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Porträts des Kgl. Westphälischen Konsistoriums der Israeliten.
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PORTRAETS DES KOL. WESTPHAELISCHEN KONSISTORIUMS
DER ISRAELITEN.
Mitgeteilt von Moritz Stern.
Die wertvollsten Bildnisse, die durch die Stif*
tung Albert Wolfs in den Besitz der Berliner
jüdischen Gemeinde gelangten, sind sieben Miniatur*
porträts, die auf einer Papptafel aufgeklebt waren
und nunmehr in anderer Anordnung auf Passepar*
tout* Karton eine Zierde der ersten Ausstellung der
„Kunstsammlung (Wolfsche Stiftung)" bilden. Dar*
gestellt sind die Mitglieder des Königlichen West*
phälischen Konsistoriums der Israeliten.
Diese jüdische Kirchenbehörde bestand von
1808 bis 1813 in Kassel. An der Spitze stand als
„Präsident" der Geheime Finanzrat Israel Jacobson,
weitere Mitglieder mit dem Titel „Kgl. Konsistorial*
rat" waren die Rabbiner Berlin, Kalkar, Steinhardt,
sowie die Schulmänner Fränkel und Heinemann,
als Konsistorialsekretär fungierte der christliche
Staatsratsadvokat Merkel.
Wer sich über die Tätigkeit des Konsistoriums
orientieren will, lese die zusammenfassende Dar*
Stellung von Ludwig Horwitz „Die Israeliten unter
dem Königreich Westfalen" (Berlin 1900). Ueber
die einzelnen Mitglieder und die Wirksamkeit des
Konsistoriums auf dem Gebiete des Schulwesens
gibt die gründliche Arbeit von Felix Lazarus „Das
Königlich Westphälische Konsistorium der Israeliten"
(Breslau 1914) reichen Aufschluß. Ueber den Wider*
stand, den die Anordnungen des Konsistoriums in
den altjüdischen Kreisen erfuhren, findet man bei
B. H. Auerbach „Geschichte der israelitischen Ge*
meinde Halberstadt" (Halberstadt 1866) zuverlässige
Zeugnisse. Wir beschäftigen uns im Folgenden
nur mit den. Porträts. Sie sind sämtlich auf dem
oben erwähnten' Karton, außerdem mit Ausnahme
von Steinhardt und Heinemann auch einzeln in
unserer Kunstsammlung vorhanden.
Von Jacobson (1768—1828) waren uns bis*
her zwei Bilder bekannt. Das eine erschien als
Kupferstich in der von dem Konsistorialrate Fränkel
herausgegebenen Zeitschrift „Sulamith", Jahrgang 2,
Band 1 (Dessau 1808). Das andere wurde von
Kohut „Geschichte der deutschen Juden" S. 721 als
kleines Klischee reproduziert, nachdem es bereits
vorher als kleine Photographie in der zweiten Auf*
läge von Arnheims Schrift „Die Jacobson*Schule
zu Seesen am Harz" (Braunschweig 1867) veröffent*
licht worden war. Eine flüchtige, leider entstellte
Wiedergabe der Photographie in Aetzung erfolgte in
der Jewish Encyclopedia VII (New York 1904), S. 47.
Der Kupferstich vor dem Titelblatte der „Su*
lamith" ist ein ovales Brustbild (11,9:9,1 cm) mit
den Angaben „F. Tielker del., C. Schule sc. 1808"
und der Unterschrift: „Israel Jacobssohn, Geheim*
Finanzrath und Präsident des Königl. Westphäl.
