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„Wiener Juden".
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Abramowitsch ganz ähnliche Bilder von jüdischen
Frauen und jüdischem Familienleben entwarfen, so
gewinnen wir den Eindruck von der Einheitlichkeit
und Gleichartigkeit der jüdischen Volkspsyche und
des jüdischen Lebenscharakters in den entferntesten
Gegenden — geschaffen durch die^fast überall gleich¬
artige Stellung zur Umwelt, vor allem aber durch
die Gleichartigkeit der traditionellen Lehre.
Der Verfasser, ein typischer und hervorragen¬
der Repräsentant des Wiener Judentums, stammt
aus Preßburg, wo er auch seine Knabenjahre ver¬
bracht hat. Preßburg, war, gleichwie Budapest,
bis vor etwa einem halben Jahrhundert gleichsam
eine Vorstadt von Wien. Und wer ein echter Wie¬
ner ist, der stammt immer aus Preßbur^ — oder
Umgebung. Die Bilder, die er vom Leben und
.Weben in seiner Heimatstadt entwirft, sind offen¬
bar, typisch für alle jüdischen Gemeinden in Ungarn
und Böhmen-Mähren, wie in dem ganzen Landstrich,
der auf der Grenzscheide zwischen Deutschland und
Osteuropa liegt. Die nivellierende und ernüchternde
„Aufklärung" scheint in diesen Gegenden das jü¬
dische Dasein schon in der ersten Hälfte des vorigen
Jahrhunderts durchdrungen und viel Wertvolles aus
dem religiösen Leben verdrängt zu haben. Es
scheint, daß man dort in weiten Kreisen frühzeitig
aufgehört Ihiatte, nicht nur eine tiefere Kenntnis des
gedanklichen Inhalts des Judentums dem heran¬
wachsenden Geschlecht zu übermitteln, sondern daß
das auch in bezug auf die Gemütsseite, auf die Poe¬
sie des Lebens, der Fall war. Es wäre sonst unbe¬
greiflich, wie der Verfasser, ein so warmer Vor¬
kämpfer seiner Glaubensgenossen, einmal schreiben
kann, daß die jüdische Religion für ihre Bekenner
keine Quelle der Fröhlichkeit, der heiter-gehobenen,
frohmütigen Stimmung bilde. Hat er im Vater¬
hause nie einen Freitagabend durchlebt, einen Se-
derabend, einen Purimtag, hat man in seiner Ge¬
meinde nie das Simchas-Thorafest gefeiert, den Lag-
beomer, oder irgendeine Simchah schel Mizwah,
z. B. das Mazzoth-Backen vor Pesach, das Ein¬
weihen einer neugeschriebenen Thorarolle, einen
„Sijjum auf Schaßt u. dgl., oder fröhliche Familien¬
feste, wie Hochzeiten, Bar-Mizwah-Feiern, Pidjon
Ha-ben ? Wie diese Veranstaltungen die Prosa des
arbeits- und mühevollen Alltagslebens verschönten
und verklärten, hat bisher noch kein Dichter adä¬
quat geschildert, und man vermißt derartige Be¬
schreibungen schmerzlich bei unserem Verfasser.
Dafür entschädigt er uns reichlich durch die
eingehenden Beschreibungen des Ueberganges der
Wien-Preßburger Juden vom Ghetto zum modernen
Leben. Besonders die Wirtschaftsgeschichte der
Epoche von 1848 bis auf die neueste Zeit wird reich¬
lich bedacht. Der überragende Anteil, den die Ju¬
den an dem ökonomischen Aufschwung Oesterreich-
Ungarns und seiner Ausgestaltung zum modernen
Staat genommen haben, tritt lebhaft, ohne Ue'ber-
schwang und Lobrednerei, hervor. Ein tieferes Ver¬
ständnis für die Ursachen und 'Entstehungsge¬
schichte des österreichischen Liberalismus und sei¬
nes Niederganges, sowie des Antisemitismus er¬
schließt sich dem Leser. Es braucht nicht betont
zu werden, daß der Verfasser nicht die geringste
Neigung verspürt, seine Glaubensgenossen zu be¬
schönigen oder auf seine Berufs- und Standesge¬
nossen keinen Fleck kommen zu lassen. Er ist über¬
all und nach allen Seiten hin objektiv und verteilt
Licht und Schatten vollkommen gerecht. Eine ganze
Gallerie von Bildnissen tritt uns entgegen, jedes in
seiner Art vollendet, mit wenigen Strichen kühn hin¬
gezeichnet. Gelehrte und Träumer, Streber, Poli¬
tiker, Kaufleute, die zu Fabrikbesitzern geworden
sind, Kleinkrämer und Geldwechsler, die durch In¬
telligenz und Tüchtigkeit es zu Großhändlern und
Bankdirektoren gebracht haben, Journalisten, Poe¬
ten und Handlanger der Literatur. Ganze Familien
steigen aus den Niederungen auf, andere gehen von
der Sonnenseite des Lebens hinab und versinken
ins Dunkel. Das Verhältnis des einzelnen Juden,
sowie der jüdischen Gemeinschaft zur nichtjüdi¬
schen Umwelt, wie es sich im Laufe eines Jahrhun¬
derts gewandelt hat, rollt sich vor unseren Augen
auf. Seit de» „Denkwürdigkeiten der Glückel von
Hameln" ist kein jüdisches Buch in deutscher Spra¬
che geschrieben worden, das eine solche Fülle des
Belehrenden über das innere Leben der Juden aus
unmittelbarer Anschauung wie das vorliegende böte.
Nur ist dieses von einer ganz unvergleichlich höhe¬
ren Warte abgefaßt, mit einem ungleich reicheren
und vielfältigeren Rüstzeug an Welt- und Men¬
schenkenntnis, an Einblicken in die geschichtlichen
Zusammenhänge und an Verständnis für das Werden
und Wachsen der Zeiten: Ein großer Schriftsteller
unserer Epoche sagte einmal, wenn die wenigen
vernünftigen Menschen des werktätigen Lebens sich
entschließen wollten, das, was sie erlebt und er¬
schaut, schlicht und einfach zu erzählen, ohne schrift¬
stellerische Absicht und ohne Stilisierung, so wä¬
ren ihre Werke die beste und schönste Belletristik,
interessanter und lohnender als alle Romane und
Novellen, die der überhitzten Phantasie der Poeten
am Schreibtisch entspringen. Ein solches Stück
lebenswahrer und ungekünstelter Belletristik bietet
uns das Buch von Sigmund Mayer.