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Das Wort der Jugend
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Monatlich ersdieinende Beilage der „Jüdisch-liberalen Zeitung“
Verantwortlich für den Inhalt: Heinz Keller mann, Berlin - Charlottenburg l, Königin Louise Str. 3
RedaktionelleVorbemerkung
Die an der Herausgabe des „W. d. J.“ beteiligte
Jugend der „Jii“s. hat sich dem „Bund deutsch-jüdi-
- scher Jugend“ als religiöse Sparte eingegliedert. Das
„Wort der Jugend“ wird infolgedessen das Aus-
• Spracheorgan der religiösen Jugend des „Bundes“
werden. Es wird in Zukunft grundsätzlich nur solche
Beiträge bringen, die aus dem speziellen Kreis der
religiösen Jugendarbeit stammen. Für gemeinsame
. Bundesfragen und Bundesanordnungen verweisen wir
___ajif das eigentliche Bundesorgan.
Die nächste Ausgabe des „W. d. J.“ erscheint bereits am
19. Januar.
'Sfhriitjeitung des „Wort der Jugend“.
Wir im,
deutsch-jüdischer Jugend“
E twa vor einem Jahre hatten sich in Berlin deutsch-jüdisch
leingestellte Jugendbünde zu einer Art Kartell, dem
„Deutsch-jüdischen Jugendverband“ zusammengeschlossen.
Alsbald drängten manche der den Bünden gemeinsamen Auf¬
gaben dahin, den Verband zu einer Reichsorganisation aus-'
. zubaueii. Da war insbesondere die Notwendigkeit, den zur
beruflichen Umschichtung Gewillten einen weg außerhalb
der zionistischen Organisatidnen, die mit einem anderen Ziel
arbeiteten, zu ermöglichen. Bei den nun einsetzenden Arbeiten
zur Schaffung eines großen Reichsverbandes stellte es sich
. heraus, daß man draußen im Reich wenig Verständnis für das
Berliner Nebeneinander, und gelegentliche Gegeneinander zahl¬
reicher deutsch-jüdischer Bünde hatte. Man wünschte sich -
nicht für die „D.J.J.G.“ oder den „Ring“ zu entscheiden,
man wollte den großen deutsch-jüdischen Jugendbund. So
.kam es, daß auf der Weihnachtstagung in Lehnitz, an der die
/Vertreter von Bünden, aus dem ganzen Reich mit den ver¬
schiedensten Namen, Losungen und Symbolen teilnahmen,
etwas Neues ins Leben gerufen wurde, was mehr sein soll,
als eine lose Zweckgemeinschaft: der „Bund deutsch-
jüdischer Jugend“.
Die Organisation des neuen Bundes steht bisher erst
in Umrissen fest. - Dem Bundesführer wird ein Führerrat,
bestehend aus dem. Stellvertreter, dem Geschäftsführer und
— vorerst — drei Führern für eine hündische, eine berufs¬
ständische und eine religiöse Sparte zur Seite stehen; die
spezifisch religiös arbeitenden Gruppen, wie sie z. B. bisher
in der „ARGE“ zusammengefaßt waren, werden auch inner-
• halb des Bundes zusammengefaßt bleiben bzw.zusammengefaßt
werden. Der Durchführung dieser Organisation soll mit dem
folgenden nicht irgendwie vorgegriffen werden. Es soll nur
gesagt werden, mit welcher Einstellung wir „ARGE“-Bünde
an die Arbeit innerhalb des gemeinsamen Bundes herangehen
Erinnern wir uns, .welchen Weg wir als jüdisch-liberale
Jugendvereine gegangen sind, vor dem Kriege als Vereint
gegründet, nach dem Kriege uns schüchtern den Formen der'
Jugendbewegung nähernd. Zu uns kamen Menschen, die zum
Teil jüdischen Dingen ganz fern gestanden hatten, andere, die
• wohl in Formen jüdischer Religiosität aufgewachsen waren,
ohne doch mit ihnen schon einen' gemeinten Sinn zu ver¬
binden. Alle kamen in einem Alter, das nicht nur darauf
drängte, sich alle Dinge zwischen Himmel und Erde zu
erobern, sondern auch Himmel und Erde zü sich selber in
Beziehung, zu- setzen. Ihnen bot sich das Judentum dar als
ein großes, reiches, geistiges Gut, das in der allgemein-
europäischen Krisis der Religion von seinen eigenen recht¬
mäßigen Erben vergessen zu werden drohte.. Sie entdeckten
bald, daß,, mochte auch die fraglose Gläubigkeit früherer
Jahrhunderte von ihnen gewichen sein, dieses Erbe darum
doch nicht tot war, daß es ihnen die Augen öffnete, ihnen
half, Fragen zu steilen, und Antworten hatte, die ihnen auch
die ihrigen werden konnten. Es galt zu lernen, aber nicht um
des bloßen Kennens willen. Ein göttliches Wort, ein jüdischer
Gedanke, ein Stück jüdischer Geschichte sollte mit den Kräften
des eigenen Selbst nacherlcbt und möglichst für das eigene
Leben aufgeschlossen werden; und oft genug zeigte es sich
dann, daß die alten Dinge so lebendig waren wie ehedem.
