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Herausgegeben und redigiert
von
LEO WINZ.
Alle Rechte vorbehalten.
Heft 5.
Mai 1911.
XI. Jahrg.
WIR UND UNSERE LEHRE.
Büchlein haben ihre Schicksale, und die un¬
günstigsten Schicksale nahen gewöhnlich jüdische
Büchlein. Fällt mir da ein unscheinbares braunes
Heft in die Hände, betitelt „Unsere Thora. Reli¬
giöser Vortrag." Es ist schon vor längerer Zeit
erschienen, aber in keiner jüdischen Zeitschrift
habe ich einen Bericht darüber gefunden. Auch
der Titel hat nichts Pikantes und Aufregendes.
Stillschweigend will ich das Heft beiseite legen,
da fällt mein Blick auf den Namen des Verfassers:
Dr. Joseph Eschelbacher! Das ist ein guter Name.
Der Name hat Klang und Bedeutung: innerhalb der
ganzen Judenheit. Besonders das Werk dieses Ver¬
fassers „Das Judentum und das Wesen des Christen¬
tums" hat wie nur wenige jüdische Bücher unserer
Zeit einschneidend und läuternd gewirkt und auf
die ganze Denk- und Gefühlsweise, namentlich der
jüngeren Generation, einen gar nicht abzu¬
schätzenden Einfluss geübt. In einer ungemein
milden, vornehmen und abgeklärten Form bietet
dieses Buch eine so bedeutende und überzeugende,
so grundlegende und von den Ansätzen bis zu den
höchsten Höhen des Problems hinanführende Aus¬
einandersetzung mit dem Christentum, dass es die
Gesinnung umgestaltet. Man darf getrost sagen,
dass Eschelbachers Werk unzähligen Juden und
Jüdinnen die Augen geöffnet und sie in der Treue und
Liebe zum Judentum befestigt hat. Nun merke
ich seinen Namen auf dem kleinen Heft „Unsere
Thora" und das veranlasst mich, das Werkchen zu
lesen. Wie reich wurde ich belohnt! Selten kann
man auf so engem Eaum eine solche Fülle von
tiefen und feinen Ideen finden, nicht nur über das
religiöse Problem, sondern von allgemeiner kultur¬
historischer Tragweite. Der Verfasser will die Be¬
deutung, die die Thora für uns heutzutage hat, in
das wahre Licht lücken. Er tut das so lichtvoll
und klar, und streut dabei eine solche Menge
prächtiger Gedauken aus, dass ein anderer mit
ihnen einen stattlichen Band füllen könnte.
„Israel und seine Thora sind eins", sagt ein
sehr altes Wort. Um den Bestand der Thora
braucht uns nicht bange zu sein, aber es ist sehr
die Frage, ob das Volk Israel in der Welt Bestand
haben könnte, wenn die Einheit zwischen ihm und
seiner Thora gestört würde. Und nie war die
Gefahr grösser, dass dies geschehen könnte, als in
unserer Zeit. Die neuerblühte assyriologische
Wissenschaft, zu deren Förderung hervorragende
jüdische Forscher in so hohem Masse beigetragen
haben und die in ihrem Kern im grossen und ganzen
nur eine ungewollte aber um so eindringlichere
Apologie der Bibel darstellt, hat einzelne Resultate
zutage gebracht, die von sensationslüsternen Schrift¬
stellern ungeheuer aufgebauscht und übertrieben,
in einen künstlichen Gegensntz zum Alten Testa¬
ment gebracht wurden. Der Lärm ist freilich
rasch vorüber, aber es war bedauerlich zu be¬
merken, was für Verheerungen er in oberflächlichen
Köpfen verursachte! Ist es aber nicht merkwürdig,
wie jedes Zeitalter und jede Strömung immer von
neuem zur Bibel Stellung nehmen muss?! Sehr
schön sagt dies Eschelbacher mit folgenden Worten:
„Die scharfe Kritik, welche unserer Zeit eigen ist,
hat auf sie (nämlich auf die Thora) sich erstreckt,
hat in ihr die Spuren verschiedener Zeiten und
Verfasser zu erkennen gesucht. . . . Aber erheben
muss es uns, zu sehen, wie selbst unter den Händen
dieser scharfen Kritiker und Leugner ihres gött¬
lichen Ursprunges, ihre Bedeutung riesengross sich
erhebt, wie sie alles überstrahlt, was in ihrer Zeit
und unter den ihr verwandten Völkern entstanden
ist, wie selbst in dem, was in ihr längst ver¬
gangenen Zeiten zugeschrieben wird, der ewige
Inhalt ihrer Worte immer wieder hervortritt und
wie die Gestalten, welche sie geschildert, in allen