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weiter, daü jeder Einzelne in diesem üeiste. trotz allem Un-
j'liick des Lehens, seine innere Festigkeit findet und sein
Leben nach diesem Geiste gestaltet: wodurch danu auch die
Wirklichkeit unseres I jüdischen und allgemeinen Gemein*.
scliait^Iehens ihre religiöse Urätfuriic. ihre kichtum; aui das
Göttliche erhält. Immer wieder erhebt sich die* Forderung
nach Lebensnahe der Igelutioii. nach Religionsnalie des Lebens.
Liberales Judentum — |das ist. wie iJr. .Sclteniunn es genannt
hat. die i ii d i s c h e R y f o r m b e w e g u n g. die die aus der
'liefe der - jüdischen Geschichte überlieferten Formen immer
wieder erneuert und umgestaltet. um den Urnen zugrunde lie¬
genden -jüdisch-prophetischen- Geist immer wieder zur leben¬
digen * Darstellung tindj zur Anwendung auf das Leben zu
bringen! ' • ■ j
lüne solche Bewegung ist unabhängig von jeder noch -so
großen politischen und kulturellen Umwälzung. Rabbiner
Pr. Norden bat/darat^ jiingewiesen, daß die jüdische Ketorin-
hewegung so alt ist wie das Judentum selber und der reli¬
giöse Liberalismus soj alt wie die Religionen. Jüdische
Reiormbewegung und religiöser Liberalismus werden deshalb
auch so alt werden 4Wc das Judentum und die ^Religionen.
Machen'wir jetzt eine i Zeit der Unruhe durch ‘Üjind werden
über.‘kurz oder lang die Verhältnisse sich wieder iestigen:
wir-deutschen Juden haben in der Kriegszeit mit Ihrer furcht¬
baren. Not. in‘der inilatjonszeit'mit ihrer entsetzlichen Sorge
unsere geistigen Güter und unsercre kulturellen Organisationen
,nie auch eine Stunde nur vernachlässigt; wir werden den
(jeist der jüdischen Prophetie, des religiösen Liberalismus,
der iiidisclicn Reform uuu Frueuerung auch in diesen unruh-
vollen Tagen vorautrageli; denn wir wissen: keine Zeit, sie
sßi und sie heiße, wie sie, wolle, kann diesen Geist entbehren,
weil es der Geist der Ewigkeit, der Göttlichkeit und — der
wahren Menschlichkeit ist.
Blick in
die Zukunft.
Von Ocoree Goetz.'
I.
E rreiiun-z in weitesten jüdischen Kreisen: über Ereignisse,
die aus der Tagcsprjesse bekannt, die aber in diesem
Blafte einzeln aufzuzälilen unnötig und ebenso unmöglich
ist, wie es ferner unmöglich erscheint, die Tragweite des
jetzigen Geschehens- bereits abzumessen. Was ist Zuiall,
was ist vorübergehende Erscheinung einer aufgeregten Zeit
— und was dagegen eine hjeibende Maßnahme, Zeichen grund¬
sätzlicher. dauernder Wandlung? Wir’ wissen es nicht, nie¬
mand kann es wissen: denn es fehlen die für jedes Urteil
notwendigen Voraussetzungen: Kontrolle und 'Distanz.
' Ii. '
Nicht scharf genug kanji es verurteilt werden, wenn von
aufgeregten und verängstigten Gemütern Gerüchte geglaubt
und weitergegeben werden, "die nicht den Tatsachen entsprechen.
Dazu die von Unverantwortlichen. Sensationslüsternen und Ge¬
schäftemachern im Auslande, besonders in Amerika, verbrei¬
teten Greuellügen über Deutschland, mit denen die deutschen
Juden nichts zii schaffen haben und denen sie durch die Er¬
klärungen ihrer maßgebenden Körperschaften — für das In-
und Ausland deutlich hörbir — widersprochen haben. Un¬
zweifelhaft steht, fest: diejneue Regierung hat. wo Ueber-
griffe vorkamen, diese nicht gedeckt: des Reichskanzlers
Aufruf zur Disziplin hat Erfolg gehabt.
