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OsTwesr
ILLUSTRIERTE MONATSSCHRIFT^/ FÜR DAS GESAMTE JUDENTUM.
Herausgegeben und redigiert
LEO WINZ.
Alle Rechte vorbehalten.
Heft L
April 1911.
XI. Jahrg.
LORD BEACONSFIELD. ')
Von Oscar H. Schmitz.
Fachdruck [ verboten.
I.
Familie.
„Kein Stolz ist dem Stolz auf Vorfahren zu vergleichen,
denn or enthält eine Mischung aller Gemütsbewegungen."
(B. Disraeli, „Yivian Grey.")
,,Tch bin niclit einen Augenblick geneigt, zuzu¬
geben, dass mein Stammbaum nicht ebensogut, ja,
nicht noch besser sei, als der der Cavendishs." Diese
kühnen Worte sprach der 43jährige Benjamin Disraeli
in einer Rede zu Aylesbury, nachdem er zehn Jahre
im Maus der Gemeinen gesessen und das Gehör des
Landes seit langem gefunden hatte. Der Stolz auf
seine Vorfahren gipfelte in dem Gefühl für seinen
berühmten Vater, den Schriftsteller Isaac Disraeli;
an verschiedenen Stellen preist er den Mann als be¬
sonders begnadet, der als der Sprosse verdienter
Ahnen geboren wird. „Es ist angenehm," heisst es
im „Jungen Herzog", „einen Präzedenzfall dafür zu
finden, dass unser Blut gut geraten ist." Bis vor
kurzem war die Hauptquelle für Disraelis Abstammimg
seine Vorrede zu den gesammelten Werken seines
Vaters, die er 1848, kurz nach dessen Tode, einer
Pflicht der Pietät folgend, herausgab. Die Familie
Disraeli stammt von dem sophardischen Zweig der
Juden ab, der, im Gegensatz zu den nach Norden
durch Russland wandernden Askenasim, die Mittel-
meerkiiste nicht verlassen hat. Sic zogen an der
O Die folgenden Seiten sind einem Werk von Oscar A. H.
Schmitz entnommen, das soeben bei Meyer & Jessen in
Berlin erschienen ist. Es trägt den Titel: Die Kunst der Politik.
Lord Beaconsfield (Benjamin Disraeli).
Der Verfasser gibt eine Darstellung der Politik Lord
Beaconfields und glaubt in ihr Richtlinien zu finden, die auf die
heutigen deutschen Verhaltnisse angewendet, das politische
Leben von vielen Zweifeln befreien und befruchten könnten.
Gleichzeitig gibt er ein eingehendes Porträt des Charakters und
eine Darstellung der Ideen Lord Beaconsfields. Wir bringen die
folgenden Kapitel wegen des Verständnisses, das sie für die
Psychologie des Judentums zeigen, zum Abdruck, um die Leser
auf dieses interessante Werk hinzuweisen.
Anmerkung der Redaktion.
Küste Afrikas hin, überschritten die Säulen des Her¬
kules und gelangton lange vor den Arabern nach
Andalusien. Von den Goten grausam verfolgt, fanden
sie dann unter der Herrschaft der stammverwandten
Araber Schutz und nahmen keinen geringen Anteil
an der maurisch-spanischen Kultur. Die duftondstc
Blume dieser Nachblüte des jüdischen Geistes war
der Dichter Jchnda Ben Halevi. Unter der Mauren¬
herrschaft gelangten viele Juden zu grossem Ver¬
mögen und Ansehen im Staatsleben wie in der Wissen¬
schaft; einzelne drangen bis Portugal und Aragon vor.
Nach der Eroberimg des Landes durch die katholischen
Könige flohen die meisten vor den Scheiterhaufen
Torqucmadas. Sie wandten sich teils nach dem öst¬
lichen Mittelmecr zurück, wo sie heute Spaniolen heissen
und noch leicht an ihrem etwas entstellten Spanisch
kenntlich sind; teils suchten sie ihr Glück in den
Marschen Hollands, wo der Name Spinoza ein ruhm¬
volles Licht in ihrer Verbannung bedeutet; einige
gelangten schon im 17. Jahrhundert nach England.
So haben diese Sepharclim niemals die Schmach des
Ghettos gekannt, viele Familien gehörten zu den
angesehenen in ihren Wirtsländern. Wo sie gelegent¬
lich, wie in Deutschland im 18. Jahrhundert, mit
den verachteten Askenasim zusammensticssen, son¬
derten sie sich als aristokratische Kaste ah und ge¬
statteten ihren Kindern nicht die Ehe mit den Ab¬
kömmlingen des östlichen Stammes. Es besteht
sogar eine Hypothese, die Askenasim seien gar keine
Semiten, vielmehr Slawen, die im Mittelalter zum
Glauben Mosis bekehrt worden sind.
Disraeli erzählt, dass seine Ahnen auf dem Rück¬
wege nach Osten den Schutz der Republik von San
Marco fanden, wo der Urgrossvatcr zum unvergess-
lichcn Dank gegen den Gott Jakobs, der ihn und die
Seinen durch so viele Leiden geführt hatte, den Namen
Disraeli annahm. Der ursprüngliche Name der Fa¬
milie ist vergessen, doch rühmt sich der Urenkel der
Blutsverwandtschaft mit den mächtigen spanisch-