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Vom Kriegsschauplatz des Geistes
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treten versuchen, das drückt sich dann aus als ,,Furcht
vor dem Beherrscht werden durch die Minderheit",
und die Mehrheit gebärdet sich immer wilder, je mehr
die Minorität sich im Besitze großer geistiger Kräfte
und Werte weiß, die es zu verteidigen gilt. In diesem
Falle tritt auch der Neid ins Spiel. Es gibt nicht
nur einen Neid der Besitzlosen auf die Besitzenden,
sondern auch einen Neid der Besitzenden gegen die
Besitzlosen, die sich anschicken, sich aus der Er¬
niedrigung zu erheben. Das liebe Gleichgewicht wird
gestört, und der Besitzende meint, der Besitzlose, der
erwirbt, nehme ihm etwas von seinem Besitze weg
und maße sich widerrechtlich eine Stellung an, die
ihm nicht gebühre. Das war die Triebfeder des Neides
der alten Industrie- und Handelsstaaten gegen
Deutschland, und es ist das Wesen der Empfindungen,
welche die große Masse der Gebildeten und Halb¬
gebildeten der ,,besseren Stände' 4 den Juden gegen¬
über erfüllen, seit es eine Gleichberechtigung gibt.
Der Jude lebt in der Erinnerung, in der Sage, im
Sprichwort und im Volksliede, auch in tausend Er¬
zeugnissen der Kunstdichtung als erniedrigtes, ge¬
demütigtes Wesen fort, das man ungestraft treten
und zerren durfte, und nun erhob sich allmählich die
Gestalt des Juden, reckte sich gerade und forderte,
durfte fordern gleiche Behandlung mit den Nicht-
juden; das war unverzeihlich. Man kann das am
besten in Ländern beobachten, wo die feudale Struktur
der Bevölkerung noch nicht lange zerfallen ist und
die ihr entsprechenden Gefühlsdispositionen noch
sehr lebendig sind. Da sind die Juden alle ,,Roture",
„canaille", und wenn einer von ihnen sich durch
soziale, intellektuelle, sogar wenn er sich durch
ethische Verdienste hervortut, wird das als Anmaß-
lichkeit und Vordringlichkeit empfunden, auch wenn
man daraus den größten Nutzen zieht und es darum
verzeiht; der gefühlsmäßige Unterton des Neides und
der Mißgunst bleibt bestehen. Dazukam noch folgen¬
des. Obwohl ,,das Judentum als Ganzes in seiner
Geschichte niemals eine Stellung unter den Völkern
öder eine Macht erreicht hat, die andere mit Begierde
und Neid erfüllt hätte", so gibt es doch, wie der
Verfasser sich geistvoll ausdrückt, ,,einen viel tieferen
Neid als auf das Erreichte, nämlich auf das Erreich¬
bare. Die Welt verzeiht die errungenen Erfolge viel
leichter, als die noch zu erwartenden. Die großen
Kräfte des Judentums, sowohl seine objektiv religi¬
ösen wie die praktischen der Judenheit, treten nur
zu deutlich hervor .... Was dem Priester das
Studium der Religionsschriften sagte, erkannte das
Volk aus den Beispielen des Alltagslebens: daß dem
Juden eine Kraft innewohne, die aller Verfolgungen
spottete, weil ein unerschütterlicher Glaube an die
Zukunft ihn trug. Der Glaube an die Zukunft war
ihr bester Teil, den verzieh man nicht!" Nun ist
dem Volke sowie den Priestern zwar stets klar ge¬
wesen, daß sie der Vergangenheit der Juden unendlich
viel zu verdanken haben. Allein ,,aus diesen Ver¬
gangenheitserwägungen entspringt ein Quell des
Fremdenhasses. Denn das Gefühl, andern viel zu
schulden ... ist nur in ganz großen Seelen geeignet,
wirklich edle Triebe und Empfindungen hervorzu¬
rufen ___Weniger edle Geister fühlen in dem Bestehen
eines Wohltäters einen stillen, unbequemen Mahner
und die Erscheinungist wohl bekannt, daß Dankbarkeit
für unerwartete und in ihrer Größe hervorragende Wohl¬
taten nur zu oft in Haß umschlägt. Was beim Indi¬
viduum häufig vorkommt, wird bei der zusammen¬
gefaßten Menge die selbstverständliche Regel. Die
Psyche der großen Masse entbehrt jeder Vornehmheit.
