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ILLUSTRIERTE MONATSSCHRIFT^/ FÜR DAS eESAMTE JUDENTUM.
Herausgegeben und redigiert
von
LEO WINZ.
Alle Rechte vorbehalten.
Heft 3. März 1913. XIII. Jahrg.
DIE EMANZIPATION DER JUDEN IN PREUSSEN.
Von Felix Halle.
Die germanischen Völker, welche die Erbschaft
des römischen Weltreichs antraten, waren durch
L'eherredung, teils durch blutigen Zwang zum Christen-
Linn bekehrt worden. Die Staaten, die sich nach der
Völkerwanderung in Mitteleuropa bildeten, hatten
keineswegs durchweg eine ethnographisch einheitliche
Bevölkerung, vielmehr waren im Westen und Süden
keltische, romanische und andere mittelländische, im
Osten slawische Bevölkerungsbestandteile neben den
germanischen vorhanden, aber ein gemeinsames Band,
der christliche Glaube, umschloss die mittelalterliche
Staatenwelt. Nur die Nachkommen einer antiken
Nation lebten in Mitteleuropa, ohne in ihrem wesent¬
lichen Bestandteil das Christentum anzunehmen, die
Juden.
Es ist in der Weltgeschichte- ein Vorgang ohne¬
gleichen, dass während der Dauer von 18 Jahrhun¬
derten, auch zu Zeiten hochgehender religiöser Be¬
wegungen, in denen Gedanken oder Gewissensfreiheit
völlig aus dem Bereiche der Vorstellung der Menschen
lagen, ein kleiner Personenkreis, ohne die höchste
politische Macht auf einem Territorium zu besitzen,
auf fremdem Gebiete, unter fremder Herrschaft und
i inter fremden Bewohnern nach seiner eigenen religiösen
Ueberzengung leben wollte und sich in seinem Glauben
gegenüber einer hundertfach überlegenen Bevölkerung
behauptete.
Eine Erklärung für diese einzigartige Erscheinung
ist in der gewaltsamen Entwurzelung eines boden¬
ständigen Volkes zu suchen, das auf. religiösem Gebiet
die bedeutendste Leistung von allen antiken Mittel-
meervölkern aufzuweisen hat, und das bei der Zer¬
störung des Tempels und Vernichtung seiner Sou¬
veränität eine nationale Religion und Literatur, na¬
tionales Bewusstsein, mit einem Worte eine lebendige
Volksseele besass.
Die Juden, welche in die verschiedenen Länder
erstreut wurden, waren nicht Nomaden, die ein
innerer Wandertrieb herumführt, sondern sie waren
— da sehr wahrscheinlich die höheren Stände des
alten jüdischen Staates einen grossen Teil der Ver¬
bannten bildeten — unglückliche Emigranten, die
wider Willen heimatlos geworden waren und nun in
der Fremde neue Wohnplätze suchen mussten. - Er¬
schwert wurde ihnen die dauernde Niederlassung
durch ihre religiöse Sonderheit. Sie waren gezwungen,
ihre Berufe zu wechseln. Staats- und Kriegsdienste
wie Gemeindeämter waren ihnen nur in den seltensten
Fällen zugänglich. Mit der steigenden Unduldsamkeit
der Umwelt wurden ihnen Landwirtschaft und Hand¬
werk verschlossen, nur der Handel und das Geld¬
geschäft blieben ihnen offen, weil bei der wirt¬
schaftlichen Konstruktur der mittelalterlichen Staaten
sie wegen ihrer Mehrspracldichkeit, ihrer Fähigkeit im
Rechnen und Schreiben unentbehrlich waren, ,vor
allem aber, weil das Zinsverbot des kanonischen
Rechtes für sie keine Gültigkeit besass.
Als der religiöse Fanatismus in der Zeit der .Kreuz¬
züge den Höhepunkt erreichte, wurden die Juden an
vielen Orten Europas totgeschlagen oder geplündert
und vertrieben. Unstät mussten sie umherirren, bis
sie eine mildere Obrigkeit gefunden hatten. Sie waren
nicht in der relativ günstigen Lage der verfolgten
Protestanten späterer Jahrhunderte, die in den Schutz
eines Schirmherrn ihres eigenen Glaubens flüchten
konnten, immer, land- und glaubensfremd mussten
sie ständig fürchten, bei jedem Regierungswechsel
von neuem verjagt zu werden. Die Juden sind nie
grundlos gewandert, unter günstigen Bedingungen
haben sie ihre Adoptivheimat liebgewonnen und jahr¬
hundertelang bewohnt, so Spanien unter maurischer
Herrschaft'. Auch in deutschen Reichsstädten, wie
z. B. in Frankfurt a. M., in Fürth und in Prag sind die
Juden alteingesessene Bevölkerung. Nur Gewalt öder
die Unmöglichkeit, sich an einem Platze zu ernähren^
hetzte viele von ihnen von Ort zu Ort. Man ver.