Seite
314
Der Ursprung der Kreolischen Juden
315
betrieben nicht ohne Erfolg den Kakaobau, andere
suchten und fanden Stellungen im Heeres- und Ver¬
waltungsdienst des Staates. Der Rest legte sich not¬
gedrungen auf den Handel, obgleich die ehemaligen
Plantagenbesitzer gegen denselben eine lebhafte Ab¬
neigung hatten, ja ihn gradezu als degradierend be¬
trachteten. Als nämlich 1718 die ersten Sephardim
vom Lande naeh der Stadt kamen, fanden sie eine
ziemlich zahlreiche Judengemeinde vor, die deutschen
Ursprungs war, die sogenannten Aschkenazim. Im
holländischen Kolonialheere dienen nämlich von jeher
eine Anzahl Juden als Land- oder Seesoldaten, und die
in Surinam in Garnison liegenden blieben nach be¬
endigter Dienstzeit meist im Paramaribo, wo sie sich
dem Handel hingaben und ihn bald völlig beherrschten.
Es war ein anspruchloses, fleißiges Völkchen, das sich
aber im allgemeinen weder durch Bildung noch vor¬
nehme Manieren auszeichnete, wie ja Landsknechte aller
Völker selten Kulturträger gewesen sind. Die Spaniolen
hatten dagegen von der Pyrenäen-Halbinsel geistiges
Streben und vielseitige Interessen mitgebracht — grün¬
deten sie doch etwas später (1785) inmitten fieber¬
schwangerer Sümpfe und tropischer Hitze den ersten
jüdischen Literaturverein. Sie sahen daher auf ihre
deutschen Glaubensgenossen nicht ohne Hochmut herab,
mischten sich mit ihnen weder im religiösen noch
Familienleben und gaben den Aschkenazim den wenig
freundlichen Beinamen ,,Tudesques u , was ungefähr so
viel wie deutsche Bären" bedeuten mag. Letztere be¬
haupteten ihrerseits nicht ohne Grund, daß die Spaniolen
hochnäsige Junker seien — waren sie doch von Beruf
reiche oder auch verkrachte Zuckerbarone, Offiziere
oder hohe Kolonialbeamte — und bezeichneten sie
spöttisch als „spanische Granden". Diese Bezeichnung
war um so treffender, da die Sephardim bis zum Ende
des IS. Jahrhunderts sich des kastilianischen oder auch
portugiesischen Idioms bedienten, während die Asch¬
kenazim von jeher im Surinam holländisch sprachen.
So exklusiv die ,,spaniolischen Patrizier", wie man sie
auch nannte, einerseits waren, und so sehr sie sich be¬
mühten, die kastilianische Sprache durch die Jahr¬
hunderte durchzupflegen und reinzuhalten, so scheuten
sie sich jedoch andrerseits durchaus nicht, ihre Rasse mit
einer kulturell viel tiefer stehenden zu mischen, nämlich
mit den Negern. Es geschah dies nicht in ehelichen
Verbindungen, sondern in Konkubinaten, die auf den
Plantagen zwischen den Pflanzersöhnen und jungen
Sklavinnen gang und gäbe waren. Allerdings haben die
surinamischen Zuckerprinzen im Gegensatz zu ihren
Kollegen, den nordamerikanischen Baumwollbaronen, die
kleinen Mulatten, die ihnen ihr Dasein verdankten, meist
nicht in die Sklaverei versinken lassen. Di^se un¬
ehelichen Sprößlinge wurden häufig von den Vätern
als Kinder anerkannt und in dieser Eigenschaft in das
Register der jüdischen Gemeinde eingetragen, wodurch
sie freie niederländische Bürger mosaischer Konfession
wurden.
Gar zu schlecht scheint übrigens das Verhältnis
zwischen den Tudesques und den spanischen Granden
nicht gewesen zu sein, denn die letzteren schenkten
im Jahre 1734 den Aschkenazim, die offenbar zu arm
waren, sich ein eigenes Gotteshaus zu bauen, ihre
in der Kaizerstraße zu Paramaribo gelegene Synagoge
„Newe Sjalom" (Haus des Friedens) genannt. Sie
knüpften an diese Gabe allerdings die merkwürdige Be¬
dingung, daß die Tudesques sich für ewige Zeiten ver¬
pflichten mußten, in diesem Tempel dem spaniolischen
Ritus zu folgen. Die Aschkenazim waren verstandig
genug — was sehr für ihren gesunden Menschenverstand
spricht — diese kleinliche Bedingung zu akzeptieren,
und es wurde von den beiderseitigen Gemeindevor¬
ständen ein diesbezügliches Aktenstück unterzeichnet,
das noch heute im Staatsarchive zu Surinam aufbewahrt
wird. Die Spaniolen erbauten sich sogleich einen neuen
Tempel, der 1737 unter dem Namen ,,Tsedek Wesjalon u
(Haus der Gerechtigkeit und des Friedens) eingeweiht
wurde. Gewöhnlich wird dieses in der Heerenstraße
gelegene Gebäude aber „portugiesische Synagoge 14 ge¬
nannt, während die den Aschkenazim abgetretene als
„holländische" bezeichnet wird.
An der politischen und kulturellen Geschichte
Surinams finden wir aber im 17. und 18. Jahrhundert
ausschließlich sephardische Juden beteiligt, und ganz be¬
sonders ist es die Familie Nassy, die immer wieder in den
Vordergrund tritt. So fiel im Jahre 1743 David Nassy
im Kampfe gegen die Indianer, und dasselbe Schicksal
ereilte sieben Jahre später Isaac Nassy an der Spitze
von 200 Gefährten. I. C. Nassy schrieb 1683 eine Ge¬
schichte Surinams, ein Werk desselben Themas gab
acht Jahre darauf ein anderer Spaniole, M. P. de Leon
heraus. Dies waren die wichtigsten Ereignisse der
jüdischen Bevölkerung Surinams bis zum Ausgang des
18. Jahrhunderts.
Beide Synagogen wurden im Laufe der Zeit zu
wiederholten Malen erneuert, und bilden bis heute den
Mittelpunkt der beiden getrennt funktionierenden
Gemeinden. Unter den Familien der angesehensten
Aschkenazim-Geschlechter finden wir auch in Deutsch¬
land häufig vorkommende Namen wie I Ieilbronn, Pollak,
Teitelbaum, van Emden[usw., während die sephardischen
Notabein erklärlicherweise meist spanische oder portu¬
giesische Namen haben. Auffallend ist, daß viele an Pflanzen
erinnern, vielleicht ist dies auf die frühere Beschäf¬
tigung der Familien mit der Landwirtschaft zurückzuführen.
So finden wir z. B. Da Silva (vom Walde), Robles (Eichen)
und Costa de la Parra (das weinrebene Ufer). Auch ein
„ Arbanel* findet sich unter den spaniolischen Guayanern,
vielleicht ein Sprößling des im 15. Jahrhundert auf
der Pyrinäen-Halbinsel so berühmten Don Isac Abar-
banel (ein Name, der ungefähr mit ,,der Kleinbärtige* 4
zu übersetzen ist). Eine eigentümliche Mischung spa¬
nischer und deutscher Elemente zeigt die Bezeichnung
einer Aschkenazim-Familie, nämlich ,,Azynman u , denn
„azyma" ist der altspanische Name für „Mazzes". Auch