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Prof. Dr. Ermanno Loevinson. Rom: Die Juden Italiens.
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vorhandenen israelitischen
Presse als ganz selbstver-
ständlich vertreten werden.
Diese Blätter verfolgen
eingehend die zionistischen
Kongresse und berichten
über alles Wesentliche aus
dem Gebiete der nationalen
Bestrebungen. Die mei¬
sten Rabbiner stehen mehr
oder minder unter ihrem
Einfluss. Gerade der ita¬
lienische Zionismusbeweist
deutlich, wie ein solcher
bestehen kann, gepaart
mit der glühendsten Be¬
geisterung' für dasLand, in
dem man geboren ist und
dem man so viel verdankt.
Das Nationalfest, welches
alljährlich zur Erinnerung
an die Verleihung der
italienischen Verfassung
durch König Karl Albert
im J ahre 1848gefeiert wird,
begehen gewöhnlich die
„Circoli Sionistici", deren
tätigster der Mailänder ist,
ebenso wie die anderen
patriotischen Vereine. Bei
dieser und hei anderen
feierlichen {Gelegenheiten
gehen Glückwunschtele¬
gramme an den regierenden König ab. Bei den
Feierlichkeiten, welche 1911 in der Synagoge zu Rom
zur fünfzigjährigen Wiederkehr des Tages, an dem Rom
zur Hauptstadt proklamiert worden war', stattfanden,
sprach der Oberrabbiner die Hoffnung auf die Er¬
reichung der Ziele des Zionismus in Palästina aus. Der
christliche Vertreter des Wahlkreises, ein römischer
Fürst, war bei der Feier zugegen und sprach am Schlüsse
derselben dem Oberrabbiner seine Anerkennung aus.
Synagoge in Turin,
Welchen Standpunkt man
auch dem Zionismus gegen¬
über einnehmen mag, so
wird man doch zugeben
müssen, dass seine An¬
hänger in Italien nicht
durch irgendwelche Inter¬
essen persönlicher Natur,
sondern von den idealsten
Gefühlen geleitet werden.
Manchen, nicht religiös ge¬
sinnten Juden mag der Ge¬
danke vorschweben, nur
diese Bewegung sei imstan¬
de, das Judentum Italiens
vor dem Untergange zu
retten, und bei derstetigen
Abnahme der Religions-
übungen könnte die Zeit
kommen, in der rein welt¬
liche Vereine mit jüdisch¬
nationaler Tendenz die
Erbschaft der Religionsge¬
meinden anzutretenhätten-
Das Judentum Italiens
ist mit einem Truppenteil
zu vergleichen, der sich all¬
mählich auflöst,nicht etwa
aus feiger Fahnenflucht,
sondern weil in der Nähe
kein Feind mehr zu er¬
blicken ist. Die Zionisten
suchen nun dieses Häuflein
zusammenzuhalten, weil sie wissen, es gibt noch andere
Truppenteile, die schwer bedrängt sind und allein nicht
imstande sein dürften, sich einen W 7 eg zu bahnen ins
Land der Freiheit. Dadurch erklären sich, wohl die
zionistischen Tendenzen auf den beiden ersten Ver¬
sammlungen der jüdischen Jugend Italiens, welche
im Herbst 1911 in Florenz sowie im Dezember 1912
in Turin stattfanden und eine Reihe von Vorschlägen
zur Neubelebung des Judentums zeitigten.
Mit cincmGefühl von Wehmut nimmt man diesen vierton
und letzten Band der unter dem Namen ..Am Scheidewege"
vereinigten Studien und Abhandlungen zur Hand. © Denn
zum Schlüsse findet man ein ausführliches Inhaltsverzeichnis,
fast ein Eegistcr zu allen vier Bünden. Damit will der Ver¬
fasser, obschon er es nirgends deutlich sagt, andeuten, dass
dieser vierte Band den Abschluss einer Periode in seiner
Denker- und Schriftstellcrarbeit bildet. Es ist also ein
Abschied . . . Hoffentlich nicht für lange. Und dann stürzt
man sich um so gieriger auf den Inhalt des Bandes. Man
*)„Am Scheidewege." Studien von Achad Haa m. Verlag, ,Achiasaph"
Warschau Berlin, H. Itzkowski 1913 (Hebräisch ).
LITERARISCHE RUNDSCHAU
„Am Scheidewege."*)
wird reichlich entschädigt.
Gleich am Anfange grüsst uns
eine umfangreiche Abhandlung über Maim onides. Es ist
keine vollständige Monographie und beansprucht auch nicht,
es zu sein. Es ist nur eine Skizze. Aber gleich den Skizzen
und Entwürfen grosser Maler, die tausendmal mehr sagen,
als die voll ausgeführten Bilder anderer, erhalten wir hier einen
tiefen Einblick in das Wesen und die Seele des Maimonides,
das scheinbar Widerspruchsvolle in seiner Persönlichkeit
hellt sich auf, es fällt ein klares Licht auf den tiefen Zn¬
sammenhang zwischen dem Denksystem des Mannes und
der Kultur seines Zeitalters sowie' der politischen Lage
seines Volkes. Eine kongeniale Natur hat hier das Porträt