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Dr. Siegmund Werner: Die jüdischen Studentenverbindungen in Oesterreich.
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1895 als Lese- und Unterstützungsverein jüdischer
Veterinärmediziner gegründet und erst vor wenigen
Semestern eine allgemeine akademische Verbindung.
Die „Libanonia" ist die einzige jüdische Verbindung
in "Wien, die ausser dem Couleurbande auch Kappe
trägt. Wegen dieses Kappentragens hat die „Liba¬
nonia" eine gewisse Spannung zwischen sich und den
anderen Verbindungen hervorgerufen, welche gegen
das Tragen von Kappen sind.
Wegen der Libanonen-
kappen kam es sogar zu
einer ernsten Schlägerei an
der Universität, da die
antisemitischen Verbindun¬
gen den Juden das Kappen¬
tragen nicht gestatten
wollten. Die anderen jüdi¬
schen Verbindungen standen,
trotzdem sie offiziell mit der
„Libanonia" nicht ver¬
kehren, damals den Liba-
nonen wacker bei und schütz¬
ten sie, so gut sie konnten,
gegen. die vielfache Ueber-
zahl ihrer Bedränger. Die
zweite Verbindung auf be¬
ruflicher Grundlage ist die
„Maccabaea". Sie be¬
steht aus Technikern. Sie
wurde im März 1898 ge¬
gründet und ist, wie auch
die „Libanonia", unbedingt
konservativ. Die „Macca-
baea" hat ihre Agitation
namentlich auf die Tech¬
niker beschränkt und be¬
reits hübsche Erfolge auf¬
zuweisen.
Keine Verbindung, aber ein grosser Verein
jüdischer Studenten, ist die „Rede- und Lesehalle
jüdischer Hochschüler*', welche den neutralen
Boden abgiebt, wo sich jüdische Studenten der ver¬
schiedensten Parteien treffen und aussprechen sollen.
Die grosse „Vereinigung der zionistischen Finken¬
schaft an der Wiener Universität", die vor einigen
Semestern suspendiert wurde, soll in nächster Zeit
wieder erstehen.
Dr. Nathan Birnbaum (Mathias Acher),
der langjährige geistige Leiter der „Kadimah".
Auch ausserhalb Wiens giebt es eine grosse An¬
zahl jüdischer Studentenverbindungen. Abgesehen von
dem vollen Dutzend Ferialverbindungen, von denen die
Hälfte in den mährischen Städten die Agitation betreibt,
ist die „Veritas" in Brünn (eine der eifrigsten und
durch einzelne ihrer Mitglieder hervorragendsten), die
„Hasmonaea" und „Zephira" in Czernowitz, die
„Bar Kochba" in Prag, die „Charitas" in Graz
aufzuzählen, ohne dass da¬
mit gesagt sein soll, dass
nicht die eine oder
andere Verbindung uner¬
wähnt blieb.
Ein ziemlich bedeuten¬
der Teil der jüdischen
Studentenschaft steht im
zionistischen Lager. Nicht
die ganze. Wenn es aber
die jüdische Studenten¬
schaft nicht an dem nötigen
Ernst fehlen lassen wird,
wenn die Bedrängnis des
jüdischen Volkes weiter so
fortschreitet —■ und wo
zeigt sich die Aussicht
einer Besserung für unseren
Stamm, nicht für ein¬
zelne —, dann ist es
zweifellos, dass in der Ge¬
schichte unserer Renais¬
sance ein besonderes Ehren¬
blatt der jüdischen Studen¬
tenschaft eingeräumt sein
wird. Dann wird mehr
noch als die deutsche
Burschenschaft die jüdische
Studentenschaft mit Stolz
ihren Anteil an der
geistigen und leiblichen Befreiung ihres Stammes
reklamieren dürfen, dann wird all das Kleinliche, Nach¬
geahmte, das ihr jetzt noch anhaften mag, im grossen
Läuterungsprozesse der immer fortschreitenden Ent¬
wicklung und Vertiefung des jüdischen Volksgedankens
spurlos verschwinden, und die jüdische Studentenschaft
werden, was sie sein soll: die Blüte und Hoffnung
ihres Volkes.