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Einzelnummer 20 Pf.
Nr. 2
güc^bcutf^e^Subcntuntun^rcKgtöJenJlufbou
14. Jahrgang
, Bezugspreis: Monatlich 1,35 RM. zuzüglich
Bestellgeld. Einzelnummer 0,20 RM. Abonne- ■
ments werden bei allen Postämtern angenom¬
men. — Anzeigen nach Tarif. — Bel Nichter¬
scheinen Infolge Streiks oder höherer Gewalt
besteht kein Ansprudi auf Nachlieferung oder
Rückerstattung der entsprechenden Bezugs-
aebOhren.
Herausgeber: Hanns Loewenstein und Willi Tisch Verlag
Schliitleitung: George Goetz
Dle^JOdlsch-lIberaleZeltung'' erscheint Diens¬
tags und Freitags. - Redaktion und Geschäfts¬
stelle: Berlin - Charlottenburg 4. Mommsen-
str.40. — Fernruf: J 6 Bleibtreu Sammel-Nr.
1545. - BankverblndungiKredltverelnfOr
Handel und Gewerbe e.G.m.b.H., Berlin N 24. .
Postscheckkonto: Jüdisch-liberale Zeitung,
Berlin 22764.
’ ■ - ■ 1
Berlin, 5. Januar 1934
Die „Jüdisch-liberale Zeitung“ ist das einzige Blatt deutsch-jüdischer Richtung, das zweimal wfichentiich erscheint
Dr. Ludwig
Holländer,
der langjährige
Führerries „Central-
Vereins deutscher
rger jüdi-
Khej aubens“
Rechtsanwalt
Heinrich Stern,
der Vorsitzende der
das religiös-liberale
Judentum“
m Rahmen des von uns angekündigten Aus¬
lies unserer Redaktion ihre ständige Mitarbeit-- zur
Ifügung stellen.
W Diese Mitarbeit wird dreifacher Art sein. Zu-
Eist werden die beiden Herren regelmäßig in den
Äalten unseres Blattes zu Fragen ihrer besonderen
Sachgebiete das Wort ergreifen. Ohne daß eine
Ingere Begrenzung beabsichtigt ist, wird Herr Rechts-
»anwalt Stern, der ja nicht nur die Bewegung des
I religiös-liberalen Judentums führt, sondern auch im
Gemeindeleben die höchsten Aemter bekleidet, sich
insbesondere dem gemeindepolitischen Gebiet zuwen-
_■ den;. Herr -Dr.- Holländer, der schon-seit Jahrzehnten
. unserer Bewegung nahesteht und dessen hervorra-
gqnde. Verdienste um das: deutsche Judentum ; .der.
i'l- ' i '" Geschichte angehören, ■ wird Beiträge über die Sozio-
; ’ : logie und Wirtschaft der deutschen Juden veröffent¬
lichen und auch zu aktuellen Zeitfragen Stellung
-- nehmen.
Uebqr ihre eigene Mitarbeit hinaus werden die
' genannten Herren ihren maßgebenden Einfluß auf
' / „di? Ausgestaltung der Zeitung. ausüben, deren reli T
;giöse und politische Haltung selbstverständlich un-
> 'verändert bleibt..
Schließlich Werden Herr Rechtsanwalt Stern'und
Herr Dr.. Holländer ihre Beziehungen zu Männern
der deutschjüdischen Publizistik für die „Jüdisch-
liberale Zeitung“ nutzbar machen, indem sie Autoren,
die bisher noch nicht für unser Blatt geschrieben
haben, heranziehen werden. Auch hierdurch wird die
„Jüdisch-liberale Zeitung“'inhaltlich vertieft und be¬
reichert sowie in ihrer Wirkung schlagkräftiger ge¬
macht werden.
In ähnlicher Richtung bewegen sich Verhand¬
lungen mit einem der angesehensten deutschen Rab¬
biner, die dem Ausbau des religiösen Teiles dienen
-. sollen. Auch hierüber werden wir in Kürze Näheres
veröffentlichen. ;
Die Leser der „/ Tulisch-liberalen Zeitung“ und
alle Anhänger des religiös-liberalen und deutschbe¬
stimmten Judentums werden es begrüßen, daß füll■
rende Männer aus■ verschiedenen Arbeits- und Geistes -
gebieten in engste Zusammenarbeit mit Verlag und
Redaktion unserer Zeitung treten und dadurch ihren
richtungweisenden Einfluß auf dje Gestattung und
Vertiefung des Blattes gellend machen , das seit
l_ zehaJJÜirej) das Blatt des religiös-liberalen deutschen
Judentums ist und aus dessen nunmehr in Angriff
genommener großzügiger Erweiterung jedermann die
Zuversicht entnehmen darf: Unsere Arbeit geht voran!