Da waren kein unfehlbarer Priester, kein wohlausgeklügelter,
maßgeblicher Kodex, kein geschlossenes- philosophisches Sy¬
stem, die den sicheren Weg gewiesen hätten. Hatte die Fülle
und Weite des „Judentums" alles gesprengt, was es von
dieser Art auch in seinem Bereiche einst gegeben hat, so kam’
noch von außen die Welt des Christentums und die des
— nur dem äußeren Kult nach zu Grunde -gegangenen —
Heidentums hinzu. Alles war Freiheit — innerlich anzuneh-
men und abzulehnen — und Verantwortung zugleich.
Ein Tun, wie das unsere, das Sclbsterziehung wirken
wollte durch Inangriffnahme des entscheidenden, des religiösen
Gebietes in Aufiockern und Binden, muß seine Bewährung
suchen in Zeiten wie der gegenwärtigen. Hier muß sich her-
ausstellen, ob wir uns die innere Sicherheit geschaffen haben,
die uns gewiß nicht unberührt, aber unentwurzelt, unver-
krampft .und unverbittert sein läßt durch alles, was wir erlebt
haben und was uns noch bevorsteht. Wir wagen es nicht,
uns diese Frage schon heute für das Gros unserer Menschen
zu beantworten. Die älteren unter uns aber wissen aus innerer
Erfahrung, daß der Weg-der richtige war, mögen sic auch
noch so unbefriedigt sein von -der Kürze der. Strecke, die sie
selbst und die wir alle bisher auf diesem Wege zuriickgelcgt
' Wenn heute unter dem Eifer der Not ein großer Bund
deutsch-jüdischer Jugend entsteht, so wird er nur leben können
und zu leben brauchen, wenn auch seine Menschen sich Juden¬
tum erwerben. Wohl hat es früher; wie im. zionistischen,
so auch im deutsch-jüdischen Lager Kreise gegeben, denen
Judentum nur ein Name war für eine soziologisch-psycho¬
logisch bestimmte Gruppe. Sie konnten ihre Jugendarbeit
beschränken auf das „rem Bündische", die bloße Form, die,
alles, was sich unter heranwachsendcn Menschen bot, glei<
Herausgeber: H,
Goetz, Berlin
Löewenstcin und W
); für den Inseratenteil:
An die „ARGE“!
Kameraden!
W ir haben einen entscheidenden Schritt gewagt.
Wir vom „JLJ“, stolz genug, einen besonderen Platz
im bewegten Raum der jüdischen Jugend zu. beanspruchen,
und hartnäckig genug, diesen Posten schon fast eine Gene¬
ration hindurch zu behaupten, haben aus freier Entschließung
unsere selbstbewußte Zurückgezogenheit einer neuen Einheit
zuliebe aufgegeben.
Was das bedeutet, Wird so ganz nur der: erfassen, der
sich jahrelang unserer Arbeit in der Freude des Erfolgs wie
in der Sorge des Zweifels beharrlich verpflichtet gefühlt hat;
wird der nur wissen, der um die Tiefe einer Gemeinschaft
weiß, die zu dem Gewicht der Idee willig die Kritik der
Verständnislosen auf sich genommen hat.
Man hat uns nachgesagt, daß wir einseitig, schärfer noch,
daß wir doktrinär seien. Nun, wenn Konsequenz als Einseitig¬
keit und Gewissenhaftigkeit als Doktrinarismus befunden
wurde, so haben wir keinen Anlaß, uns als schuldig zu be¬
kennen, sondern werden diesen Vorwurf mit Stolz zu tragen
wissen Wir wußten: wir waren unpopulär, weil unsere
Arbeit es war, und wir verstanden, daß eine andere Jugend,
die tausendfältig von dem Betrieb der Umwelt in Anspruch
genommen wurde, auch in der Gemeinschaft noch -die Zer¬
streuung suchen mußte. Aber wir waren' die Ehrgeizigen.
