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Binjamin Segel: Der „Propheten." zweiter Teil.
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dischen Natur, der hauptsächlich in Betracht kommt:
der im Blut der Juden liegende Nomadismus oder
Saharismus. Saharismus ist eigentlich ziemlich über¬
trieben, denn in der Sahara sind unsere Väter nie ge¬
wesen. Aber einerlei, wir sind ein Wüstenvolk, wir
sind also Nomaden. Und die Wüste hat, nach Sombart,
eine frappante Aehnlichkeit mit der Grossstadt, dieser
Schöpfung, diesem Hauptsitz der kapitalistischen Pro¬
duktionsweise. Nomaden = G-rossstädter = Juden. Die
Sache ist klar. Dieser Vergleich der Grossstadt mit
der Wüste ist sehr poetisch und erfreut sich bei neuern
Novellisten mit Becht einer grossen Beliebtheit. Jeder
Grossstädter bekommt die Aehnlichkeit am eigenen
Leibe zu spüren. Besonders im Hochsommer. Man
verdurstet, man schwitzt, man bekommt Sand zu
schlucken, man kann sich verirren. Auch an Kamelen
ist gottlob kein Mangel. Und Karawanen ziehen in die
Oasen (Tiergarten genannt). Fehlt nur das tiefe, heilige,
ewige Schweigen und der weite Horizont. (Letzt ern
ersetzen die Zeitungen und Extrablätter, aber mehr
bildlich, ideell.) Sonst stimmt alles. Trotzdem ergeht
es mir, wie so oft vor dicken, tiefgelehrten Büchern,
dass mir der Verstand still steht und nicht weiter kann.
Ich sage mir nämlich folgendes: Gewiss haben die
Juden ebenso wie alle andern Völker auch, bevor sie
ansässig geworden sind, eine Epoche des. Nomadismus
durchgemacht. Allein in der spätem Erinnerung des
Volkes ist diese Epoche auf 40 Jahre Wüstenwanderung
zusammengeschrumpft. Und diese malte man sich nicht
als ein Umhernomadisieren aus, sondern als einen Zug
aus der Fremde zur Wiedereroberung des väterlichen
Landes, anders konnte man das offenbar nicht mehr
verstehen. „Erobert das Land und setzt euch fest
darin", „nehmt das Land in Besitz und bebaut es",
„esset die Früchte des Landes". Will man diese wilden,
unbändigen Stämme ködern, dass sie ihren stolzen
Nacken unter das Joch des Gesetzes beugen, so ver¬
spricht man ihnen: „Ich werde euch Regen zur rechten
Zeit geben, die Erde wird ihre Frucht und der Baum
des Feldes sein Obst spenden, bei euch wird der Drusch
bis zur Ernte langen und die Ernte bis zur Saat, ihr
werdet euer Brot zur Satte essen und ihr werdet ruhig
in eurem Lande sitzen, ich werde Frieden im Lande
walten lassen, ihr werdet lagern, ohne dass jemand
wagt, euch aufzuscheuchen". „Ich werde eurem Lande
den Regen zur rechten Zeit geben, Frühlingsregen und
Herbstregen und du wirst dein Korn und deinen Wein
und dein Oel einheimsen". Die ärgste Drohung, um
sie kirre zu machen, war: „Ich mache euch heimatlos,
das Land wird euch ausspeien". ,,Ich schicke den Feind
über euch und er reisst euch aus der heimatlichen Scholle
und verstreut euch in die Fremde." „Ich verbiete dem
Himmel, dass er Regen spende, und die Erde gibt ihre
Frucht nicht, und ihr verschwindet bald von dem guten
Lande, welches Gott euch schenkt". Und wenn ihr
trotz alledem noch immer nicht gehorchen werdet,
werde ich euch siebenfach züchtigen ob eurer Sünden.
Ich zerbreche dann eure stolze Macht, |lass' euren
Himmel hart werden wie Eisen und euren Boden trocken
wie Kupfer, umsonst vergeudet ihr eure Kraft, eure
Erde gibt ihre Frucht nicht und der Baum des Landes
versagt sein Obst." Nomaden! Was? — Die ganze
Gesetzgebung des Pentateuchs ist eine eminente Agrar¬
gesetzgebung, angepasst den Bedürfnissen eines Acker¬
bau und Viehzucht treibenden Bauernstammes, der einen
grossen Eroberungskrieg geführt hat, um sich in den
Besitz des Landes zu setzen, dann aber nur zum Schwerte
greift um seine Scholle zu verteidigen. Und als 1000
oder 1500 Jahre später die Naturalwirtschaft weichen
musste, um den Handel und der Geldleihe Platz zu
machen, war man gezwungen, die alten, heiligen Ge¬
setze umzudeuten, zu erweitern, den neuen Verhält¬
nissen anzupassen, um wenigstens einigermassen aus¬
kommen zu können. Nomaden, nicht wahr? — Die
ganze Urgeschichte, die Wanderungen der Väter, er¬
scheinen den späteren bäuerlichen Nachkommen als ein
unablässiges Hinstreben nach dem „Lande, welches ich
verheissen habe zu schenken deinen Nachkommen", als
eine Art Provisorium, dessen Ende nicht sehnsüchtig
genug erwartet werden kann. Beim Opfer der Feld¬
frucht gedenkt man stolz und wehmütig der Urzeit:
„Ein nomadisierender Aramäer war mein Urahn, dann
musste er nach Aegypten hinunter. Die Aegyter
taten uns Böses und peinigten uns . .da schrien wir
zum ewigen Gott unsrer Väter . . ., er zog uns mit
starker Hand aus Aegypten . . . und brachte uns hier¬
her und gab uns dieses Land, welches trieft von Milch
und Honig. Nun hab' ich die Erstlinge der Feldfrüchte
gebracht, die du Gott mir gegeben hast." „Und freuen
sollst du dich all' des Guten, welches Gott dir u#d
deinem Haus gegeben hat, du und der Levite und der
Fremde, der unter euch wohnt". Land, Land, Heimat!
Saat, Ernte, Drusch! Das ist der Angelpunkt, um d^n
alles in dieser kleinen Welt sich dreht. Das höchste
Ideal ist, dass jeder ruhig unter seinem Weinbaum und
seinem Feigenbaum sitze, Bäume die nur bei sehr lang¬
jähriger sorgfältiger Pflege gedeihen. Der seligste
Traum der fernen Zukunft ist, dass die Völker kein
Schwert mehr gegen einander erheben und keinen Krieg
lernen, sondern ihre Schwerter zu Pflugscharen und
ihre Lanzen zu Sicheln umschmieden. Die Kleinvieh¬
hirten waren bei dieser Bauernbevölkerung, weil sie
die Feldfrüchte häufig schädigten, so verachtet, dass sie
gewissermassen ausserhalb der Gesellschaft standen.
Noch in später, talmudischer Zeit begannen die Dis¬
kussionen häufig mit dem Schulbeispiel: „Es kommt
der Mann abends vom Felde heim . .
Und dennoch Nomaden, Nomaden bis auf den
heutigan Tag.
Und die Germanen?
„Die Deutschen zogen jahraus, jahrein mit ihren
Dörfern an einen andern Ort; wurden diese eingenommen
und verheert, so verloren sie nichts weiter als ein paar
Hütten, welche doch zum Abbruch bestimmt waren und