Seite
Wo ist die größere Not?
£tCeQnte&e eines jüdischen £migianien.
Von W. Strauß (Paris)
Auf dem Komitee.
H underte von Menschen auf dem Hof gedrängt. Hunderte
oben im Gebäude, im Wartesaal, auf dem Arbeitsvermitt¬
lungsamt, an der Kasse. Hunderte jüdischer Menschen
aus Deutschland hier auf dem Komitee, erwartungsvoll gespannt,
gedrückt, gleichgültig, nervös, lachend . . . Stunden-, ja fast
einen Tag lang treiben sie sich liier umher, che sie abgefertigt
sind. Sie müssen warten ... Sie warten seit 6. Uhr morgens,
ja sogar teilweise seit 19,30 des vergangenen Tages. Sie
warten hier auf die die Entscheidung über ihr Schicksal, über
ihre Zukunft, die wie ein dunkler, ungelüfteter Schleier vor
ihnen liegt ...
Da sitzt ein junger Mann. Eine große, schlanke Gestalt.
Vielleicht Ende der Zwanzig. Künstlermähne, breites, volles
• Gesicht. Typ des Gemütsmenschen. Und doch: sentimentaler
Blfck, Kummerfalte im Gesicht . . . Schauspieler von Beruf,
letzt Garfon in einem Pariser Restaurant. Er raucht dauernd.
Raucht hastig eine Zigarette nach der anderen. Es ist die zer¬
mürbende Ungewißheit, die verkrampfte Spannung, die aus
diesem nervösen Rauchen spricht ...
Hier, auf der Bank in der rechten Ecke ein Dr. rer. pol.
aus Berlin. Er klagt über fürchterliche Kopfschmerzen, Be¬
nommensein, Erschöpfung ... ,_.
„Die Kotniteekrankheit,“ meint kurz ein anderer.
„Wie ist es mit Ihrer Hnrerbung ans Komitee geworden,“
frage ich ihn.
„Abgelehnt.“
„Sie sind von Beruf?“
• „Sozialpolitiker.“
zu Weiden, mußten Sie
Plötzlich-größer Lärm im Wartesaal. Worte wie Idiot,
Schwein usw."schwirren durch die Luft. Ein junger Mann will
sich auf einen Komitccangestellten stürzen. Einige handfeste
Leute legen sich ins Zeug. — Nervöser Wutanfall. Nichts
Außergewöhnliches hier, über das man, ohne viel Worte zu
verlieren, zur Tagesordnung übergeht . . .
„Ja!"
„Habeii'Sie schon eine Arbeit gefunden?“
„Nein, Sie wissen ja selbst, daß ich jeden Tag zu .Ihnen
kam, um mir neue Hoffnungen zu holen. Sie selbst haben mich
doch immer vertröstet!“ (Die Dame war vorher an der Ar¬
beitsvermittlung.)
„Sie sind jetzt neun Wochen hier; das Komitee kann Sie
nicht mehr unterstützen!“
„Aber ich kann doch nicht verhungern, denn ich bin ja
vollständig mittellos!“
„Es gibt für Sie nur noch eine Chance. Sie können nach
Brasilien, dort werden viele junge Leute gesucht.“ ,
„Was soll ich denn dort arbeiten? Gibt es denn in
Brasilien eine Möglichkeit, daß auch Nichthandwerker eine
Beschäftigung finden?“
„Natürlich, es gibt auch deutsche Schulen, an denen Sie
untergebracht werden können. Dort gibt es so . viel Arbeit,
daß wir nicht genügend Leute haben, um sie hinzuschicken.“
„Ja, wenn die- Aussichten so günstig sind, dann kann man
wohl mit einem festen Arbeitsvertrag nach Brasilien fahren?“
„Nein, das nicht. Drüben gibt es auch ein Komitee, das
Sie so lange unterstützen wird, bis Sie Arbeit gefunden haben.“
„Aber dafür brauche ich doch nicht in einen anderen
Erdteil zu fahren, um wieder das Ungewisse, die Aussichts¬
losigkeit vor Augen zu haben.“ (Meine ganze Verzagtheit
wandelte sich plötzlich in Opposition; es ist mir, als ob ich
hier einen Kampf um Leben oder Tod führen müßte.)
