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„Wiener Juden".
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„WIENER JUDEN"*).
Von Lektor.
„Alt, blind, leidend und leidvoll habe ich die¬
ses Buch geschrieben." Diese Worte, mit denen
der Verfasser seine Vorrede beginnt, sind nicht sehr
einladend und nicht geeignet, den Leser zur Lektüre
des dickleibigen Bandes von mehr als fünfhundert
eng, aber schön gedruckten Seiten anzuspornen.
Es kostet förmlich einige Uebervvindung, bis man
sich entschließt, darin zu blättern, dann aber läßt
man ihn nicht so bald aus der Hand. Ein alter
Mann, der tief in den 80er Jahrein steht, spricht hier
zu uns; er erzählt, schildert, beschreibt, zürnt,
schilt, polemisiert, doziert und peroriert, und alles
das mit bewundrnswerter Frische, Kraft, Tempera¬
ment; man spürt nichts davon, daß er alt, blind,
leidend und leidvoll sei. Er fesselt vom Anfang bis
ans Ende. Er ist ein Kaufmann von Beruf, ein
Mann des werktätigen Lebens, der aber an den Er¬
scheinungen nicht hastend vorbeiging, nur um seinen
persönlichen Gewinn oder Verlust sorgend, son¬
dern den tieferen Zusammenhängen nachgrübelte
und sich derart aus der unmittelbaren Erfahrung
heraus eine Lebensphilosophie schuf. Er hat mehr
als drei Viertel eines Jahrhunderts miterlebt, viele
Länder und Völker beobachtet, mit einer großen
Zahl von hervorragenden Menschen aller Schichten
und Arten verkehrt, gelebt und gekämpft. Er hatte
Erfolg in seinem Beruf und in seinen Arbeiten, nahm
bedeutenden Anteil am öffentlichen Leben, behaup¬
tete überall seine Stellung und dürfte sich wohl
■viele Gegner, aber kaum einen persönlichen Feind
erworben haben. Was er gesehen, erlebt und er¬
fahren hat, erzählt er; er erzählt glänzend, schlicht
und zugleich überlegen, lebhaft und farbenreich, mit
packender Realistik; aber das Erzählen genügt ihm
nicht. Er will den
Leser auch über¬
zeugen. Er hat eine
ganze Anzahl von
Ideen, die er liebt
und eine andere, die
er haßt, er will, daß
der Leser, gleich ihm,
für die ersteren ge¬
wonnen werde und
die letztere verab¬
scheue. Der Leser
ist indessen nicht ge¬
neigt, ihm unbedingt
Gefolgschaft zu lei¬
sten, ihm sind die
Adeen, für die der
Verfasser streitet,
-oder die er be¬
kämpft, entweder überwundene Standpunkte, über
die es sich kaum noch verlohnt, sich aufzuregen,
oder er nimmt zu ihnen einen dem des Ver¬
fassers entgegengesetzten Standpunkt ein. Da¬
gegen lauscht er immer mit größter Spannung sei¬
nen Erzählungen und Schilderungen. Hier pulsiert
echtes Leben, aus jeder Zeile spricht eine reiche Be¬
obachtungsgabe, tiefe Menschenkenntnis und gereif¬
tes, gesättigtes Verständnis der Welt und ihres Trei¬
bens. Es sei jedoch gleich bemerkt, daß: sich ein
Mangel fühlbar macht; die gemütliche Seite des
religiösen Lebens im alten Ghetto kommt sehr un¬
genügend zu ihrem Recht. Dagegen treten die Ge¬
stalten, als Einzelne wie in Gruppen, plastisch vor
das geistige Auge des Lesers. Insbesondere die
Frauen, die ohne Sentimentalität und Romantik ge¬
zeichnet sind, ohne jene Erotik, die sich häufig hin¬
ter frömmelnde Verhimmelung zu verbergen liebt.
Da sind z. B. die Geschäftsfrauen, nämlich die Jü¬
dinnen, welche ihren Männern als tätige Mitarbeite¬
rinnen im Erwerbsleben zur Seite standen. „Eigent¬
lich war jede dieser jüdischen Frauen eine scharf
umrissene Persönlichkeit. Diese schafft kein Mäd¬
chenlyzeum, sondern nur die Arbeit, die Notwendig¬
keit, zu denken, zu sorgen. Diese Weiber des
Ghettos standen dem Manne, d. h. dem männlichen
Wesen viel näher, als die heutigen Frauen. Haben
sie deshalb an Weiblichkeit verloren? Ja, aber nur
in einer Hinsicht, und clas gereichte ihnen, dem
Manne, der Familie und der Welt zum Vorteil. Ich
habe die Verschiedenheit zwischen dem Denken und
*) „Wiener Juden" von Sigmund Mayer, Verlag von
Löwit, Wien '1017.
FRIEDRICH ADLER
Esrogdose und Kiduschbecher
Hamburg