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ÜSP
ILLUSTRIERTE MONATSSCHRIFT
V
FÜR DAS GESAMTE JUDENTUM.
Herausgegeben und redigiert
von
LEO WINZ.
Alle Rechte vorbehalten.
Heft 10
Oktober 1917.
XVII. Jahrg.
H. ORAETZ.
Zu seinem hundertsten Geburtstage (31. Oktober 1917).
Von Prof. Dr. Ludwig B1 a u, Budapest.
Das XIX. Jahrhundert wurde unter anderem
das Jahrhundert der Geschichte genannt, und
dies Urteil trifft für die Wissenschaft des Juden¬
tums in erhöhtem Masse zu, denn sie ist im wanren
Sinne des Wortes als Geschichtswissenschaft ge¬
boren worden. S. L. Rapoport und L. Zunz,
die unbestritten als die Begründer der neuen Wis¬
senschaft gelten, waren dem Wesen nach Geschichts¬
forscher. Sie haben sich wohl auf verschiedenen
Wissensgebieten betätigt, Ausgangs- und Zielpunkt
ihrer Forschungen bildete jedoch e tets die Auf¬
hellung der Vergangenheit des jüdischen Volkes,
ihre epochemachenden Werke zumal fallen samt
und sonders in das Gebiet der Geschichtswissen¬
schaft. Sie haben die moderne historische Me¬
thode zunächst auf das altjüdische Schrifttum an¬
gewendet, den Urwald an verschiedenen Punkten
gelichtet, somit einen Ueberblick über die zum Teil
unter Gestrüpp verdeckte hebräische Literatur er¬
möglicht. Das zu erstrebende Endziel, das um die
Mitte des vorigen Jahrhunderts allen hervorragen¬
den Arbeitern an der neuen Wissenschaft, die gleich
einer Offenbarung wirkte, vor Augen schwebte,
war indes eine auf der Höhe der neuen Erkenntnis
stehende „Geschichte der Juden". In Anbetiacht
der mangelhaften Vorarbeiten, welche kaum seit
einem Menschenalter im Gange waren, glaubte man,
die Zeit für die Inangriffnahme eines so umfassenden
Werkes wäre noch nicht gekommen, wobei die ein¬
schlägigen Werke der beiden Vorgänger, das ältere
von J. Basnage und das jüngere von J. M. Jos1 den
Zeitgenossen durchaus nicht als ermunternd er¬
schienen. Wenn die Geschichte der Juden nichts
anderes sein sollte als ein Mosaikbild, das von
aus Schutt und Trümmern aufgelesenen Steinchen
zusammengesetzt wird, so war die Wissenschaft
für ein solches Geschichtswerk allerdings noch nicht
reif. H. Graetz, dessen Andenken diese Zeilen ge¬
widmet sind, hatte jedoch eine ganz andere An¬
schauung von der Geschichte der Juden. Er blieb
nicht an den Einzelheiten haften, er überblickte das
Ganze als solches und durchdrang es mit seinem
Geiste. Hierin liegt seine überragende Bedeutung
für das jüdische Volk nicht nur, sondern für alle,
die an diese einzigartige Geschichte ohne Vorein¬
genommenheit herantreten.
Um ein zutreffendes objektives Bild von dem
Geiste und der Gestaltungskunst „des Historiogra¬
phien des Judentums", wie David Kaufmann
Graetz mit Recht genannt hat, zu zeichnen, empfiehlt
es sich, die Farben seinem eigenen Werke zu ent¬
nehmen. In den Einleitungen zu einzelnen Teilen
•seiner zwölf bändigen „Geschichte" hat sich Graetz
über das jüdische Volk und dessen Geschichte des
Ausführlichen geäussert, mit einer Klarheit und
Deutlichkeit, in welcher auch die Persönlichkeit des
Autors sich spiegelt. Während ich also an die
Würdigung der „Geschichte der Juden" herantrete,
will ich auch den Autor selbst zu Worte kommen
lassen. Dass die Liebe zu dem Volke, dem er
durch Geburt und Ueberzeugung angehört, seine
Feder geführt, bekennt er offen, wobei er aber
bemerkt, dass diese Liebe ihn nicht zu Parteilich¬
keit und Beschönigung verleitet hat. Mit diesem
Geständnis hat er Ende des Jahres 1873 den ersten
Band seiner Geschichte, der aber dem Erscheinen
nach der letzte ist, ausgehen lassen, »nachdem er
sie im Jahre 1853 mit dem vierten Bande, der die
Zeit vom Untergang des jüdischen Staates' bis zum
Abschluss des Talmud darstellt, eröffnet" hatte. Das