Mein Gegenüber schaut mich mit abwägenden Blicken an;
sie scheint die Umwandlung meiner Einstellung erkannt zu
haben. Ganz entschieden klingt jetzt ihre Stimme:
„Entweder Sie gehen nach Brasilien, — oder Sie erhalten
ungern!“
mich also, entweder
11 Brasihei
„Ja!!' Bitte, folgen Sie mir an den Nebentisch!“
Dort am Nebentisch warten schon einige junge Menschen;
ihre Gesichter sind verstört —, sie wissen alle nicht, was mit
ihnen geschehen ist. Sie denken wohl an ihre Heimat, an das
Haus, an die Angehörigen, die sie liebevoll aufnelimen würden
— doch, sie müssen wandern . . -. Krampfhaft versuche ich
all die Gedanken, die rückwärts schauen, von mir zu weisen;
ich muß erkennen, daß das alles vorbei — für uns ewig ver-
Allgemein klagt man üher die schlechte Behandlung
seitens der Komiteeangestelltcn. Eine Frau erzählt folgende
Geschichte:
Einer Familie mit sechs Kindern hatte man kategorisch jede
Unterstützung entzogen, weil die Familie schon länger als.drei
Monate die Hilfe des Komitees in Anspruch nahm. Alle Bitten
und Vorstellungen nützten nichts. Man überließ die mittellose
Familie einfach ihrem Schicksal. Und da fand man denn
eines Tages die sechs Kinder treu und brav auf einer Bank
auf dem Komitee sitzen, Vater und Mutter aber waren spurlos
verschwunden ... Da mußte man denn doch für die Kinder
sorgen und brachte sie. in ein Waisenhaus . . .
e Losungen
Nr. 487 — SS — ”89 — 90! Hier!
Endlich, nachdem ich sieben Stunden gewartet habe, darf
ich hinein in den Raum, der von den Tausenden von Flücht¬
lingen hier nur mit Zagen betreten wird. Keiner v
weiß, was heute mit ihm geschieht —;
der holien Direktion vorausahnen!
' Ich-biij heute in einer fatalistischen Stimmung. Draußen,
im Hof, wo die Tausende warten, hat man davon gesprochen,
daß alle, die schon zwei Monate Unterstützung erhalten, aus¬
gesteuert werden sollen! Und ich — ich bin schon neun
Wochen hiei in Paris! Doch Mut, vielleicht ist cs nur Gerede!
Am Nebentisch hält eine Komiteedame meine Karte in der
Hand und ruft meinen Namen. Mit größter Spannung .setze
ich mich auf den Stuhl, der vor dem Tische steht —; und nun
beginnt das „Verhör“: - -
„Sie sind Lehrer!“
obwohl alles ;
ruft ein Herr. Wieder komme ich an einen
werde ich nach meinen Personalien gefragt,
t der Karte verzeichnet ist. Als ich sage, daß
n Schulen.
Mit einem aufatmenden Lachen sage ich:
„Ich weiß auch nicht, was ich drüben soll, — die Dame
dort meinte . . .1“
Ich bin gerettet für acht Tage, man hat mir diese Frist
gelassen, bis ich wieder eine solche Tortur durchmachen muß.
Auf der Straße scheinen mich die Leute anzusehen — sie
wissen nicht um mein Lachen,-das im Lärm der Großstadt
verkling t!
Audi heute ist die Stimmung außergewöhnlich gedrückt.
Man spricht von beginnenden Einkasernierungen. Zuerst die
jungen Leute bis 25 . . .
Ein Komiteeangestellter ruft meinen Namen. Zusammen
mit zwei anderen jungen Leuten schickt man mich eine Etage
tiefer, zum Kasernierungsbüro!
Ein dicker Komiteeangestellter mit einem blonden Schnurr-,
bart führt uns. Ich will ihn ganz höflich uni eine Auskunft
bitten. Es sollte beileibe keine Beschwerde sein. Aber er
schneidet mir einfach rigoros das Wort ab und hört mich
nicht weiter an.
Unten, im Kasernierungsbüro, in dem schon eine Reihe
„Kasernenkandidaten“ warten, wirft der Dicke unsere Karten
auf den Tisch. „Weinberg, Ermann, Strauß, ab zur Kaser¬
nierung!“ Und, wahrscheinlich weil ich ihn vorher dadurch
beleidigt habe, daß ich ihn in höflichstem Ton um eine Aus¬
kunft bat, schnarrt er weiter:
„Der Strauß bekommt auch keine Extrawurst gebraten!
Weigerung zieht sofortigen Entzug jeder Unterstützung nach
Ehe ich etwas antworten kann, ist er schon verschwunden.
Auch die Angestellten hier auf dem Büro geben mir die ge¬
wünschte Auskunft nicht. Auch sie hören mich einfach nicht
an. Ich solle nicht so herumstehen und mich hinsetzen.
In größter Spannung warten wir über eine Stunde. Was
steht uns in der Kaserne bevor? Einige Emigranten wollen
wissen, es sei dort furchtbar. Doch ein Komiteeangestellter
versucht, unsere Bedenken zu zerstreuen. Die Kaserne sei sehr
wohnlich eingerichtet und das Essen ausgezeichnet.