Sie läßt sich nicht gern daran erinnern, daß sie anderen
Wohltaten verdankt. Sie rechnet es dem Wohltäter
schon als eine gewisse Ueberhebung an, wenn er es wagt,
aus der Fülle seiner Gaben anderen mitzuteilen..
Darum hat das Bewußtsein, dem Judentum die be¬
deutendsten Ideen zu verdanken, keineswegs zu einer
ehrfurchtsvollen Haltung geführt; man hat nie das
Einigende zwischen Judentum und Christentum be¬
tont und über seinen Umfang das Trennende ver¬
gessen ... meist deswegen, weil eine Hervorhebung
des Gemeinsamen zugleich eine Betonung seines
jüdischen Ursprunges bedeutet hätte. " Zu allen
diesen Quellen des Fremdenhasses gegen die Juden
kamen noch hinzu Mißtrauen und Unwissenheit.
,,Durch die Massen g3ht ein gleichmacherischer
Zug. Sie lieben nicht die Abweichung von der Regel,
das Anderssein erscheint unwillkürlich als Streben
nach Bessersein, und das Bessersein wollen ist
Überhebung'\ Dem Ungewohnten, Andersgearteten
steht man verständnislos gegenüber und sucht dafür
allerlei seltsame Erklärungen. Die jüdische religiöse
Sitte und Brauch, die hebräische Gebetssprache, die
Festtagsfeier, die eigentümliche Gebetstracht und
vieles andere mehr stehen in ihrer Fremdartigkeit vor
den Blicken der Umwelt, und jeder Brauch wird zu
einem Geheimnis. Eine der häufigsten antisemitischen
Anklagen ist die, daß die Juden in aller Welt einen
großen Geheimbund bilden mit irgendwelchen mysti¬
schen Bestrebungen, dessen Endziel natürlich nichts
anderes sein kann, als die Unterjochung der ganzen
nichtjüdischen Welt. Wozu sollte er sonst dienen,
und wozu sollten ihn die Juden sonst geheimhalten?
Dieses eingebildete, imaginäre Geheimnis erweckt das
Mißtrauen, auf das Mißtrauen ist es zurückzuführen,
daß sogar völlig indifferente und atheistisch gesinnte
Christen, ja oft ausgesprochene Gegner der Religion
zur Lösung der Judenfrage den Übertritt zum
Christentum verlangen, sie wollen damit die Ab¬
streifung alles Fremdartigen bewirken ... Eine
weitere Folge der Stellung als Minderheit ist, daß dem
einzelnen eine eigenartige Rolle im Verhältnis zu der
von ihm repräsentierten Gemeinschaft zugedacht
wird. ,,Das Glied einer Minderheit wird eben, sobald
es äußerlich erkannt wird, nur in dieser Eigenschaft
empfunden, selbst wenn es sich um Dinge handelt,
die mit dem Wesen der Minorität in gar keinem Zu¬
sammenhang stehen. Mag es sich um den Aufsichtsrat
einer Eisenbahngesellschaft oder um den Vergnügungs¬
ausschuß eines Kegelklubs handeln, stets wird der
Jude, der sich dort befindet, nicht allein als Kauf¬
mann oder Techniker oder Kegler bewertet, sondern
als Jude. 4 ' Jedes Minderheitsmitglied gilt als Re¬
präsentant seiner Gemeinschaft und vermag nach den
Anschauungen der Welt nur typisch zu handeln,
ein individuelles Betätigungsvermögen wird ihm nicht
zugebilligt. Diese Verallgemeinerungssucht, die in der
Struktur des Massendenkvermögens liegt, wird jedoch
meist nur auf das bezogen, was man als feindselig,
gehässig empfindet, das Wertvolle und Positive über¬
läßt man nicht gern der Minorität, da dadurch der
Eigenliebe Abbruch geschehen würde. Wenn etwas
Gutes ausschließlich Eigentum der Minorität wäre,
dann hätten „wir", die Majorität, ja keinen Anspruch
darauf. Graf Reventlow geilt sich förmlich ab an der
W r onne, Sinowjew, den Repräsentanten der ver¬
haßten Bolschewisten, Apfelbaum zu benennen,
wodurch dieser als unzweideutiger Jude gekenn¬
zeichnet und der Bolschewismus als spezifisch jüdi¬
sches Produkt gebrandmarkt werden soll. Nun heißt
Martow, Sinojews Gegner. Zederbaum, ist der