Consistoriums mosaischer Religion". Wie aus diesem
Wortlaut ersichtlich ist, geschah die Veröffentlichung
zu einer Zeit des Jahres 1808, da Jacobson seinen
Namen „Jacobssohn" noch nicht verändert hatte —
der Namenswechsel wird im dritten Hefte des
zweiten Jahrgangs der „Sulamith" S. 170 gemeldet
— aber schon als Präsident des Konsistoriums be*
zeichnet wurde. Auf das Bild wird in der Zeit*
schrift S. 31 besonders aufmerksam gemacht. Die
betreffende Notiz gehört zum ersten Hefte des
zweiten Jahrgangs, das im Juli 1808 erschien. Der
erste Band des Jahrgangs enthält zwar 6 Hefte,
und man sollte annehmen, daß Heft 1 (S. 1—72)
spätestens im Februar herauskam. Das ist aber
nicht der Fall, denn auf S. 13 steht eine Verfügung
vom 2. Juni und S. 15 ist von dem „vergangenen
Wochenfeste" die Rede. Zum Präsidenten des
Konsistoriums wurde Jacobson zwar erst am 19.
Oktober 1808 von dem Minister Simeon ernannt.
Aber es ist doch zu beachten, daß schon im Monat
Februar eine Versammlung von jüdischen Delegierten
sich in Kassel mit der Errichtung eines Konsistoriums
beschäftigte und zum Präsidenten desselben Jacob*
son wählte. S. 10 des erwähnten ersten Heftes heißt
es: „Der würdige Herr Jacobssohn, welcher zum
Präsidenten des Königlichen Consistoriums jüdischer
Confession ernannt ward." Statt „ernannt" muß es
„gewählt" heißen.
Was die Bezeichnung des Konsistoriums be*
trifft, so ordnete das Kgl. Dekret vom 31. März 1808
allgemein an: „Es soll in unserer Stadt Cassel ein
Konsistorium für die jüdische Religion errichtet
werden." Dementsprechend ist in der Verfügung
vom 19. Oktober, durch das der Minister Simeon
die Mitglieder des Konsistoriums ernannte, von
dem früheren Dekret die Rede, „qui cree un Con*
sistoire pour la religion juive." Im deutschen
Texte der Verfügung ist freilich die citierte Stelle
mit „Consistorium jüdischer Confession" übersetzt,
und so charakterisiert auch die obige Notiz der
„Sulamith" das Konsistorium. Jacobson selber war
für das Beiwort „mosaischer Religion", darum teilte
er am 28. Oktober den ernannten Mitgliedern des
Konsistoriums mit, daß „nunmehr das Consistorium
des mosaischen Glaubens die rechtskräftige Existenz
erhalten" habe (Konzept für den Konsistorialsekretär
Merkel in der Bibliothek der jüdischen Gemeinde
Berlin, Akten betr. das Konsistorium zu Kassel
1808—1814 Nr. 2) und schlug unter gleichem Datum
dem Minister ein Amtssiegel mit der Inschrift vor:
„Königlich Westfälisches Konsistorium Mosaischer
Religion". Ob der Vorschlag nicht angenommen
wurde oder ob Jacobson, was wahrscheinlicher ist,
die Bezeichnung selber änderte, ist nicht bekannt.
Vom 19. Dezember 1808 ab, da das Konsistorium
seine erste Sitzung abhielt, lautete der Titel offiziell:
„Kgl. Westphälisches Konsistorium der Israeliten".
Das im Juli in der „Sulamith" veröffentlichte
Bild hat in der Unterschrift noch die Bezeichnung
„mosaischer Religion." Es ist von dem für den
westphälischen Hof tätigen Maler und Kupferstecher
Franz Karl Tielker (gest. um 1824) gezeichnet und
von C. Schule gestochen. Jacobson ist nach rechts
gewendet und trägt ein Käppchen oder eine Kappe
auf dem Kopf und einen mit steifem Kragen ver*
sehenen, etwas zu engen Hausrock, der unten mit
zwei Knöpfen geschlossen ist, während oben zwei
Knöpfeoffen stehen, so daß ein weicher, weißer Hemd*
kragen, sowie ein weißes Halstuch sichtbar sind. Das
Ganze ist das Bild eines freundlich blickenden, zufrie*
denen, wohlhabenden und wohllebenden Bürgers,
dem man nichts von der hohen, finanziellen
Stellung ansieht, die er einnahm, und eben*
sowenig von der Energie und Intelligenz, die
sich sonst in den Gesichtszügen von Reforma*