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Literarische Rundschau.
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des Maimuni nachgezeichnet, und die Zeichnung gehört zu
dem Besten, was wir über den Verfasser des Mischneh
Thorah und dos Morel 1 besitzen. Es folgt die den Lesern
von ..Ost und West" noch gewiss sehr wohl aus der hier
veröffentlichten LFebersetzung über ..Das Wesen des Juden¬
tums" erinnerliche Studie. ' (..Ost und West" November-
Dezember 1910). Diese Abhandlung, die nachher in fast
alle wichtigsten europäischen Sprachen übertragen worden
ist. hat sehr grossen und nachhaltigen Eindruck gemacht?
die besten und bedeutendsten Köpfe unter den Juden aller
Länder hatten das Gefühl, wie wenn ihnen plötzlich ein
ungeahntes Licht aufgegangen wäre, Und in der Tat hatte
his dahin noch keiner das Wesen des Judentums nament-
im Unterschiede von Christentum so klar und präzise, mit'
soviel Scharfsinn und von eine]' so ungewöhnlich hohen
Warte herab fixiert. Das war eine geniale Tat, Die Ab¬
leitung des Wesens der jüdischen Religion und der von ihr
gelehrten Ethik aus einer psychologischen Wurzel, und die
Entfaltung der jüdischen Eschatologie und des jüdischen
Menschheitsideals aus diesem Wesen wird denkwürdig
bleihen. Nicht minder bedeutsam sind die nebenbei einher¬
gehenden Bemerkungen, so über das jüdische Eherecht u. a.
Diese Studie darf wohl als das Beste bezeichnet werden, was
Achad Ha am uns geschenkt hat. Sie hat Viele, Viele, die viel¬
leicht zu den Besten in der Judcnheit der Gegenwart zählen,
auf den richtigen Weg geleitet und zu jener Höhe cinpor-
gewiesen, von wo aus sieh ungeahnte Horizonte eröffnen.
Trotz der grossen Fülle der mächtigen Gedanken und
originellen Anschauungen, die der Autor ausgestreut hat,
wäre es durchaus verfrüht, ein abschliessendes Urteil über
seine Persönlichkeit und seinen Geist zu fällen. Man hat
überall die Empfindung, dass er sein -letztes Wort noch
lange, lange nicht gesprochen. Soviel aber fühlt man, dass
man es mit einer Individualität zu tun hat, deren Bann
man sich nicht zu entziehen vermag, auch dort, wo man
zu ihren Anschauungen Nein, Nein und abermals Nein
sagen muss. Auch für den Widerspruch, den er weckt,
ist man ihm von tiefstem Herzen dankbar, denn er ruft
ganze Reihen weitausgreifender Gedanken wach, zeigt die
Dinge von neuer Seite und zwingt zum Nachsinnen, zum
Forschen, zur straffen Zusammenfassung des Denkens. Auf
diese Weise wirkt er- befruchtend und belebend, wirkt er
schöpferisch,. auch da, wo man seine Lehren, ja manche
seiner Grundanschauungen ablehnen muss.
Dass dem Innenlehen eines solchen hohen Menschen
die Tragik nicht fehlen kann — abgesehen schon von den
äusseren Wechself allen des Lebens, denen sich in unseren
schweren und schrecklichen Zeiten kein Edehnensch ent¬
ziehen kann und will — ist beinahe selbstverständlich.
Schon der Umstand allein, dass dieser zum geistigen An¬
führer geschaffene Mensch durch die Umstände (und ein
wenig auch wohl durch sein Temperament) beinahe ein
Parteiführer (es kostet förmlich Ueberwindung, diese triviale
Bezeichnung auf ihn anzuwenden) geworden ist, ist tragisch.
Eine Zeit lang war er ja sogar Redakteur! Ein förmliches
Herzweh beschleicht einen beim Lesen des letzten Essays
in diesem vierten Bande „Ein misslungener Versuch", die
die Geschichte der Gründung des Bundes „Bene Moschc"
erzählt. Und das Tragischste daran ist, dass man sich
sagen muss: es ist gut, dass der Versuch misslungen ist.
