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Prof. Dr. Ermanno Loevinson, Rom: Die Juden Italiens.
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Damen der internationalen . Blutaristo¬
kratie, das jüdisch-rituelle Schächten durch
die Stadtverwaltung verbieten zu lassen,
— es wäre viel naheliegender gewesen,
ihre Verwandten zu veranlassen, keine Hetz¬
jagden mehr zu A'eranstalten — scheiterte
an dem Widerstande des italienischen
Ministeriums des Inneren. Dem grossen
Fremdenverkehr des Landes ist es wohl
zuzuschreiben, dass trotz des allgemeinen
Rückgangs in der Befolgung der jüdischen
Gebräuche in einigen Grossstädten wie
Bologna, Mailand und Turin neuerdings
rituelle Restaurants eröffnet oder schon be¬
stehende verbessert wurden. Zur Osterzeit
wird der Bereitung des ungesäuerten Brotes
seitens der Gemeinden grosse Fürsorge ge¬
widmet. In Rom ist die betreffende Bäckerei,
mit allen Verbesserungen der neuen Technik
ausgestattet,bei der Synagoge untergebracht.
In viel reicherem Masse wird allerdings
für das geistige Interesse der Israeliten
Italiens gesorgt: Nicht weniger als 4 Wochen-
und Monatsschriften jüdischen Inhaltes er¬
scheinen in italienischer Sprache, nämlich
das „Vessillo Israelitico" in Turin, welches
es bereits auf den 60. Jahrgang gebracht
hat, der ,,Corriere Israelitico" in Triest, und
die „SettimanaIsraelitiGa" inFJorenz, welche
ebenso wie das Organ des dortigen Rabbiner¬
kollegs, die „Rivistalsraelitica", ihr Bestehen
dem Oberrabbiner Dr. S. H. Margulies ver¬
dankt. Aber die religiösen Formen allein
sind nicht imstande, die wenigen, sich noch
heute in Italien zum Judentum bekennenden
Elemente demselben dauernd zu erhalten.
In dieser Beziehung wirken erspriesslich
die in Oberitalien entstandenen Komitees
für israelitische Kultur. Sie veranstalten
Vorträge, welche imstande sind, bei jedem
auch nur halbwegs Gebildeten das Interesse am Juden¬
tum wach zu erhalten. Man gibt sich der Hoffnung
hin, diese Einrichtung nach und nach zu jüdischen
Volksuniversitäten ausgestalten zu können. Jedenfalls
ist das Programm der Komitees für israelitische
Kultur ein sehr umfassendes, indem sie zur Lösung-
folgender Aufgaben beitragen wollen:
1. Auf dem Gebiete der Wohltätigkeitspflege
Ersatz der veralteten Methode des Almosengebens
durch Erziehung zur Arbeit.
2. Förderung der körperlichen Ausbildung durch
Leibesübungen und Handfertigkeitsunterricht in den
jüdischen Schulen.
3. Erziehung und Unterricht nach modernen
Prinzipien, um das Selbstbewusstsein der Israeliten
zu stärken und jüdisch gesinnte Mütter zu er¬
ziehen.
W**"
WALLY LOEYINSON-BUETOW.
ROM.
Jüdische Ausbesserin.
(Bleistiftzeichnung.)
4. Förderung der bisher vernachlässigten Predigt
zur Unterstützung von Erziehung und Unterricht.
Das tätigste von diesen Komitees ist das von
Padua. Es hat sein eigenes Vereinslokal in dem
ehemaligen Betsaal für italienischen Ritus und gibt
Schriften aus dem Gebiete des jüdischen Geistes¬
lebens heraus.
In vielfacher Hinsicht ähneln die Bestrebungen
dieser Komitees denen der Zionisten. Erstaunt wird
mancher Leser fragen, ob und wieso es denn überhaupt
solche in einem Lande gibt, in welchem die Juden
das höchste Mass bürgerlicher Freiheit tatsächlich
und nicht nur theoretisch gemessen. Freilich ist das
zionistische Organ für Italien, ,,L'Eco Sionista",
nach kurzem Bestehen eingegangen, aber wohl nicht
so sehr, weil die darin vertretenen Ansichten keine
Anhänger gefunden hätten, als weil sie von der bereits