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ILLUSTRIERTE MONATSSCHRIFT^^ FÜR DAS GESAMTE JUDENTUM.
Herausgegeben und redigiert
LEO WINZ.
Alle Rechte vorbehalten.
Heft 3/4
März-April 1918.
XVIII. Jahrg.
DR. ECHIEL TSCHLENOW.
Von Professor Dr. O. Warburg
In der Nacht vom 31. Januar zum 1. Fe¬
bruar ist Dr. Echiel Tschlenow, der 2. Vor¬
sitzende des engeren Aktions-Komitees der
zionistischen Organisation, im Alter von
55 Jahren in London sanft entschlafen.
Diese Nachricht hat nicht nur seine Freunde
und zionistischen Gesinnungsgenossen, sondern
die ganze jüdische Welt in tiefe Trauer ver¬
setzt. In der Tat hat das gesamte Judentum
durch sein Dahinscheiden einen großen Verlust
erlitten. Wie er als Arzt in Moskau angesehen
und hochgeschätzt war, so genoß er auch
unbegrenztes Vertrauen und echte Hochachtung
bei allen, die mit ihm in Berührung kamen.
Aus Krementschuk im Gouvernement Pol-
tawa stammend und dort von frommen Eltern
bis zum 13. Jahre in Bibel- und Talmudstudien
erzogen, lernte er erst vom Jahre 1877 an in
Moskau die russische Sprache und Literatur, um
dann nach großen Kämpfen bei seinen Eltern
durchzusetzen, daß er ein russisches Gymnasium
besuchen dürfe. Wenngleich er damals ganz
unter dem Einfluß seines Lehrers, eines be¬
kannten Sozialisten, stand und dadurch Anhänger
der sozialistischen Lehre wurde, bewahrte er
sich doch im Innern die gut jüdische Gesinnung
seiner Familie, und als zu Beginn der 80er Jahre
die erste Pogromwelle Rußland durchzog, ge¬
langte jüdisches Empfinden auch äußerlich bei
ihm zum Durchbruch. Er schloß sich der neu¬
gebildeten Moskauer Gruppe der Zionspioniere
(Bilu) an und wurde ihr Führer. Zu seinem
Leidwesen erlaubten ihm, dem etwas schwäch¬
lichen Gymnasiasten, seine Eltern nicht, zu¬
sammen mit einigen Delegierten der Moskauer
Gruppe Palästina aufzusuchen. Er blieb aber
der Sache der jüdischen Siedlung in Palästina
bis an sein Lebensende treu.
Als junger • Student beteiligte er sich im
Jahre 1884 an der Gründung einer Gruppe
Bne-Zion, aus der eine Anzahl der besten Führer
der chowewe-zionistischen sowie später der po¬
litisch-zionistischen Bewegung hervorgingen,
unter anderen Ussischkin, Tomkin, Idelsohn, Le-
vontin, Rabbiner Mase. Auch Tschlenow selbst
ging den gleichen Weg". Als Sekretär der Ge¬
sellschaft Chowewe-Zion besuchte er im Jahre
1891, zur Zeit der ersten großen Krise der jü¬
dischen Palästina-Kolonisation, die Konferenz
der Zionsfreunde in Warschau und lernte drei
Jahre .später auf einer zu wissenschaftlichen
Zwecken unternommenen Reise in Wien auch
die irdortigen Führer der Palästinabewegung
kennen, darunter auch Ingenieur Kremenetzky,
Dr. Kokesch und Dr. Schnirer, die in den An¬
fangsjahren des Zionismus als Gefolgschaft
Herzls eine wichtige Rolle zu 'spielen berufen
waren.
Den weitgehenden Ideen Herzls selbst stand
Tschlenow dagegen in der ersten Zeit etwas
skeptisch gegenüber. Herzls Buch „Der Juden¬
staat", das er auf seiner zweiten Reise nach
Wien, im Jahre 1896, kennenlernte, machte
zwar starken Eindruck auf ihn, aber dem Ruf
Herzls zum ersten Zionistenkongreß in Basel
leistete er trotz der dringenden Aufforderung