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Dr. Echiel Tschlenow.
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so reiste er Ende 1914 zu einer Konferenz nach
Kopenhagen und von dort weiter über England
und Frankreich nach der Schweiz. Seine Auf¬
gabe war es hierbei, mit den Zionisten dieser
Länder die Grundlagen der zionistischen Politik
festzulegen. Eine zweite Reise nach Kopenhagen
im Sommer 1915 hätte für ihn infolge des Mi߬
trauens der automatischen russischen Regierung
heinahe üble Folgen gehabt.
Dann verschlimmerte sich sein altes Magen¬
leiden zusehends, so daß er sich" im November
einer Operation unterziehen mußte. Wenn¬
gleich diese ihm in bezug auf die Schmerzen,
die ihm sein Leben vergifteten, eine große Er¬
leichterung brachte, so bedurfte es doch einer
langen Erholungszeit. Auch das Jahr 1916
brachte ihm keine Besserung, im Gegenteil, es
traten sogar Rückfälle ein, ' so daß er keine
weiteren Reisen 'wagen durfte und sich schon
ernstlich mit dem Gedanken des Rücktritts aus
dem Engeren Aktionskomitee der zionistischen
Organisation trug. Hiervon nahm er zwar auf
den Wunsch seiner Kollegen Abstand, aber er
mußte sich andauernd schonen und hätte es auch
wohl im folgenden Jahre getan, wenn nicht die
Umwälzung in Rußland dringende Anforde¬
rungen an ihn gestellt hätte.
In wenigen Monaten nach der Revolution
war die zionistische Organisation in Rußland
unter Tschlenows tatkräftiger Leitung schon auf
140 000 Mitglieder angeschwollen. Ihm gelang
es, die russische revolutionäre Regierung zu ver¬
anlassen, als erste gegen die Judenverfolgungen
in Palästina zu protestieren und ihre Bundes¬
genossen zu gleichen Schritten anzuregen. Die
russischen Zionisten verlangten jetzt eine
Delegierten-Konferenz, machten aber ihre Ein¬
berufung von der Teilnahme Tschlenows ab¬
hängig. Trotz seines leidenden Zustandes präsi¬
dierte er dieser, eine ganze Woche lang, in der
ersten Hälfte des Juni dauernden Konferenz in
Petersburg und leitete sie mit einer im besten
Sinne des Wortes programmatischen, von minuten¬
langem 5eif all um brausten Rede ein, die unter
der Ueberschrift: „Der Krieg, die russische
Revolution und der Zionismus" unter anderen
auch in deutscher Sprache erschienen ist. Sogar
nach Jerusalem drang diese bedeutsame Kund¬
gebung und wurde bald, wie Dr. Thon schreibt,
in seinem Hause vor einem zahlreichen Publi¬
kum vorgelesen. Es war der Höhepunkt des
Lebens Tschlenows.
Sofort nach Schluß der Konferenz begab sich
Tschlenow, noch ganz angetan von der ge¬
hobenen Stimmung derselben, von Petrograd
nach Kopenhagen, wo ihn seine Kollegen zum
letzten Male bei längeren Konferenzen sehen
sollten. Dort stärkte er sich noch in einem
Sanatorium bei Helsingör für seine Reise nach
England, von der er nicht wieder zurückkehren
sollte.
In London war er eifrig beschäftigt mit
hochpolitischen Aufgaben, welche die Sicherung
einer jüdischen Heimstätte in Palästina zum Ziel
hatten. Er war voller Hoffnung dorthin ge¬
gangen, hatte ihm doch der Minister des Aeußern
in Kerenskis Kabinett die Zusicherung gegeben,
daß die russische Delegation auf der Pariser
Konferenz sich zum Dolmetscher der zionisti¬
schen Forderungen machen werde. Auch konnte
er in London noch die historische Erklärung
Balfours an Lord Rothschild vom 2. November
bezüglich Palästinas erleben und ebenso die
denkwürdige jüdische Riesendemonstration da¬
selbst am 2. Dezember. Auch die Nachricht der
Einnahme Jerusalems konnte er noch in vollem
Maße würdigen.
Wie sehr er noch bis zuletzt an seiner großen
Aufgabe hing und mit welcher Klarheit er die
Lage betrachtete, zeigt ein Brief, der am 2. Fe¬
bruar auf der Jahreskonferenz der englischen
zionistischen Föderation verlesen wurde; er
hatte ihn zwei Tage vor seinem Tode geschrieben.
In deutscher Uebersetzung lautet der Brief, sein
letztes Dokument:
„Im 'Namen des Engeren Aktions-Komitees
der zionistischen Organisation sende ich Ihnen
herzliche Grüße. Ich bin überzeugt, daß die
bevorstehende Konferenz von großer histo¬
rischer Bedeutung sein wird und bedauere es
außerordentlich, infolge von Umständen, über
die ich keine Macht habe, verhindert zu sein,
an ihr teilzunehmen."
„Die Erklärung der englischen Regierung
hat die Aussichten unserer Bewegung geändert.
Wir haben jetzt das Versprechen Großbritan¬
niens, dessen Freundschaft für die kleinen
Nationen traditionell ist, „die größten An¬
strengungen zu machen, um uns bei der Er¬
richtung einer nationalen Heimstätte für das
jüdische Volk in Palästina beizustehen". Die
Weltgeschichte, im besonderen aber die Ge¬
schichte des jüdischen Volkes, wird diese Tat
mit goldenen Buchstaben verzeichnen. Die