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Dr. Echiel Tschlenow.
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Dr. Schnirers, der ihn 1897 in Moskau auf¬
suchte, nicht Folge. Erst als dieser Kongreß
sich als erfolgreich erwies, schloß er sich der
zionistischen Bewegung* an und wurde bald ein
anerkannter Führer der russischen Zionisten.
Am zweiten Kongreß, im Jahre 1898, nahm
Tschlenow schon teil, und seitdem fehlte er bei
keinem derselben; ein Kongreß ohne Tschlenow
war kaum denkbar. An allen wichtigen Be¬
strebungen beteiligte er sich aufs eifrigste, nicht
nur dadurch, daß er Ratschläge gab, sondern
besonders auch, indem er in der großen russi¬
schen Föderation aufklärend wirkte; er war ein
ebenso guter Organisator wie Agitator. So ist
der Erfolg, den die Jüdische Kolonialbank durch
Absatz ihrer Aktien in Rußland erzielte, zum
guten Teile seinen Bemühungen zu verdanken.
Auch stand er jahrelang an der Spitze der
Nationalfondskommission Rußlands und ver¬
stand es in meisterhafter. Weise, die Eingänge
desselben zu vermehren. •
Auch als Zionist behielt er seine Vorliebe
für den Palästinismus bei, seine Herkunft aus
dem Lager der Chowewe-Zion verleugnete er
nie und war sogar stolz darauf. In der ersten
Zeit des Zionismus, als die rein kolonisatorische
Richtung der Ostjuden mit den politischen Prin¬
zipien der Westjuden im Kampfe lag,, war er es,
der stets danach strebte,einen Kompromiß
zwischen diesen beiden •' Bestrebungen* durchzu¬
setzen; er suchte Ost und;-West in einer ge¬
meinsamen Formel zu vereinigen. Kein Wunder
daher, daß er auch auf deir-Zionistenkongressen
als eifrigster Vorkämpfer der Palästinarichtung
angesehen wurde; schon am zweiten Kongreß
setzte er sich als Referent der Palästinakommission
dafür ein, daß man sreh trotz der ungünstigen
Verhältnisse nicht mit diplomatischen Aktionen
begnüge, sondern im Rahmen der Möglichkeit
auch praktische Arbeit in Palästina zu leisten
versuche. Jeder Anregung, die im Laufe der
folgenden 16 Jahre in der Richtung der palä¬
stinensischen Siedlung gegeben wurde, nahm er
sich aufs wärmste an, und ohne seine wertvolle
Unterstützung hätte wohl weder die ständige
Palästinakommission noch später das Palästina¬
amt der zionistischen Organisation das Licht
der Welt erblickt. Auch die genossenschaftliche
Bewirtschaftung der Ländereien in Palästina, die
in der „Baumspende" zusammengefaßten Auf¬
forstungsbestrebungen, die Organisationen für
Parzellierung ländlichen und städtischen Be¬
sitzes, die als ,,Palestine Land Development Co.",
sowie als Vorstadt Jaffas „Tell-Awiw" später
von erheblicher Bedeutung wurden, fanden seine
tatkräftige Unterstützung. Ja selbslt mit seinen
eigenen Mitteln beteiligte er sich in erheblichem
Maße, um' ein (äußerst wertvolles Gut am Tiberias-
see der jüdischen Siedlung zu sichern, indem er
Teilhaber der „Tiberia-Landgesellschaft" wurde.
Ebenso unterstützte er die Bestrebungen, Kunst¬
gewerbe und Frauenhandwerk in Palästina ein¬
zuführen, wie sie der Verein „Bezalel" und der
„Verband jüdischer Frauen für Kulturarbeit in
Palästina" vertraten.
Aber neben den wirtschaftlichen Bestre¬
bungen vergaß er auch das kulturelle Element
in Palästina nicht; namentlich das jüdische Schul¬
werk in Palästina lag ihm ganz außerordentlich
am Merzen; so trat er warm! für die Errichtung
des Technikums in Haifa und die Erwerbung des
Bodens für eine Universität in Jerusalem ein,
besonders kraftvoll kämpfte er aber für das he¬
bräische Schulwesen, vor allem während der
bis zum Kriege- reichenden Periode des soge-
nannten Sprachenkampfes.
Der Einfluß, den Dr. Tschlenow auf
den Zionistenkongressen ausübte, war
ein ■ ganz außerordentlicher, der Ernst
seiner'; Ueberzeugung, seine Ergebenheit
an die Sache, sejn lauterer, allen per¬
sönlichen Einflüssen unzugänglicher Charakter,
die Milde seines Wesens, gepaart mit Festigkeit
in seinen Zielen und Strenge auch gegen sich
selbst, seine innere Aufrichtigkeit, sein Pflicht¬
bewußtsein und andererseits wieder seine Liebe
zu den. Menschen und zum Judentum, seine An¬
hänglichkeit an die Organisation, die Hochhal-
tung seiner Ideale, seine echt demokratische,
alle Söhne seines Volkes in gleicher Weise um¬
fassende Gesinnung und sein unerschütterlicher
Glauben an die endliche Erreichung der zioni¬
stischen Ziele machten ihn zu einem wirklichen
Führer. Ueberkeine wichtige Angelegenheitkonnte
verhandelt werden, ohne daß Tschlenow herbei¬
gerufen wurde, in jeder vorbereitenden Kom¬
mission hatte er Sitz und Stimme, in den meisten
Fällen gab er sogar den Ausschlag. Mit seinem
Urteil hielt er gewöhnlich zurück, bis alle die
verschiedenen Richtungen zu Wort gekommen
waren, ja er bestand auch darauf, daß dies tat¬
sächlich geschah, selbst wenn Nachtsitzungen
dadurch erforderlich wurden. Er wollte, daß
alles Für und Wider gründlich erörtert werde,