' . - . i II! -
Jedoch: es handelt sicli -für uns nicht so sehr um einzelne
Mißgriffe, sondern weit mehr um diejenigen MaßnMmien, die
auf die grundsätzlichen Anschauungen der Regierung zurück¬
zuführen sind und die auch Jda. »vo sie sigh,auf.daMCiil)«u'eUe
■erstrecken, in das Gebiet^der 5 Wirtschaft hfnüberfeifen. weil
sie, ..sollten sie für die Dauer getroffen sein. den. großen
Teil der deutschen Juden | um ihre Existenziwtlichkeit zu
bringen drohen.' Wir verstehen, aber mr teilen
nicht den Pessimismus, der in dieser Beziehung vielfach
Platz gegriffen hat/
IV.
<-
- Ja. wir verstellen ihn.
Partei und ihre Blätter, aus
die Regierung liervorgegangen ist. uns seit ihrem Bestellen
als Volksfremde bezeichne! bat. Da liegt c,s nahe, daß Ranik und
Ist es doch so. diß diejenige
deren Mitte jetzt zur TIauptsaclie
Trostlosigkeit um sich greifen,
der wirklichen Bedeutung und
Es fällt schwer, sich ein Bild von
Tragweite derjenigen Maßnahmen
festgesielit sei: keineswegs
zu machen, von denen zurzei jüdische (aber, wie ausdrücklich¬
nur jüdische und keineswegs
alle jüdischen) Anwälte. Aerzte. Beamte. Künstler betroffen
worden sind, und die sicli z. T. auch in das Gebiet von
Handel und Wirtschaft iortzusetzen scheinen. Der neuge-
gründeten „Reichsvcrtretung Ider deutschen Juden“ erwächst
hier die Aufgabe,-festzustelleii. wo etwa durch solche Ma߬
Appell der deutschen Juden.
Die Reichsvertretung der deutschen Juden und der Vor¬
stand der Jüdischen Gemeinde zu Berlin haben soeben
das folgende Schreiben an den Reichspräsidenten, den
Reichskanzler, die Reicbsminister und an den Polizeipräsiden¬
ten von Berlin gerichtet:
..Die deutschen Juden -sind tief erschüttert von demBoykott-
auirui der Nationalsozialistischen deutschen Arbeiterpartei.
Wegen der Verfehlung einiger Weniger, für. die wir nie
und nimmer Verantwortung tragen, soll uns deutschen Juden,
die sich mit allen fasern ihres Herzens der deutschen Heimat
verbunden fühlen, wirtschaftlicher Untergang bereitet werden.
In allen vaterländischen Kriegen haben deutsche Juden in
dieser Verbundenheit Blutopier gebracht, lin großen Kriege
haben von iüniiiunderttausend deutschen Juden zwölftausend
ihr Leben liingegehen. Aui den Gebieten friedlicher Arbeit
haben wir mit allen unseren-Kräften unsere .Pflicht getan.
Den Greuel- und Boykottfeldzug im Ausland haben die
jüdischen Organisationen Deutschlands mit äußerster An¬
strengung und erfolgreich bekämpft. Sie haben hierfür
alles getan, was in ihrer Krait stand, und werden es
weiter tun.
Trotzdem sollen jetzt die deutschen. Juden, als die angeblicli
Schuldigen, zugrunde gerichtet werden. Wir rufen 1 dem deut¬
schen Volke, dem Gerechtigkeit steLs höchste Tugend 1- war. zu:
Der Vorwurf, unser Volk geschädigt zu haben, berührt auis
tiefste unsere Ehre. Um der Wahrheit willen und um unserer
Ehre willen erheben wir feierlich Verwahrung gegen diese
Anklage. Wir vertrauen aut den Herrn Reichspräsidenten
und aui die Reichsregierung, daß sie uns Recht und Lebens¬
möglichkeit in unserem deutschen Vaterlande nicht nehmen
lassen werden.
Wir wiederholen in dieser Stunde das Bekenntnis unserer
Zugehörigkeit zum deutschen Volke, an dessen Erneuerung
und Aufstieg mitzuarbeiten unsere heiligste Pflicht, unser
Recht und unser sehnlichster Wunsch ist.“
■ *
Eine Erklärung der deutschen Rubbiner.