Alle Vollmacht
in einer Hand
Von Hans Samter
E in schönes Lied von Viktor von Scheffel beginnt
so: „Wenn ich einmal der Herrgott war’...“
und dann fährt es fort: „mein erstes wäre
dies...“. Und eigentlich ist es eine Frage, die sich
— So oder so — jeder schon einmal vorgelegt hat,
und gerade in dieser Zeit, die Einzelnen Macht und
Befugnis von unerhörtem Ausmaß gegeben hat: Was
tätest Du, wenn Da-die Macht hättest und Dir keine
Schranken gesetzt wären? So auch war die Frage for¬
muliert, die einer stellte, als bekannt wurde, daß der
„Reichsvertretung der deutschen Juden“ ein Vor¬
sitzender mit weitgehenden . Vollmachten bestellt wor¬
den war. Weil man von den Rechten der politischen
Führer so viel gelesen hatte, kam einer auf den Ge¬
danken, daß auch der politische Führender deutschen
Juden '— denhnäs 'muB~aer’Vorsitzende der 'Reichs¬
vertretung ja sein —- unbeschränkte Möglichkeiten
und Machtmittel.; haben/kögnte^Und wie , unser jVlaim;,
weiter daran;, dächte,' überlegte 'er. was oeiner^mit.V
solcher Macht wohl anfangen könne, überlegte nicht;
ob das wünschenswert, oder möglich sei, sondern was
dann wäre. Was er in dieser Stellung, ausgestattet
mit allen "Mitteln, mit Zwang und Polizeigewalt, wohl
täte! Was täte er, was täte ein jeder von uns? ‘
Mein erstes wäre dies..., daß ich das Auftreten
der Juden nach außen in feste und entschiedene
Formen bringen würde. Denn wenn auch nicht der
äußere Eindruck, sondern das innere Sein das Wesent¬
liche für die Zukunft der deutschen Juden ist, so
darf doch gerade in einer Zeit, in der alle Augen auf
jeden einzeln von uns gerichtet sind, nichts zu
finden sein,' was man gegen den Juden verwerten
kann. Jeder Jude und jeder jüdische Kreis müßte
sich klar und eindeutig entscheiden, ob er der deut¬
schen Nation angehören oder-'als Angehöriger einer
jüdischen Nation gelten will, ob die Kraft der gemein¬
samen Arbeit dem deutschen oder einem jüdischen
Vaterlande gehöre. Strengeren Anforderungen noch
Wären die jüdischen Zeitungen'unterworfen: auch sie
müßten alle ausnahmslos sich zu klarer Richtung
bekennen, entweder — oder. Aber noch mehr, so
eifrig und bewußt sje auch] für ihre Überzeugung
eintreten sollten, so stark auch müßte auf ihnen die
Verpflichtung ruhen, in Ton und Form nie zu ver¬
gessen, daß wir alle nur ein- Ziel kennen: den deut¬
schen Juden Raum und Möglichkeit einer wirtschaft¬
lichen und geistigen Existenz zu geben. Wer das
vergäße, wer noch immer ijrnstande wäre, den poli¬
tischen Gegner kurzerhand*, als minderwertig oder
bemitleidenswert zu sehen, wer glaubte, daß die Be¬
griffe der Größe, der Kraft und des Mutes für eine
Richtung beschlagnahmt werden dürften, würde durch
entschiedenes Verbot'dessem belehrt werden, was not
tut. Nicht anders würde es jedem ergehen, der im
öffentlichen oder privaten Rieden und Schreiben außer-
achtließe, daß es zwar Vielleicht für die Umwelt
amüsant ist, Juden auf Juden schimpfen zu hören, daß
aber nicht ausgerechnet dii£; deutschen Juden es nötig
haben,
liehen '
:n, die vorhandenen wöjilbegründeten Weltanschau-
:n Gegensätzlichkeiten?wieschmutzige Wäsche vor
der Allgemeinheit auszuß
ein Amt in einer Gemein^
kleiden, der nicht nach so
und Handeln gestaltete; J
Wenn das erreicht ij|
gestaltung der deutsche^
• müßte festgestellt werdi
eiten. Keiner dürfte mehr
!, in einer Organisation be¬
dient Maßstab sein Denken
te, begänne die innere Um¬
luden. Zunächst allerdings
i,.- welche wirtschaftlichen
Möglichkeiten für Juden vorhanden sind, die keiner
ausnutzt. Alle Umschichtungs- und Unterhringungs-
bCstrebungen würden in einer Hand zentralisiert wer¬
den, um jeden Leerlauf zu vermeiden;'alier_darüber
hinaus würde ich kontrollieren, welche deutschen Juden
den anderen gegenüber noch nicht ihre Pflicht erfüllt
haben. Denn es ist ja nicht genug, wenn einer mit
einem noch immer gutgehenden Geschäft, mit einem
noch immer ziemlich anständigen Einkommen einen
gewissen Betrag überweist: das ist eine Abgabe,
kein Opfer. Ein Opfer aber muß jeder Jude heute
bringen können und'wollen, wenn er seine Existenz-,
die Zukunft seiner Kinder verdienen will. Eine beson¬
dere Stelle -würde prüfen,. welcher ’ deutsche Jude
zusätzlich Tür. luden Arbeit zu schaffen i mstande i st. i,.