1,30 Uhr.- Ich bin im Besitz meiner Zuweisung für die
Kaserne an der Porte de la Villette, genannt Höpital Andral.
Man ist außerdem so liebenswürdig, mir zwei Metrobilletts
und eine Eßkarte von der „Bienfaisance israelite“, die mir
eine karge Mittagsmahlzeit in dem Wohlfahrtsrestaurant der
Rothschild-Stiftung ermöglicht, auszuhändigen. Ferner erhalte
ich den strikten Befehl, heute abend Punkt 6,30 in der Ka¬
serne zu sein. •
Ich verlasse, das Komitee. Heute bin ich verhältnismäßig
schnell fertig geworden. Es dauerte noch nicht einmal sechs
Stunden. Wahrscheinlich bin ich damit zum letzten Mal dort
gewesen. Eine Leidensperiode ist somit abgeschlossen. Doch
was nun? Wie ist es in Wirklichkeit in der Kaserne? Die
Meldungen sind ja alle so widersprechend. Ich aber habe
jedenfalls dje Empfindung, daß. es bestimmt wieder ein Abstieg
aut der menschlichen Stufenleiter ist. — Und plötzlich fühle
ich mich so furchtbar deprimiert, so vereinsamt, so grenzenlos
unglücklich. Das. Komiteegebäude- scheint mich höhnisch an¬
zuglotzen, der lachende Sonnenschein scheint mir nur Betrug,
Betrug wie das ganze Leben selbst ...
Und die bekannten, seelisch zermürbenden Gedanken
brechen in fürchterlichster Weise in mir los...
G rau-schwarz der fünfstöckige Bau. Grau-schwarz wie
unsere Gefühle, wie unser Schicksal . . . Ein kleiner,
enger Hof. Klein und eng wie die Welt, in der wir
uns jetzt bewegen ...
Menschen stehen Schlange. Ruhig und doch erwartungs¬
voll-neugierig stehen sie. Das erste Essen im neuen Heim wird
ausgegeben. Sie haben Hunger, diese 200 jüdischen und nicht¬
jüdischen Emigranten hier (das Komitee, wollte die Nichtjuden
zuerst nicht mehr weiter unterstützen; doch eine Solidaritäts-
erklärung der jüdischen Einkasernierten mit ihren nichtjüdi-
schen Kameraden hob diese zweitklassige Behandlung auf);
sie wollen essen!
Und dann bekommen sie ihr Abendbrot: angebrannte
Erbsensuppe, zum großen Teil noch harte Kartoffeln mit
kleingeschnittener Wurst, Fleisch und Gurken. Über dem
Ganzen eine Art Sauce. Fast ungenießbar. Zudem noch: Soda-
: schöne Sache.
Ein eigenes • Schlafzim_ __
Höpital Andral „besitzen“ vier Personen z....
Schönes, nämlich einen unverschließbaren Raum ohne elek¬
trisches Licht, in dem sich außer einigen Brettern an der Wand
kein Inventar befindet. Das „Bett“ darf man sich selbst bauen:
Das geschieht folgendermaßen:
An das Kopf- und.Fußende wird je ein kleiner Schemel
gestellt. Darüber befestigt man drei Bretter. Ein von. einer
Decke umhüllter Strohsack bildet das „weiche Pfühl“. Es
folgen weiter: ein Schlafsack, eine Decke, ein Kopfkissen aus
Bastwolle, und — das Militärbett ist fertig.
Und dann „darf“ man schlafen. Dürfen phd Können'
sind jedoch zweierlei. Das_Lager_ ist so schön hart, gewisse
r rTt , rcHeir"sticiitr.i~fö'fieDlicii7"dali“iiT~ Utatt schlafen, lieber
Studien darüber •betreibt, wieviel Zeit die Sonne benötigt, um
das auf dem Planeten Erde herrschende Dunkel zu ver¬
scheuchen. Und nach dem „Erwachen“ kommt dann — wie
das bei zivilisierten Menschen ja im allgemeinen der Fall ist —
die Morgentoilette an die Reihe. Ein Wasserhahn auf dem
Gang leistet dafür vorzügliche Dienste. Einer nach dem
anderen tritt dort zum Waschen an? Und auf die Frage nach
einer.Waschschüssel antwortet es im Tone des Menschen, der
für solch unerhörte Ansprüche kein Verständnis aufbringen
„Waschschüssel?! Mensch, Du bist doch hier nicht in
einem Luxushotel!“
Zur Beendigung der Morgentoilette sudht man dann ein
gan2 kleines Zimmer auf, das man schnurstracks wieder v
ganz Kleines z.immer aur, uas man scunursirac
läßt. Die Wasserleitung funktioniert nicht-. . .!
tmpteMenswede tBezuqsqueMeti
BERLIN
| Autokühler |
t Bauklempnereien |
Edmund Kunkel, Ingenieur
Berlin 034, Warschauer Str. 12
Reparaturen aller elektr. Motoren,
Transformatoren. Anlasser^ Regler,
Richard Koebel
Kühler* und Apparatc-Bau, Anfertig.