Der Allgemeine deutsche Rabbinerverband richtet folgende
Erklärung an die deutschen Juden:
Es widerstrebt uns. gegenüber Angriffen die Versicherung
dessen abzugeben, was unser Judentum ist. Der wahre
Geist unserer Religion spricht zu jedem, der hören will.
Unsere Geschichte zeugt von dem. was wahrhaft in
uns. lebt.
Wir wissen um das, was unser deutsches Vaterland uns
ist. Seit altem lehrt uns unsere Religion, in Treue dem
Staate zu dienen.
Unseren Glaubensbrüdern rufen wir zu:
Haltet die Treue und die Zuversicht fest!
Be wahrt den Stolz und die aufrechte Krait!
Bleibt der Väter wert!
Der Allgemeine Rabbiner-Verband in Deutschland.
nahmen grundsätzlicher Art das objektive Recht den deut-'
schon Juden gegenüber beeinträchtigt sei, und iin Zusammen¬
hang mit der Regierung sich um Abhilfe zu bemühen. Denn
auch die Regierung- wird nicht wollen, daß chaotische Zu¬
stände einreißen, und wird zweifellos jeden Weg gutheißen
und selber besehreiten, der die drohenden Schädigungen
beseitigt.
V.
Die neue Regierung wendet sich bewußt vom politischen
Liberalismus und von der Demokratie ab. also von den Prin¬
zipien derjenigen Parteien, deifen wir Juden in erster Linie
unsere Freiheit und Gleichberechtigung inmitten unserer
deutschen Volksgenossen anderer Konfessionen zu danken
■hatmn. Wir sagen: in erster Linie: denn auch konservative
Persönlichkeiten und Volksschichten sind zu allen Zeiten für
die Judenemanzipation nachhaltig wirksam gewesen, und die
Anfänge der Emanzipation fallen in eine Zeit, da Preußen
und Deutschland durchweg streng'konservative Staatsführung
hatten und von liberalen Parteien noch keine Rede war.
Audi heute treten viele Konservative mit größtem Nachdruck
Oberstlandesgerichtsrat Dr. Alfred Neumeyer,
München,
Präsident des Verbandes Bayerischer Israelitischer
Gemeinden.
iür die Emanzipation ein. Deshalb sind wir der Meinung,
daß auch in einem nicht nach demokratisch-parlamentarischen
Grundsätzen regierten Deutschland, daß in einem Deutsch¬
land jeglichen Regierungssystems wir jüdischen Deut¬
schen Anspruch aut völlige Gleichberechtigung haben und
daß dieser Anspruch sich durchsetzen wird.
' ' VI.
Die Geschichte der Emanzipation kann — wie in der Ver¬
gangenheit, so auch in Gegenwart-und Zukunft — nicht frei
von Rückschlägen sein: es gibt im geschichtlichen Werden
keine einzige Entwicklung, die von Rückschlägen frei und
gradlinig verliefe, und ganz gewiß haben Die es schwer, die
von diesen unausbleiblichen Rückschlägen getroffen werden.
Dennoch wird die Emanzipation weitergehen und Wird,—
trotz und vermittels der Rückschläge — sich vollenden,
denn das. was einmal angelegt ist in der. Geschichte und in
den Menschen, kann niemals ganz rückgängig gemacht werden
und untergehen. Und nun gar in dieser bedeutenden Sache
unserer Emanzipation, in der das Ideal der Gerechtigkeit und
die in den Realitäten selber liegende Vernunft auf das
gleiche Ziel hinführen --: es ist heiligste Gewißheit, daß
dieses Ziel Wirklichkeit werden wird.
VII.
Diejenigen unter uns, die das nicht verstehen und den
Rückschlag für dauernd nehmen — sie sind es. die heute in
Erregung und Klage iailen. Und zwar ist, nach allgemeiner
Beobachtung, mit wenigen Ausnahmen Erregung und Klage
gerade dort am heftigsten, wo die Bindung an das Judentum
am geringsten —: sie leiden und wissen nicht, woiür!
