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Arbeit, die uns bevorsteht, ist schwer, die
Periode des Wiederaufbaus beginnt. Unsere
Gedanken und unsere Kritik müssen zusammen
arbeiten. Alles aber muß beherrscht sein von
dem einen Gedanken: Wie verwirklichen wir
am besten unser Ziel?"
„Das letzte Jahr stellt einen gewaltigen
Fortschritt dar; nur durch Einigkeit können
wir unsere Forderungen erfolgreich zur Gel¬
tung bringen. Lassen Sie uns hoffen, daß
das kommende Jahr uns in Erez Israel'sehen
wird, und daß die Grundlagen unseres natio¬
nalen Heims treu und fest gelegt werden."
Tschlenow verschied schmerzlos und fried¬
lich, aber fern von Heimat und Familie; sein Tod
ist, wie sein Kollege Nahum Sokolow aus Paris
sehr richtig schreibt, „seit Herzl und Wolffsohn
der größte Verlust für den Zionismus''. Und
ebenso, richtig schreibt. Max Nordau aus Madrid:
,,Es scheint unser tragisches Schicksal zu sein,
daß unsere besten Männer das Land der Ver¬
heißung nur aus der Ferne sehen dürfen und
daß ihnen das Glück versagt ist, ihren Fuß auf
heiligen Boden zu setzen. So war es mit unserem
Lehrer Moses, so mit Herzl, und jetzt wiederholt
es sich mit Tschlenow." Für die beiden letzteren
gilt das freilich nur bildlich; Tschlenow hat sogar
zweimal Palästina besucht, im Jahre 1907 und
1912, und hat die Fortschritte der jüdischen
Siedlung während dieser Periode in einer, vom
jüdischen Verlag auch in deutscher Sprache her¬
ausgegebenen Schrift: „Fünf Jahre Arbeit in
Palästina" in reizvoller, eindringlicher Weise ge¬
schildert. Sein Ideal aber, im Kreise seiner Ge¬
sinnungsgenossen im heiligen Land bis an sein
Lebensende wirken und dort ernten zu können,
was er g'esät hat, sollte er nicht erreichen.
Seine Beisetzung fand am 6. Februar in
London statt. Oberrabbiner Dr. Herz und
Chacham Dr. Gaster hielten die Trauerreden
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in der Großen Synagoge, und ein bedeutender
Teil-der jüdischen Gemeinde folgte dem Sarge
von der Synagoge bis zum jüdischen Friedhof
in Willesdon. Auch das englische Ministerium
ließ sich bei der Beerdigung Tschlenows ver¬
treten, und zwar durch Mark Sykes, den Fach¬
mann der Regierung für den Vorderen Orient,
sowie durch Ronald Graham; auch die arme¬
nische Kommission sowie die arabische Legion
entsandten Vertreter.
Tschlenow'starb in dem Augenblick, wo die
zionistische Arbeit an einem entscheidenden
Wendepunkt angelangt ist, wo sein Hinscheiden
also der denkbar schwerste Schlag für die Be¬
wegung sein mußte. Daß dies die allgemeine
Empfindung war, zeigte die imposante Trauer¬
feier, die am 13. Februar in der bis auf den
letzten Platz besetzten Great Assembly Hall in
London abgehalten wurde und bei der Dr. Weiz-
mann, Achad Haam, Israel Zangwill, Rabbiner
Kuk und Vertreter der verschiedenen jüdischen
Parteien und zionistischen Richtungen seine Ver¬
dienste würdigten.
Ueberall, wo Zionisten in größerer Menge
wohnen, wurden Trauerfeiern für Tschlenow ab¬
gehalten; zahllose Beileidskundgebungen, sogar
aus den fernsten Winkeln der Erde, strömten
ein und bewiesen, daß das jüdische Volk eine
dankbare Verehrung für seine großen Männer
besitzt.
Um aber seinen Namen dauernd mit den
Bestrebungen seiner Arbeit und dem Ziel seiner
Sehnsucht zu verbinden, hat das Zionistische
Aktionskomitee . beschlossen, unverzüglich an
die Sammlung einer Million Francs für eine
Tschlenow-Kolonie im heiligen Lande heranzu¬
treten. Mögen die zukünftigen Kolonisten unter
diesem Banner auch seiner Charaktereigen¬
schaften teilhaftig werden, dann wird die
Tschlenow-Kolonie gedeihen und seinen Namen
ehrenvoll in ferne Zukunft tragen.
Dr. Echiel Tschlenow.