Gemeinschaft war uns nicht Selbstzweck, sondern Voraus¬
setzung. Wir brachten unsere Unruhe aus dem Lärm des
Tages in die Stille unserer gemeinsamen Heimabende und
sammelten uns, um zu lernen. Und dabei geschah es, daß
unser Eifer zur Sache uns bisweilen den Menschen vergessen
ließ. Das Buch schien uns wichtiger als das. Leben, bis
— wir in diesen Tagen alle— ausnahmslos — vom Leben
überrannt wurden.
Und nun vollzog sich — urplötzlich — die Wandlung:
Eine Jugend, die bisher im Bund nur ihr Spiegelbild
suchte, wird von einer Sehnsucht ergriffen nach Dingen, die
größer und geheimnisvoller sind als das eigene Ich. Und Wir,
seit Jahren auf der Wanderschaft nach weiteren Horizonten,
fühlen den Boden unter uns schwanken und sehen uns, be¬
drängt und unsicher, nacheinander um. Und aus der Tiefe
unseres religiösen Seins steigt die Erkenntnis: Kein Dienst
an der Sache trägt einen Wert, der nicht zugleich Dienst am
•Menschen ist, und kein Dienst am Menschen trägt einen Wert,
der nicht zugleich Dienst an der Sache ist.
Darum wird der Weg, der uns aus allen deutsch-jüdischen
Lagern heute zueinander führt, die Versöhnung bringen müssen
zwischen Idee und Bund und den gerechten Einklang zwischen
Ideal und Leben. '
Kann es zweifelhaft sein, daß dieser Weg von der alten
Richtung nicht im geringsten abweicht? Ja, erfüllen wir damit
nicht zutiefst eine religiös-liberale Pflicht? Das historische
Verdienst des religiösen Liberalismus ist und bleibt, eine jdem
orthodoxen Judentum seiner Zeit entfremdete Judenheit dem
Judentum zurückgewonnen zu haben, und die historische
Aufgabe dieser Tage für die religiös-liberale Jugend wird es
sein, einer dem - Religiösen aufgetanen und lernbegierigen
Jugend das Vermächtnis zu übermitteln, das zeitlos und ge¬
waltig von Generation zu Generation kam, um der Geschichte
Israels Sinn und Dauer zu verleihen. Freilich werden wir
Sorge tragen müssen, daß diese Renaissance jüdischer Werte
keine öde Repetition, sondern eine wirkliche Renaissance,
d. h. eine Erneuerung des Wesens und der Form bedeutet,
daß nicht die sklavische Übernahme des bindenden Komments,
in die partikuläre Vereinsamung führt, aus der das Judentum-
schon einmal ausbrach. Indessen, eine Jugend, die gewillt
ist, sich nicht ein Ghetto, zu erbauen, sondern eine Emanzi¬
pation zu erobern, bietet in ihrem starken Streben die Gewähr
dafür, daß die Religion keine neben dem Leben herlaufende
strenge Gewohnheit, sondern eine lebensgestaltende und lebens¬
nahe heilige Pflicht wird, die stark und nachgiebig zugleich
mit Zeit und Gewissen gleichen Schritt hält. Mögen wir,
diese neue Jugend, uns im Sinne jenes großen Reformators
aus den Reihen des liberalen Judentums bewähren, Israel
J a c o b s o n, der sagte:
st es hi
ig'
U
enden und aufblü-
blühten Mensch^en-
Heinz Keilermann.
maßen willig aufnahm und darüber hinaus ihre Menschen
nur noch dazu schulte, unberechtigten Angriffen auf Juden
und Judentum entgegentreten zu können. Heute wird der¬
gleichen nicht mehr möglich sein. Bei der Belastungsprobe,
der das deutsche Judentum jetzt ausgesetzt ist, wird es auch
den Schein einer Existenz nicht durch die Hoffnung aufrecht¬
erhalten können, daß seine jüdisch-politischen und seine wirt¬
schaftlichen Parolen vielleicht eines Tages wieder zu äußeren
Erfolgen führen. Seine Menschen müssen die innere Bildung
und die innere Sicherheit haben, die das Judentum ihnen zu
geben vermag, sie müssen bestimmt sein nicht durch äußere
Merkmale, sondern durch einen inneren Gehalt.
Es. war für uns große Freude, daß man diese Erkenntnis
in Lehnitz auch aus den Worten des Führers der D.J.J.G.
sowohl wie des Führers des „Rings“ heraushören konnte.