Denn mit der Kenntnis vom Judentum fehlt ihnen die
innere 1 Stärke' für- ihr - Leiden um-' des’ 'Judentums
willen. Ohne nun dieses Leiden im geringsten ver¬
kleinern oder gar das selbstverständliche Mitgefühl versagen
zu wollen, können wir doch feststellen, daß jetzt eine vertiefte
Beschäftigung mit dem Judentum platzgreiien wird. Wie es
im Talmud heißt: ..Achtet auf die Kinder der Armen, denn
von ihnen geht die Lehre aus“, so bringen gerade Zeiten
wie die unsere innere Kräfte zur Entwicklung, durch die uns
ein Reichtum geschahen wird,.der manche verlorene Position'
aufwiegt. Das Judentum ist überreich an Werten, die in
Zeiten der Wolillebigkeit in Vergessenheit geraten — das
mußte gerade von denen, die um den Fortbestand eben
dieser Werte besorgt sind, in den letzten Jahren schmerzlich
erkannt werden. Werden diese Werte nun aber wiedererweckt,
so . wird der Einzelne aus ihnen eine starke Sicherheit
schöpfen, die Gemeinschaft aber wird Kräfte aus sich heraus
gewinnen, die ihr — und in ihr den Einzelnen — Festigkeit
und neuen Aufstieg verleihen.
VIII.
Dieser Aufstieg der deutschen Judenheit —: er kann so
wenig ausbleiben wie der Aufstieg Deutschlands, an den mit
•Die. ThueUe dec „Jüdisch? liberalen Zeitung."
Harmonium im Winde.
' Von F r i e 1 a M e h I e r.
TVTiclit nur in der Kleinstidt gibt es Killeberger, nicht
•*- ’ nur in der Kleinstad: geschehen Dinge, die ab¬
seits von Krieg und Inflation die Gemüter aufrüliren
-und entbrennen lassen in "tjciligem Zorn, die eine Welt-
unistellung _ überdauern und den . ewig unsterblichen
Philister zu neuer Blüte erstellen lassen.
Es'gibt in einer großer Stadt eine kleine Kehilloli,
die als Privatunternehmen an der Peripherie erblühte
und die großgemeindliche Genehmigung in Form einer
Subvention erhielt und sicli schlecht und recht durch¬
schlug mit einem gemäßigt^konservativen Gottesdienst.
Einer der Parnoßim. ein eintlußreicher und kluger Manu,
der nicht eben häufig zum I Gottesdienst ging, weil ihm
der Ritus wohl nicht sehr jzusagte. erreichte von dem
damals sehr liberalen Gemeindevorstand die Stiftung
eines Harmoniums. Der Verstand der Kille war eigent¬
lich zum größten Teil gegen das Harmonium, aber
wenn es als Geschenk Von Ider großen .Gemeinde kam,
konnte inan es nicht gut abweiscii/ es konnte ja dastehen,
ohne daß es am Sthabbos oder! au den Hollen Feier¬
tagen gespielt wurde. Wenn Gott -behüte mal eine
Trauung im- Tempel stattfiiiden sollte, bis jetzt war
.das..noch nicht vnrgekommeh. dann konnte man es
spielen. . Damit waren uuii (aber die Stifter nicht ein¬
verstanden. denn man schenkt ein Harmonium nicht
zum Ansehen. Fs war zudem ein nettes kleines In¬
strument und das boshafte Plagiat auf ein bekanntes
Sprichwort: „Einer geschenkten- Orgel sieht man nicht
in die üorgel“ wirklich-ohne Berechtigung. Also — cs
mußte gespielt werden, und cs sollte auch ein. natür¬
lich: gemischter, Chor eingerichtet werden. Das entr
fesselte den Krieg. Einzelne orthodoxe Mitglieder
traten aus. In den Familien stand Vater gegen Sohn,
Frau gegen Mann. Einer der Mitbegründer der Kille,
der mit seiner schönen Stimme sehr oft den Chasan
überflüssig machte, stand in grimmiger Fehde mit der
Frau Gemahlin. Sie betrat mit keinem Fuß mehr die
Synagoge; ja einem Gerücht zufolge drohte sie, wie
die katholische Isabella vor dem Falle Granadas, das
Hemd nicht eher zu wechseln, bis das verhaßte Harmo¬
nium wieder entfernt und der Gottesdienst von allen
bösen liberalen Geistern gereinigt war. Umsonst —r
das Instrument blieb, der gemischte Chor kam., und es
wurde eine Kommission eingesetzt, die über Aende-
rungen und Reformen beraten sollte. Und da man
u. a. ein paar Piutim weglassen wollte, taufte sie ein
Spötter die Jekumpurkon-Kommission.
