie gross die Freude war, die die Erfindung der
Druckerpresse unter den Juden hervorrief, bezeugen
die zahlreichen Dityrhamben, die sich in den Druck¬
werken aus jener Zeit am Eingänge oder am
Schluss der Bücher befinden. „Das gegenwärtige
Geschlecht, verarmt und herabgekommen infolge
der unbeschreiblichen Leiden und Verfolgungen,
war nicht mehr imstande, sich Bücher anzu¬
schaffen. Jetzt aber braucht man anstatt des
Goldes nur Silber, um ein Buch zu kaufen
(da Druckwerke billiger herzustellen sind, als
schriftliche Kopien) . . . Die ganze Welt wird
nun voll werden von Erkenntnis und Wissen. . . .
Jeder Sohn des zerstreuten Israel, mag er noch so
einsam wohnen, ohne Möglichkeit, Umgang mit den
Weisen zu pflegen, wird imstande sein, selber aus
dem Born der Wissenschaft zu schöpfen." In
enthusiastischen Worten besang man die Buch¬
druckerkunst als die „Krone aller Wissenschaften",
als ein „göttliches Werk", oder als eine „Tochter
Synagogale Gegenstände.
des Himmels", „die da schreibt ohne Feder, und
doch mit sichtbaren Zeichen, die ohne Menschen¬
hand die Buchstaben zu einer Einheit fügt". Die
Tätigkeit des Buchdruckers wurde eine „heilige"
genannt, und der Setzer unterliess es selten, am
Schlüsse des Buches seinen Namen zu verewigen,
mit dem Epitheton: „der beschäftigt ist am heiligen
Werk" (osek bimlecheth hakkodeschj — ein
Brauch, der sich hie und da bis in unsere Zeit
erhalten hat.
Das 15. und 16 Jahrhundert waren angefüllt
von Bedrückungen und Verfolgungen der Juden in
allen Ländern mit Ausnahme von Polen. Die
nimmer rastende Geistest äti^keit der Juden wurde
durch die furchtbare leibliche Not niedergehalten.
So konnten denn systematisch geordnete grössere
Büchersammlungen erst um die Mitte des 17. Jahr¬
hunderts entstehen. Hatte ja allein das päpstliche
Wüten gegen die Bücher der Juden zahllose
Manuskripte und auch Druckwerke zum Opfer ge¬
fordert und die Kulturarbeit mehrerer Generationen
vernichtet. Es war dies ein Vandalismus, dem in
Geschichte der menschlichen Gesittung nur etwa
der Brand der alexandrianischen Bibliothek gleich¬
kommt — nicht durch Omar, denn die diesem zu¬
geschriebenen Missetat wird bestritten, jedenfalls
hatte er nicht mehr viel zu verderben, denn schon
im Jahre 392 hatten christliche Griechen unter
Führung des Bischofs Theophilus diese grosse und
im Altertum einzig: dastehende Sammlung von
Schriftrollen aller Art überfallen und in Brand ge¬
steckt. Als Analogie zu der Ausrottung der
jüdischen Bücher wäre noch die systematische
Vernichtungsarbeit zu erwähnen, die die Gegen¬
reformation in den österreichischen Erblanden an
allen Kulturwerken „ketzerischen" Ursprunges ver-