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Felix Halle: Die Emanzipation der Juden in Preussen.
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drückend machte, war nickt nur seine für den einzelnen
unter Umständen hohe Belastung, vielmehr war es
das Entwürdigende und Demütigende, das in der
Abgabe lag. Sie zwang den Jaden, sich selber zu ver¬
zollen, wie eine Sache oder wie ein Stück Vieh. Und
dieses: das Peinliche der Situation blieb auch
denjenigen nicht erspart, die gegebenenfalls von
der Abgabe selbst befreit waren. Denn auch sie
mussten sich gleich den übrigen der Zollunter¬
suchung stellen und sich erst über ihre Zollfreiheit
ausweisen.
Nicht minder drückend als ihre Lasten war die
politische Verfassung der Juden. Wie überall, so
hatten sich auch die in der Mark aufgenommenen
Juden religiös zusammengetan und Gemeinden ge¬
bildet. Diesen Verband, den er vorgefunden, hatte
der Staat für seine Zwecke benutzt. Er stellte ihm zu
seinen bisherigen neue politische Aufgaben und machte
so aus einem ursprünglich rein religiösen Verband
einen solchen gemischten religiös-politischen Cha¬
rakters.
Den Anfang machte die Solidarhaft für die öffent¬
lichen Abgaben. Dazu, kamen Aufgaben polizeilichen
Charakters. So bestand eine Haftpflicht der Gemeinde
bei Diebstahl, bei Hehlerei und bei verdächtigem
Bankrott eines Gemeindemitgliedes. Vergegenwärtigt
man sich, dass die Juden überdies teilweise eigenes
Recht und eigenes Gericht hatten, dass sie in den
Fragen des Erbrechts, des Eherechts und des Vor-
mundschaftsrechts nach den Grundsätzen des mosai¬
schen Gesetzes beurteilt" wurden, dass bei Rechts¬
streitigkeiten dieser Art, sowie in solchen, in denen beide
Parteien Juden waren, der Rabbi und seine Assessoren
eine Art richterliche Gewalt besassen, dass für die
Juden ein besonderer Gerichtsstand galt, so begreift
man, dass sie wie mit Ketten aneinander geschmiedet,
rechtlich von der Umwelt geschieden, einen Sonder¬
verband gleichsam einen Staat im Staate bilden
mussten.
Fügt man noch hinzu, dass sie drückenden Be¬
schränkungen bezüglich des Wohnsitzes und des
städtischen Grundbesitzes unterworfen waren, das*
ihnen in vielen Städten die Niederlassung verboten
war, dass sie an öffentlichen Wohlfahrtscinrichtungen,
Krankenhäusern usw. keinen Teil hatten, dass sie für
Zivil- und Kriminalverbrechen besonders schweren
Strafen unterworfen waren, dass ihr Eid in der Form
entwürdigend war, in der Beweiskraft als minderwertig¬
angesehen wurde, so ist im wesentlichen das Bild der
bürgerlichen Verhältnisse gezeichnet, welche den Aus¬
gangspunkt für die Emanzipation bildete.
Sehr anschaulich schildert Dr. Freund, in welchem
Missverhältnisse die Rechtslage der Juden zu ihrer
kulturellen Entwicklung stand, mit feiner Psychologie
zeigt er, wie schmerzlich die Juden ihre rechtliche
Pariastelhmg empfinden mussten. (Schluss folgt.)