Wie viel edle Kraft wurde hier nutzlos verpufft.! Als ob
die Juden so reich wären, ich meine reich an wirkenden
und schöpferischen Potenzen, dass sie sich den Luxus einer
sinnlosen Kräftevergeudung erlauben dürften! . . . Weniger
tragisch wird man es nehmen können, dass der Verfasser
in der Beurteilung der türkischen Revolution und des Jung-
türkentuins sich so gründlich geirrt hat, Das ist ja bei der
ganzen europäischen Diplomatie in einem noch grösseren,
jedenfalls verhängnisvolleren Grade der Fall gewesen. Sonst
sind die Ansichten Achad Haams überall, wo er über Zeit¬
fragen und Angelegenheiten der Tagespolitik bandelt, von
merkwürdiger Hellseherei; in dem unscheinbarsten Vor¬
gang sieht er die Keime künftige]- Entwicklungen und die
Wirklichkeit hat ihm, — er wird wohl selber sagen:
leider! — immer Recht gegeben. Denn es ist selbstver¬
ständlich, dass seine Ratschläge und Warnungen nur sehr
selten gehört und fast nie befolgt wurden. Die kompakte
Majorität war stets gegen ihn, und es gibt kein dümmeres
und unbesiegbareres Tier, als die kompakte Majorität der
„Gebildeten" ....
Mit was für Gefühlen aber muss Achad Haam den
Essay „Die Lehre von Zion" geschrieben haben! . . . Es
ist dies ein Meisterstück der Polemik, ein umso schwierigeres,
als der Verfasser hier bei aller Schärfe, aus Ritterlichkeit
mit grosser Schonung vorgehen musstc, da er es mit einem
schwächlichen und kleinlichen Gegner zu tun hatte, der
gleichwohl bekämpft werden musste. Der Fernstehende
kann sich jedoch von dem peinlichen Gefühl nicht befreien,
dass der hier bekämpfte Gegner sich gleichwohl, in ge¬
wissen Punkten wenigstens auf Achad Haams Grimdan-
schauung selber berufen könnte, die er nur ein wenig-
stark zu verbiegen und zu übertreiben brauchte, um seine
ins Uferlose sich verlierende, ans Absurde grenzende „Lehre"
hcrauszudeduzicren. Hier ist einer der Grundirrtümer der
Gedanken des Verfassers und von hieraus wird sich der
Riss in seinein Gedankensystem vertiefen und erweitern.
Indessen wird auch hier, wie bei jeder bedeutenden Ge¬
dankenschöpfung, der Wert gar nicht in der Konsistenz des
Ganzen und in dessen logische]- und unerbittlicher Konsequenz
im Aufbau, sondern in der Wucht und Stärke der einzel¬
nen Bestandteile gesucht werden müssen, die jeder für sich
fortwirken und fortschaffen werden.
Es ist beinahe überflüssig, über Sprache und Stil der
Essays zu reden: Krvstallene Klarheit, Knappheit, schärfste
Präzision und zugleich unerschöpflicher Reichtum sind die
Merkmale dieser Sprache. Der Stil hat etwas Herbes,
Keusches, Verschlossenes, fast Abweisendes, ist von einem
stillen, heimlichen Glanz und niemals rhetorisch und darum
wirkt er doppelt eindringlich, wenn er, was bisweilen ge¬
schieht, den gcl'ühlsmässigen Unterton leise durchscheinen
lässt. Gerade jene Stücke, deren Inhalt man, der vorge¬
tragenen Anschauungen wegen, ablehnt, liest man wieder
und wieder, nur um diese 'merkwürdige Sprache und diese
erlesene, ungewollte Stilkunst zu gemessen.
Man darf annehmen, dass nach Abschluss des 4. Bandes
dieser Essays für Achad Haam eine neue Lebensepoche be¬
ginnt. Vielleicht wird er manche seiner Anschauungen
von Grund aus revidieren, vieles wird sich für ihn im
Lichte der Zeit nach seinen eignen Erlebnissen geklärt
haben. Und wenn er dann die Summe seines Denkens
zieht, gibt er uns vielleicht ein Werk, welches für die
kommenden Jahrhunderte im Geistesleben unseres Volkes
eine solche Rolle spielen wird, wie ehemals der „Moreh,,
des Maimuni. Junius.
(Fortsetzung auf Seite 423/424.)