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Herausgegeben unter Mitwirkung von
Prof. Dr. Hermann Cohen (Marburg), Prof. Dr. Ludwig Geiger, Prof. Dr. D. Joseph, Prof.
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(Wien), Prof. Dr. Otto Warburg, Dr. S. Bernfeld, M. Buber, Dr. Heinrieh Meyer Cohn, Dr. Moses
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(Wien) u. a.
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Alle Rechte vorbehalten.
Heft 6
Juni
1901
Einladung' zum AJbonnement.
Mit vorliegendem Hefte schliesst das erste Halbjahr unserer Monatsschrift.
Diejenigen unserer geehrten Leser, deren Abonnement mit dem Juni-Hefte abläuft,
bitten wir, dasselbe sofort erneuern zu wollen, damit in der Weiterlieferung keine Ver¬
zögerung eintritt.
Alle Freunde unseres Unternehmens seien gleichzeitig gebeten, uns ihre Sympathien
auch ferner zu erhalten und uns behilflich zu sein unsere Zeitschrift immer weiteren Kreisen
zugänglich zu machen. Redaktion und Verlag von „Ost und West".
SOZIALE KUNST IM GHETTO.
Von Dr. med. Theodor Zlocisti.
Als vor etwa acht Jahren der Ada Negri leiden¬
schaftliches und leidemeiches Gedichtbuch Fatalitä er¬
schien, war es wie eine Offenbarung. Eine neue
Kunst sprach zu uns in neuen Worten. Es war kein
Neuland, das sich uns erschloss. Nur ungeahnt
schaurige Winkel thaten sich uns auf, da uns die
düstre Italienerin unbekannte, schwierige Wege führte.
Es war nicht Zola's sorgsam fügende Art, die treu bis
zur Brutalität und kalt soziales Elend zeigte. Ein
trotziges Weib, vom Kampfe erhitzt und verbittert,
weinte ihren Schmerz, raste ihren Hass in lodernden
Versen aus. Es waren Arbeiterlieder. In den dunklen
Schacht leuchtete sie hinein, wo harte Frohnde das Erz
aus dem Felsen schlägt; in das Tausende zermürbende
Triebwerk der Fabriken. Und der Jammer jener,
die hinsiechen im Giftdunst der Reisfelder, schrie aus
ihren Versen. Es klang wie der" gellende Hall des
Weltgerichts, wenn sie die grausige Tragödie des
Ausstandes, wenn sie den Jammer jener Heimlosen in
den öffentlichen Asylen sang, welche neuem Hunger¬
tage entgegenbeben. Die Rache reckt sich empor.
Zerschlagen muss man die alten Säulen, damit auf
neuem Grunde die neue Menschheit — die Mensch¬
heit der Gerechtigkeit — erstehe.
Ada Negri ist sicher nicht die erste, die soziale
Nöte künstlerisch verwertete. Karl Beck und Hartmann
sind ihr voraufgegangen. Und auch unter den neueren
Poeten finden wir bedeutsame Ansätze einer sozialen
Lyrik. Was aber den Siegeslauf der Italienerin sicherte, das
war jenes bei jedem Leser aufspriessende Gefühl, dass
ihr das Elend nicht totes Studienobjekt ist, das sie mit
dem Auge des Künstlers belauscht und gestaltet. Man