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Friedensziele der Juden.
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D. A. Haltrecht: Bildnis
Doch wozu in die Vergangenheit zurückgrei¬
fen? Erst vor wenigen Jahren hat sich vor unseren
Augen ein (ähnliches Schauspiel entrollt, dessen
Ausgang — wir sind über ihn noch nicht genau
unterrichtet — sich wahrscheinlich in eine Tra¬
gödie verwandelt hat. Kaum hatte Italien 1912 Tri¬
polis und die Cyrenaika von der Türkei erobert, als
die italienische Regierung anfing, sich der dortigen
jüdischen Bevölkerung von ungefähr neunzehntau-
send Seelen mit verdächtigem Eifer anzunehmen.
Eine besondere Mission wurde auf einem eigens
hierzu ausgerüsteten Staatsschiff dorthin entsandt
und da das Schiff gerade an einem Sabbat ans
Ziel gelangte, hielt es außerhalb des Hafens bis
zum Sonntag an, damit die Ankömmlinge nicht
nötig hätten, durch das Landen den Sabbat zu
entweihen, — obgleich die jüdischen Religions¬
vorschriften gar- nicht so rigoros sind, und Rei¬
senden ; zu Schiff ohne weiteres erlauben, am
Sabbat an. Land zu gehen. Aber den armen ortho¬
doxen Juden von Tripolis imponierte diese von
der siegreichen Regierung einer europäischen
Großmacht ihrer Religion erwiesene Revereuz ge¬
waltig und sie sahen schon die Morgenröte der'
Freiheit aufgehen. Italien fing auch gleich an,
sie zu „organisieren", und unter seinen be¬
sonderen Schutz zu nehmen.
Der Zahltag für die öffent¬
lichen Arbeiten wurde vom
Sabbat auf einen Wochentag
verlegt, um den jüdischen
Arbeitern und Handwerkern
entgegenzukommen. Die Ver¬
waltung der jüdischen Ge¬
meinde von Tripolis mit
ihren Wohltätigkeitsanstalten
und ihrer eigenen Recht¬
sprechung wurde der Kon¬
trolle der neuen Regierung
unterstellt. Die Juden wurden
zum Schein auf jede Weise
mit sehr geringen Kosten
förmlich begünstigt, denn
Italien bemühte sich, um
jeden Preis „dieses nützliche
Element für sich zu ge¬
winnen." Daß dies den
bittersten Neid und .Haß der
Mohammedaner, der Berbern
sowohl als der Araber und
Türken erregte, ist nicht zu
verwundern. Nun wurden
die Italiener im jetzigen Kriege aus ganz Lybien
hinausgeworfen. Wie es den Juden dabei ergangen ist,
kann man sich leicht denken. Genaueres werden wir
darüber allerdings erst nach dem Kriege erfahren.
Nun ist genugsam bekannt, daß die Lage der
Juden in Lybien sehr gedrückt war. Ein kleiner
Teil von ihnen wohnt schon seit mehr als zwei¬
tausend Jahren im Lande; unter Kaiser Trajan
hat es (117 n. Chr.) in der Cyrenaika einen großen
Aufstand der Juden gegeben, der in schweren
Kämpfen niedergeworfen wurde. Der größte Teil
der jüdischen Bevölkerung aber stammt von den
Einwanderern aus Spanien und Italien ab, die
in den mohammedanischen Staaten vor der Ver-
folgungss'ucht im Mittelalter Zuflucht fanden.
Die Berbern, sowie die viel später hier ange¬
siedelten Araber unterdrückten sie im gleichen
Maße. Unter türkischer Herrschaft besserte sich
ihre Lage allerdings, aber sie ließ, noch immer
sehr viel zu wünschen übrig- Die Mohammedaner
betrachteten sich als die Herren des Landes, die
Juden aber als die Geduldeten, die ihnen gegen¬
über auch ^äußerlich eine demütige Haltung zu
bewahren hatten. Jeder Juide mußte z. B. vom
Pferde steigen, wenn er dem ärmsjten Araber be¬
gegnete. (Das gleiche war übrigens auch den Chri-