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„Wiener Juden".
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gegenüber, die zum Denken zwingen. Sie muß
ihren Geschmack, ihre Gesinnung erkunden, ihren
Bedarf erraten, nötigenfalls ihre Bundesgenossen¬
schaft gewinnen. Sie muß deren Verhältnisse,.
Charakter unjd Lebensführung studieren. „Das
alles 'hat für die individuelle Ausbildung der Ehe¬
frau,'für die
Denkübung
eine ganz
andere Be¬
deutung als
der Jour,der
Zeitungs¬
roman, das
Theater,
die Prome¬
nade."
Und mit
dieser Fä¬
higkeit und
Gewohn¬
heit, gerade
das Wich¬
tigste zu er¬
fassen und
zu würdi¬
gen, hängt
noch ein an¬
deres, nicht
minder be¬
deutsames
Moment zu¬
sammen :
„die Stel¬
lung dieser
Ghetto frau
zwischen
Mann und
Kindern war
eine andere
als jene, die
man heute
für selbst¬
verständ¬
lich hält.
Gewiß wa¬
ren den beiden jüdischen Ehegatten in ihrem ge¬
meinsamen Leben unjd Weben die Kinder die
Hauptsache, nur für sie arbeiteten sie, unla* in
dem, was die Kinder erreichten, sahen-sie den Er¬
folg des eigenen Lebens, aber innerhalb des Rah¬
mens ihrer Familie war der Jüdin jener Zeit vor
allem der Mann die Hauptsache. Der Mann, das
steckte durch tausendjährige Uebertragung eisern
in ihrem Blute, ist die Säule, auf der ihrer und ihrer
ganzen Familie Existenz beruhte. Dieser Gedanken¬
gang gab unserer jüdischen Ehefrau das Talent, in
Entwurf: FRIEDRICH ADLER
Eckausbildung eines Herrenzimmers
dem Manne, der sie zum Weibe genommen, immer
soviel als möglich die guten Seiten herauszufinden
und anzuerkennen. Darum kam der Mann vor den
Kindern, die Kinder erst nach dem Manne. Das
drückte sich im Leben des Hauses aus, und die
Kinder gewannen dieselbe Empfindung. Sie sahen,
wie der
Vater das
ganze Den¬
ken der
Mutter aus¬
füllte, das
flößte ihnen
vor dem
Vater einen
Respekt
ein, den die
Kinder
heute nicht
leicht ge¬
winnenkön¬
nen . .
Solcher
Kabinetts¬
stücke fei¬
ner, psycho¬
logisch ver¬
tiefter Sit¬
tenschilde¬
rungen fin¬
den wir in
dem Buche
die Menge.
Es ist in¬
teressant,
daß: hier die
große wirt¬
schaftliche
Selb¬
ständigkeit
und Unab¬
hängigkeit
der Frau
nicht, wie
man meinen
sollte, sie
dem Manne entfremdet, sondern sie ihm nur
noch tiefer und inniger verbindet. Bemerkenswert
ist, daß der Verfasser ähnliche Verhältnisse in Lud¬
wig Bambergers Erinnerungen geschildert findet.
Diese Sitten und Zustände scheinen also im Ghetto
überall geherrscht zu haben, nicht nur in dem un¬
garisch-deutschen, welches der Verfasser beschreibt,
sondern auch in dem süddeutsch-rheinischen. Fügen
wir noch hinzu, daßi die großen und wahrheitsge¬
treuen Schilderer des ostjüdischen Ghettos, wie P.
Smolenski, Scholem Aleichem, Elisa Orzesko und
Hamburg