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Dr. Echiel Tschlenow.
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Zentrum der Bewegung die Verantwortung der
Leitung derselben mit tragen zu dürfen.
Um so 'mehr wirkte er jetzt in Rußland
selbst, und, da die russische Föderation infolge
ihrer Stärke auch auf den Kongressen fast aus¬
schlaggebend war, indirekt auch auf die ge¬
samte zionistische Bewegung. So leitete er im
Jahre 1906 die russische Zionisten-Konferenz in
Helsingfors, die sich unbeschadet der politischen
Bestrebungen in energischer Weise für Gegen¬
wartsarbeit auch in den Golusländern aussprach.
Auf der 2. Konferenz in Moskau im Jahre 1908
wurde Stellung genommen zu der durch die
politische Umwälzung neugeschaffenen Lage in
der Türkei; man beschloß, in der Türkei eine
zionistische Presse zu gründen und in Konstan¬
tinopel ein Agrarinstitut zu errichten, was dann
auch auf den folgenden allgemeinen zionistischen
Kongressen durchgesetzt wurde. Das sind nur
einige Fälle der vorbereitenden Tätigkeit der
zionistischen Föderation Rußlands, an der
Tschlenow an allererster Stelle teilnahm.
In Rußland.wurde er zusammen mitUssisclikin
unbedingt als der Leiter der zionistischen Be¬
wegung anerkannt. Das wußte er auch, da er
seinen Einfluß auf die -Masse kannte. Aber nie
hat er ihn mißbraucht. Er nahm die wohl¬
verdienten Huldigungen entgegen, ohne solche
je zu provozieren; ihm lag 'mehr an der wirk¬
lichen Macht als an dem Schein oder dem Glanz
einer solchen. Auf den Kongressen findet man
ihn mehr in den wichtigen Kommissionen und
im Kreise der Eingeweihten als bei den großen
Veranstaltungen; auch auf der Rednerliste findet
man seinen Namen viel seltener als den weit
weniger einflußreicher Gesinnungsgenossen.
Hierbei ist freilich zu bemerken, daß er auch
nicht über eine zündende Rednergabe verfügte
und auch Witz und Schlagfertigkeit ihm abging.
Dennoch hatten seine Reden stets einen großen
Reiz durch die Tiefe der Empfindung, die
strenge Logik, den reichen Inhalt und die
innige, oft etwas sentimentale Stimmung, die
sie auszeichnete.
Gegen die Zersplitterung der Leitung der
zionistischen Bewegung auf verschiedene Orte
war er stets, und als dann auf dem letzten,
12. Kongreß in Wien im Jahre 1913 eine ein¬
heitliche erweiterte Leitung in Berlin festgelegt
wurde, entschloß er sich auf den dringenden
Wunsch des Permanenzausschusses, wenn auch
schweren Herzens, diesem Ruf Folge zu leisten.
Das Opfer, das er brachte, indem 1 er seinen ihm
so lieben und erfolgreichen ärztlichen Beruf
sowie seine an Moskau gekettete Familie ver¬
lassen mußte, war ein großes. Seine Wahl ins
Engere Aktionskomitee wurde aber auch dem¬
gemäß von sämtlichen Delegierten des Kon¬
gresses mit stürmischem Beifall aufgenommen.
Im Engeren Aktionskomitee verwaltete er die
Stelle des zweiten Vorsitzenden mit Ernst und
Eifer. Leider hatte aber diese Neugestaltung kaum
Zeit, bedeutende Erfolge zu zeitigen; das erste
Jahr dieser seiner Tätigkeit war großenteils
durch den Sprachenkampf eingenommen, der
zur Gründung eines bedeutenden hebräischen
Schulwerkes und eines dasselbe umfassenden
Schulverbandes in Palästina führte. Dann kam
aber der Krieg; Tschlenow mußte Deutschland
verlassen und begab sich wieder nach Moskau.
Dort stürzte er sich, obgleich wieder von seinem
alten Magenleiden geplagt, in die aufreibenden
Arbeiten, die der Krieg zeitigte. Vor allem be¬
teiligte er sich in leitender Stellung an den
Arbeiten des Komitees für die jüdischen Kriegs¬
opfer und sorgte für die zahllosen aus den Rand¬
gebieten ausgewiesenen und ins Innere Ru߬
lands flüchtenden Juden. Besonders setzte er
sich als Vorstandsmitglied der Moskauer Ab¬
teilung der „Bildungsgesellschaft" für die Ein¬
richtung jüdibch-nationaler Schulen ein und
kämpfte für die hebräische gegen die jüdische
Unterrichtssprache mit so großem Erfolg, daß
auf der Generalversammlung' die vier Kandidaten
der Hebraisten gewählt wurden. Auch veröffent¬
lichte er während dieser Zeit eine sogar in der
amerikanischen Presse übersetzte Artikelserie
„Der Weltkrieg und unsere Perspektiven". Er
war die angesehenste jüdische Persönlichkeit
Moskaus; er wurde in den Moskauer Kultusrat
gewählt und nahm starken Anteil an den Vor¬
bereitungen zum russisch-jüdischen Kongreß.
Seine allgemeinen zionistischen Pflichten als
Mitglied des engeren Aktionskomitees vernach¬
lässigte er auch in dieser Zeit allgemein jüdischer
Betätigung keineswegs. Besonders nahm er an
den Hilfsaktionen teil, die den Zweck hatten,
die jüdische Siedlung in Palästina zu retten und
durchzuhalten; diese war nämlich durch die Ab¬
schneidung ihrer Ausfuhr sowie auch durch den
Einfall riesiger Heuschreckenschwärme im Jahre
1915 in große Bedrängnis geraten. Aber auch an
der allgemeinen politischen Arbeit der zionistischen
Leitung beteiligte er sich, soweit er konnte;