Ton BrcnnstoffbeluUtcni, Reparatur
Berlin * Lichünberc. ^Gürtrlstniße 4
TeL: B 6 Llchleabcrg 3678
Robert Dewitz
RUmpnerei - Sdilosterai
Autogen - SdtwelBerel
Bin. 017, Fruchtstr. 54
Tel. E 7 Weichsel 0952
| Autoreparaturen I
1 Elektr. Anlagen |
| Kammerjäger |
J. Hobffz
ratur E&xntl. Fabrikate^ Auto-Reifen
ALFRED ADAM
Mitglied d. jud. Handwerkerverein?
| Gas- u. Wasseranlagen |
WANZEN
und Startcrroparaturcn.
Berlin-NVuJiSHn.
Abt- 1: Lieht-. Kraft- und^ Radio-
SCHWABEN.^ ^ BATTEN. MAUSE
KURT SEELIO
Auto - Reparatur-
Teilzahlungs-System.
stückcn. U ‘ CharlDttSSg'^'a/FS^cn^
Berlin W 50, Prager Straße 31
Fernsprecher: B 1 Bavaria. 03«
Berlin O 17.* « *°"ran“f?r*er Str. 10
Telefon: E 9 Fricdrichshain 1741
Chor}., SyltehU. 7. J 2 Vismnrck 2049
Reparaturen sfimtt. System«
Reparaturen sämtl. Systeme
Ernst eotiiiet). EieMDro
| Jalousiefabriken |
Springer & Co, dem. Mio
WALTERMÖLLER
Mitglied d.jud. Handwerkervereins
R I S eP 2?T ^
Wilmersdorf, lladonsrhe Straße 2S
Schön$bcrg, Siegfrieds!,. t
C^KIEWELL^
De^infe'-Uon* bei KraSkhJtea urifV
Auto ~Ä2£rW w -
3 Todesfällen. Sterbebett«. 1
| ~ Autovermietung |
fe Elektromotoren 1
■ d
I Karosseriefabriken |
Lief erwägen,Trecker
Übernahme leichter und schwerer
Artur Müller. SO 36
eUanatr. 3S-a« Oberbaum 1862
^Ernst Bläuenstein
Otto Kootz
Jalousie-Spezial-Weikstatt
Gcgr. 1908. Xcoanrertigunc, Separat.
Berlin-Lankwitz. Marienfelderstr.3
Max Fellmann
I Maler
| Schlossereien |
TrcppenDure, ^
Anschlag© kostenlos. — Seit 1906.
Oderberger Str!* 14. D 6 Vineta 2630
Bau- und Mabcblnen-Schlosserel
M. Roth & Sohn
Haus- u. Maschinenrep. all. Art, Gas.
Berlin S 42, Brandenbnr/rstr- 72^73
| Tischlereien |
' : - - ' -
SU
Johannes Kniestedt
Bau- u. Möbeltischlerei
Neuanfertigung. Reparaturen.
Berlin W35, Potsdamer Str. 27b
Foras-piccker: B 1 Kuetttrst 806B
i Töpfereien |
PaulSchröder
vorm. Julius Schröder. Gcgr. 1878.
9 Femspred.e”-B ^Kurfürst*4017
Albert Demke
Ofenbau-Geschäft
Berllfi-Sch&neberg, Cojfastr. 26
OTTO GffRTNER
Töpfermeister
I Schildermaler |
chk. m frentsch
Paul Kummer
Töpfermeister.
Koloniestraße 21 . D6 0548
Herausgeber: H;
Willi Tisch,
nns Loewenstein und Willi Tisch Verlag, Berlin-Charlottenburg 4. Verantwortlich für den Textteil. George Goetz,
Berlin NW 21. Für Österreich: Vertrieb: Willi Miloslawski, Wien VI, Mariahilferstraße 95/29. Verantwortlich für den Inhalt:
Druck: Sonnendruckerei G.m.b. H. (Felix Wolf), Berlin-Charlottenburg 4, Weimarer Straße 18.
Berlin W 50, für den Inseratenteil:
A. Reiser, Wien VII, Liniengasse-17/9.