KeirfZweTfefkann'darüberbestehen, daß das utvlekwv
Fällen möglich ist; wenn einer von der.. Zentralstelle
aufgeford^.wäre,.tmd; l ohneytifiMA w.<#rti B K %fe{lfcb<g^fe-
QrOnde'.gejncifr Pflfcftt anirfit nadilcjlme^f.elitj^^utfe^];-
ExisTenzmöglichkeit - zu : 'ikfu^ien^'"-.war(le- <: ''(Slt''!'jille.'''.
Ehrenrechte innerhalb der jüdischen Gemeinschaft ver¬
lieren. Nicht anders würde der behandelt, der seine
finanziellen Verpflichtungen gegenüber der Gemeinde,
obwohl dazu imstande, nicht erfüllte, ja, sogar derr
der gegenüber den Bitten um zusätzliche Gäben taub
wäre, aber in. seiner Lebensführung zeigte, daß er
ivohl geben könnte, wenn er wollte. Kein MitteLwäre
hart genug, um Grundlagen für Aufbau und Erhaltung
jüdischer Existenzen in diesem Lande zu schaffen.-
Dann aber — und dies wäre die dritte und größte
Aufgabe — müßten alle deutschen Judcirbegreifen, daß .
nicht ihnen um ihrer selbst willen als Einzel-
existenzen diese Arbeit gilt. Dahn würde ich ethische
Lebensnormen der deutschen Juden 'schaffen, die
darum um so wirksamer sein könnten, weil hinter
ihnen die'Möglichkeit stände, sie auch tatsächlich
durchzusetzen. Wenn ich als alleinverantwortlicher
Führer der deutschen Juden verlangte, daß'der jüdi¬
sche Kaufmann nicht nur ebenso wie der nichtjüdische
Kaufmann sei, sondern ebenso wie der beste und
vornehmste unter jenen, so würde diese Forderung
Wirklichkeit werden, sobald ich zugleich demjenigen;
der solchem Verlangen nicht nachkommt,, die Entzie¬
hung der Verfügung über, seinen Geschäftsbetrieb
androhen könnte, in dem er von nun an unter Aufsicht
der jüdischen Führung als Angestellter zu arbeiten
hätte, bis er sein Bemühen bewiesen hätte, ein wirk¬
lich „königlicher Kaufmann' zu werden.. Und der
jüdische Arzt, der sich nicht so verhielte, wie es seit
Jahrhunderten andere jüdjsche Ärzte ihm vorgelebt
haben, würde solange dem moralischen Boykott der -
jüdischen Kollegen anheimfallen, bis er seinen Willen
zur Umkehr bewiesen hätte. Gewiß wären das mit¬
unter im Einzelfal! überharte Maßnahmen, aber das
Bewußtsein würde sie rechtfertigen, daß sie nur bis
zu dem Augenblick notwendig und gerechtfertigt wäre’n,
in dem niemand mehr Vorwürfe gegen Juden erhebt,
gegen die keine Rechtfertigung durch Worte hilft,
sondern nur Vorbild und Vorleben. Dieser Augenblick
aber wird dann'da sein, wenn solche Beobachtung
und Maßregelung aus uns selbst heraus unnötig, weil
unmöglich ist, da jeder das Leben lebt, das die Ge¬
meinschaft von . ihm verlangt.
Und mit der Untadligkeit der äußeren Lebens¬
führung würde ich als Letztes eine Erneuerung' der
geistigen Haltung erzwingen. Gewiß, das ist leichter
gesagt als getan, aber es ist nicht hoffnungslos,..Viel,