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Friedensziele der Juden.
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sten auferlegt.) Das alles muß ohne weiteres zuge¬
geben werden, aber trotzdem hatten es hier in Afrika
die Jujden Idoch nicht viel schlimmer, als z. B.
in Italien bis tief in das 19. Jahrhundert hinein!
Und daßi die italienische Regierung sich
lediglich von idealen Gründen, von Motiven der
Humanitäit (und, Fr^eiheitsliebe, nicht aber von
dem sacrio egoismjo leiten ließ, indem sie die
Juden begünstigte, dürfte doch sehr zweifelhaft
sein, auch wenn man nicht deutlich verraten]
hätjte, [daß man „dieses wertvolle Element ge¬
winnen wollte." Aber sehr unwahrscheinlich ist
es, daß sich die Lage der Juden durch diese Be¬
günstigungen auch nur für kurze Dauer gebessert
hätte. Lieber ein alter Feind, als ein neuer
Freund, sagt ein jüjdisches Sprichwort. Die Be¬
völkerung von Lybien mag den Juden noch so
übel gesinnt sein, die türkische Regierung hat
ihnen immer, so weit es in ihrer Macht lag, bei¬
gestanden. Wenn sie sich nun in ihrer politischen
Unerfahrenheit und KjurzsicWtigkeit durch den Er¬
oberer verlocken ließen, und von den ihnen ein¬
geräumten Scheinprivilegien Gebrauch machten,
so könnte dies wohl manch Einzelnen unter ihnen
momentanen Nützen bringen, die Gesamtheit aber
erleidet dadurch schweren Schaden und setzt sich
großen Gefahren aus. Sie zieht sich den Haß
der ganzen muselmanischen Welt zu, die sie als
Verräterin betrachtet. Und
wenn schließlich die Italiener
mit dem muselmanischen Ele¬
ment auf die eine oder an¬
dere Weise ihren Frieden
zu machen gezwungen sind,
zweifelt jemand daran, daß
die Juden zwischen zwei
Stühle zu sitzen kommen,
daß sie von beiden Parteien
verlassen und einem doppel¬
ten Haß preisgegeben sein
werden ?
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Nun haben wir in aller-
jüngster Zeit wiederum ein
ähnliches Schauspiel erlebt,
nur war es in viel größerem
Maßstab angelegt und mit
zugleich größerem Zynismus
durchgeführt. Und die Ar¬
beit hat auch schon ihre
verhängnisvollen Früchte ge¬
tragen. Vor einigen Monaten
ging durch die gesamte Presse ein Schrei sittlicher
Entrüstung über die „Evakuierungen" der Juden
in den Kolonien und einzelnen Städten Palästinas
durch die türkische Militärverwaltung-. In g*rauen-
haften Farben malte man den Jammer der Ver¬
triebenen aus und rief die edelsten Gefühle der
Humanität und der Gerechtigkeit gegen die os-
manischen .Machthaber an. Den Reigen führte
die amerikanische Presse!; die englische, fran¬
zösische und italienische schüttete ihren ganzen
Zorn über die türkischen Massenmörder aus und
erinnerte an die Grausamkeiten, unter denen ehe¬
mals die Balkanvölker und dann, bis in die
Gegenwart, die Armenier litten. In der Presse
der neutralen Länder fanden die Stimmen einen
mächtigen Widerhall, den mächtigsten in den
Schweizer deutschen 'Zeitungen. Wochenlang
verschwand das Thema, nicht .von der Tagesord¬
nung. Die Juden konnten sich über den Jammer
mit dem Gedanken hinwegtrösten, daß der höchst¬
kultivierte Teil der ganzen Menschheit ihnen die
innigste Teilnahme ausgedrückt hatte.
Nachträglich stellte sich freilich heraus, daß
die Nachrichten über die Grausamkeiten bei den
Evakuierungen stark übertrieben waren, daß diese
zum Schutz der Bevölkerung vor den Bomben
und anderen Geschossen der Entente vorgenom¬
men werden mußten und daß nicht nur Juden
D. A. Haltrecht: Bei der Stickerei