Der Krieg kam und ging vorüber, und allmählich
wechselte die Windrichtung in den oberen Sphären
der Großgemeinde, drehte sich langsam nach. rechts.
Orthodoxe und Zionisten begannen die Gemeinde
stärker zu beeinflussen, und was oben geschah, färbte
natürlich nach unten ab. Der zweite Parneß, der aber
eigentlicli die Kille autoritär beherrschte, drehte sich,
er begann langsam gegen das Harmonium zu bohren.
Die' Liberalen hatten zwar die Majorität in der Kille,
aber die Orthodoxen oder Harmoniumsgegner;. denn
darauf beschränkte sich die Orthodoxie der meisten,
stellten die Majorität im Gottesdienst. Und man muß
sich, sagte der Vizeparneß. der zehn Jahre lang-liberal
gewesen war. nach der Majorität der Synagogen¬
besucher richten, sonst hätte man bald kein Minjan
mehr. Und alle die Leute, die zehn Jahre hindurch das
Harmonium ohne Störung ihrer Andacht schön gefunden
hatten, fielen, in den Chor ein: „Fort mit dem Har¬
monium.“
Eine außerordentliche Generalversammlung wurde
einberufen, die Gegner rüsteten zum Kampf. Heimliche
Boten gingen von Haus zu Haus, hetzten und tuschel¬
ten. Aber auch die Liberalen machten mobil, holten
ihre letzten Reserven heran, und am Abend der General¬
versammlung wurden die Harmoniumsgegner, mit er¬
drückender Mehrheit geschlagen. ' „Gut“, sägte der
Vizeparneß, „das Harmonium bleibt, aber es wird nicht
mehr gespielt.“ Und plötzlich war das Harmonium ent¬
zwei, und es fand sich offenbar niemand,.es wieder
herzustellen. Kam der bestellte Handwerker, war
gerade der Schlüssel zur Synagoge nicht da, nicht
aufzufinden. Bis der Harmoniumspieler, ein jünger
Student, an einem Schabbosnachmittag einen Fach¬
mann in die offene Synagoge hineinschmuggelte, der
das Instrument reparierte. Helle Wut im Vorstand!
Am heiligen Schabbos war repariert worden!
Schabbosschändung! „Ja“,, sagte der Harmoniumspie¬
ler, „an Wochentagen war ja die Synagoge nicht
offen, und überdies, wer von den Herren hat denn sein
Geschäft am Schabbos geschlossen? Sollte das nicht
auch-?“
Nun begann eine erfreuliche Zeit. Spielte am
Freitagabend das Harmonium, zogen die Orthodoxen
aus, spielte es nicht, verließen die Liberalen das
Lokal. Die Jekumpurkon-Kommission wurde wieder
einberufen. Sie schlug vor, es sollte ‘am Freitagabend
gespielt werden, am Schabbos nicht. Das lehnten die
Orthodoxen als' Kompromißlerei ab. Zweiter Vor¬
schlag: Es solle nur zum Eingang des Sabbath bis
Borechu gespielt werden. - Das lehnten die Libe¬
ralen ab.
Am Schewuoth kam es zu einer' Kraftprobe. Die
Orthodoxen beschlossen, da das Harmonium spielen
sollte, die Veranstaltung eines Frühgottesdienstes, da¬
mit dann zum Ha'uptgottedienst die Liberalen nicht
Minjan hätten. Sie zogen früh um sieben Uhr zur
Synagoge, aber der erste Vorsitzende, der gerade mit
dem Vizeparneß in Fehde lebte, hatte den Frühgottes¬
dienst abgelehnt und den Synagogenschlüssel an sicli
genommen. Wutentbrannt zog die Orthodoxie ab, und
zürn Hauptgottesdienst kamen soviel Liberale, daß sie
zweimal Minjan hatten. In jeder Familie tobte der