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ILLUSTRIERTE MONATSSCHRIFT
FÜR DAS GESAMTE JUDENTUM.
Herausgegeben und redigiert
LEO WINZ.
Alle Rechte vorbehalten.
Heft 7/8.
Juli-August 1917.
XVII. Jahrg.
FRIEDENSZIELE DER JUDEN.
Von B.W. Segel.
Wir gehen einem Zeitalter von Kongressen
entgegen. Mehrere, man weiß nicht recht wie¬
viele, sind in Stockholm angekündigt, gleich¬
sam als Vorboten des großen Friedenskongresses,
der doch schließlich irgendwo einmal abgehalten
werden muß. Ein Kongreß der unterdrückten
Nationalitäten Rußlands fand im vorigen Jahre
in der Schweiz statt; in demselben Lande haben
die Katholiken ihren Kongreß gehabt, über den
äußerst wenig in die Oeffentlichkeit gedrungen ist
und der zu einer großen friedensfreundlichen
Aktion führen soll. Es wäre schwer, zu erwarten,
daß die Juden da zurückbleiben sollten. Amerika
hatte den Vortritt. Dort wurde seit 1915 die
Idee eines Kongresses der amerikanischen Juden
eifrig erörtert, fand heftige Gegnerschaft, er¬
regte leidenschaftliche Debatten, die zu dem Er¬
gebnis führten, daß der Kongreß am 2. Sep¬
tember dieses Jahres abgehalten werden wird.
Die jüdische Gemeinde von Rom hat angeregt,
daß die Pariser Alliance einen Kongreß der Juden
der Ententestaaten -einberufen solle. Auch in
Oesterreich wird der Gedanke eines Kongresses
der jüdischen Gemeinden lebhaft erörtert, und
sogar in Deutschland soll der gleiche Plan an¬
geregt worden sein. Man darf füglich er¬
warten, daß als Gegenstück des Kongresses
der Ententejuden ein solcher der Juden der
Zentralmächte oder gar Mitteleuropas aufs Tapet
gebracht werde.
Und warum sollte am Ende nicht auch der
Plan eines Kongresses der Juden der neutralen
Länder auftauchen ? Wird nicht manches der
neutralen Länder in naher oder ferner Zukunft
berufen sein, die schwere und so wichtige Rolle
des Vermittlers zwischen den Kriegführenden
auch in jüdischen Fragen zu spielen?
Trotz der schwerwiegenden prinzipiellen und
formalen Bedenken, die namentlich in Amerika
gegen den Plan eines Kongresses geltend ge¬
macht wurden, wird man zugeben müssen, daß
solche Zusammenkünfte und Kundgebungen
vonseiten der Juden einige Wirkungen auf die
Oeffentlichkeit haben können. Und darum täte
man gut, derartigen Bestrebungen keinen grund¬
sätzlichen Widerstand entgegenzubringen. Man
muß überdies sich klar werden, daß wir es in
solchen Fällen mit einer Art von ansteckender
Massenpsychose zu tun haben, der man sich
vergeblich mit kühlen Erwägungen cntge'gen-
zustemmen suchen würde. Jeder irgendwo ab¬
gehaltene Kongreß, welcher Art immer er ge¬
wesen sein und welche Resultate er gezeitigt
haben mag, wird mit einer gewissen unentrinn¬
baren massen psychologischen Nötigung eine
Reihe von anderen Kongressen nach sich ziehen.
Und wenn erst irgendwo ein jüdischer Kon¬
greß stattgefunden hat, dann kann man mit ab¬
soluter Gewißheit darauf rechnen, daß die Juden
überall es als einen förmlichen Gewissenszwang
empfinden werden, das gleiche zu tun; und inso¬
fern ihnen das unmöglich sein sollte, würden
sie das Gefühl einer Verfehlung, einer nie wieder
gutzumachenden Unterlassungssünde haben.
Andererseits aber ist im Grunde nicht ein¬
zusehen, warum die Juden einzelner Länder oder
mehrerer irgendwie zusammengehörender Län¬
dergruppen, nicht zusammentreten sollten, um