Erfreulich auch, wenn von mancher Seite die Notwendigkeit,
die spezifisch religiös arbeitenden Gruppen weiterhin in
einem engeren -Zusammenhalt zu belassen, abgelehnt wurde'
mit der Begründung, man. wolle selbst doch „auch religiös“
arbeiten. Dennoch ist zweierlei nicht zu übersehen: Eine
bloß gelegentliche Beschäftigung mit religiösen Dingen kann
niemals zum Ziele .führen, und ein großer Teil des Führer¬
materials, der in dem neuen Bund zusammengeschlossenen
Gruppen scheint heute noch nicht die Gewähr dafür zu bieten,
daß eine solche Arbeit überhaupt durchgeführt werden kann.
Das kann auch gar nicht der Fall sein. Schließlich kann der
beste und aufrichtigste Vorsatz noch nicht sofort die Erfah¬
rung ersetzen Hier entsteht für die bisherigen „ARGE“-
Bünde — die im übrigen auch von den anderen Gruppen
mancherlei werden lernen können — eine große Aufgabe.
Für jeden Menschen, der sich nicht der Orthodoxie in die
Arme werfen kann oder mag, gibt es in der heutigen Situation
nur einen Weg zum Judentum ähnlich dem, den sie ein-
geschlagen haben und noch gehen. Sie müssen ihre bisherige
Arbeit verbessern und vertiefen, beflügelt durch den Gedanken,
daß sie sich als gereift genug erweisen müssen, den andern
im Punkte religiöser Erziehung ein überzeugendes'Vorbild zu
bieten. Sie müssen die religiöse Sparte stark genug machen,
um religiöse Bildung auch an die Führer der anderen Kreise
wird wohl notwendig sein, dazu auch Menschen, die außer¬
halb der Jugendarbeit stehen, heranzuziehen, jüngere Theo-
heranzutragen, soweit sie sich dafür empfänglich zeigen. Es
logen und Lehrer, die eine Sprache sprechen, welche ver¬
standen wird,-und die an das anzuknüpfen wissen, was ihre
Zuhörer bewegt. Aber auch dazu muß der Weg erst gewiesen
werden. Und gewiß wird niemand davon mehr erfreut sein
als wir, wenn auf diese Weise eine besondere religiöse Sparte
im Bund deutsch-jüdischer Jugend überflüssig wird, weil ihre
Arbeit in .allen seinen Teilen gleich gut aufgehoben ist.
Ausführlicher Bericht über die LehnitzeT Tagung
in der nächsten Nummer
Frage und Antwort
ir weiß, daß mein Erlöser lebt — und v
ht: Ich a!
deutet es?
(Frage Nr. 2 a
„Ich aber weiß, daß mein Erlöset
t be-
1 des „W. d. J“) .
.. ... r . _ lebt“. Nicht wie ich,
— und ihr alle sicher mit mir — vermutete, im Neuen, sondern
n ‘Alten Testament finden wir diesen Ausspruch. Was daran
_u denken gibt, ist, daß gerade Hiob (Kap. 19, 25) sich zu
diesem Gottvertrauen durchringt, der, wie es scheint, ohne
irgend ein Verschulden von den schwersten Leiden betroffen
ist. Auch obwohl er so hart gestraft ist, kann doch sein
Glaube an seinen Gott, der ewig lebt und der in seiner Güte
auch ihn erlösen wird, nicht erschüttert werden. Dadurch wird
und muß er für alle Zeiten, besonders aber für uns zum Vorbild
werden, damit wir gleich ihm auch in. der heutigen schweren
Zeit die Hoffnung auf unseren Gott nicht verlieren, der auch
uns helfen wird. — G. Z. (Uns scheint, daß die Verfasserin
in dieser Antwort trotz aller Tiefe der Empfindung nicht der
ganzen Problematik der Fragestellung gerecht geworden ist-
Wir stellen den Ausspruch erneut zur Diskussion. — Die-
Schriftleitung des „W. d. J-“)
phot. Arno Kikoier.
Die Delegierten
(Lehnitzer Tagung der deulschjüdischen Jugend 23.-26. Dezember 1933)
dies Tagebuch“ äußerst charakteristisch gestaltete, wi_
n ihrem erstaunlich kraftvollem Anschlag manchmal, so bei
mdelssohn, etwas Modcrierung wünschte. Gleich dem
ii Kapellmeister Simheimer am Flügel vorbildlich unter-
), Charlottenburg 4, Weimarer Str. 1