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14. Jahrgang
Nummer 4
3 üöifd)'lU)ctölc äeifung
Beilage
12. Januar 1934
Flugsand
I mmer wieder, wenn in innerjüdischen Diskussionen
von den heute brennendsten Fragen die Rede ist
— von der Frage nach dem Hierbleiben oder
Auswandern, nach der Wiedererringung der Emanzi-
■ pafion, der Gleichberechtigung mit ihren gleichen
Lebensmöglichkeiten — immer wieder kann man dann'
erleben, daß die Debatte mit einem sehr impulsiv
dahergesprochenen Satz beendet wird: „Die Juden
sind nun einmal das ewige Wandervolk.“
Dieser Satz gehört zu denjenigen" Argumenten,
die immer wieder ihre Wirkung tun: er enthält eine
Binsenwahrheit und ist anschaulich formuliert — da
darf sich, das Nachdenken ruhig schlafen legen; denn
man weil! nun Bescheid: es hat alles keinen Zweck,
es geht alles verloren, wir müssen eben wandern.
Mehrere- Kleinigkeiten nur werden dabei über¬
sehen. Wäre der Satz vom .Zwang zum ewigen Wan¬
dern richtig, so würde hier das Nachdenken und die^
weitere Erörterung erst beginnen müsssen; es würde"
darauf zu sinnen sein, wie und wo nun den ewig
Wandernden oder vielmehr den' jetzt Wandernden
neue Möglichkeiten zum Leben geschaffen werden
können. Eine Lösung des Problems ist mit dem Hin¬
weis auf das ewige Wandern wahrhaftig nicht ge¬
geben.
Aber .weiter: wie sieht es .denn überhaupt in
denjenigen aus, die mit solchem Argument arbeiten
oder,vielmehr von ihm sich leiten lassen? Es ist doch
damit wohl so,-daß am Anfang der Pessimismus
steht, der, seinem Wesen nach unkämpferisch, nach
Ausweg statt nach kraftvoller Heilung sucht. Man
glaubt .nicht, daß wir hier uns unsern Platz wieder
erringen werden, und darum — muß eben gewandert
werden. Daß alle Länder zur Aufnahme großer Massen
unfähig sind, daß auch Palästina nichts weniger als
eine ;,Lösung der Judenfrage“ zu • bringen vermag,*
all das ist im Augenblick vergessen, und fest steht
nur das eine: wir Juden bleiben der Flugsand unter
den Völkern, der nirgends hingehört..
Vielleicht gibt es in der Tat eine Betrachtungs¬
weise, aus der heraus dieser Satz richtig ist; das wäre
allerdings eine Schau, die nicht an der Oberfläche
haften bleibt, sondern ganz in die Tiefe geht. Ja,
vielleicht ist es richtig, daß es eine, „Lösung der
Judenfrage“ überhaupt nicht gibt, nicht geben kann
und nach, der dem Judentum,unter den Völkern dieser
'Menschheit gesetzten" gescHfchtficHeri* Aüfgäbe"auch
nicht geben soll. Palästina, das wurde schon gesagt,
kann diese Lösung nicht bringen, und man wird es
müde, die Gründe dafür immer wieder zu wiederholen:
. daß es zu klein ist, daß es den Arabern gehört, daß .
die Juden dort also bestenfalls „binational“, das heißt
gemeinsam mit einer weit stärkeren nichtjüdischen
Landesbevölkerung wohnen können — im Effekt also
genau so wie in den Ländern der sogenannten Dia¬
spora. Was aber nun diese betrifft, so würde man das
oft und. oft verkündete "geschichtliche Ziel der Eman¬
zipation mißverstehen, wollte man sie, ebenso wie es
der Zionismus mit Palästina tut, als "Patentlösung für
die Judenfrage Umstellen. Das hieße, die eine Ober¬
flächlichkeit mit einer anderen bekämpfen, und die
Wahrheit ist wohl die, daß den Juden auch i:i den
Ländern der Diaspora — so gewiß diese Länder ihre
-wirklichen und einzigen Heimatländer sind — die
Früchte nicht in den Schoß fallen werden. Man sieht
uns als besondere Rasse und als Fremdvolk an, und ’
da wir tatsächlich, zumindest geist- und schicksals-
miißig. uns als Nachkommen und Nachfolger des
ehemaligen Judenvolkes fühlen, so wird über unsere
Natur in den eigenen Reihen wie draußen 'immer
einige Verwirrung bestehen. Obendrein wird die Ver¬
wirrung draußen dazu beitragen, die in den eigenen
Reihen zu vergrößern und irrtümliche jüdische Selbst-
zeuguisse hervorzurufen, auf die sieh dann wieder
die nichtjüdische Umwelt gegen uns berufen wird.
Hiergegen läßt sich durch Selbsterziehung einiger¬
maßen ankämpfen, und es wäre zu wünschen, daß dies
in stärkerem Maße als bisher geschieht. In solchem
Zusammenhänge können scheinbar sehr kleine Dinge
sehr große Bedeutung annehmen: es ist sicherlich ein
glücklicher Einfall, daß ein neu zusammengeschlossener
jüdischer Kreis sich bewußt eine Bewegung von „jüdi¬
schen Deutschen“ nennt, um damit vor sich selbst und
nach außen zu dokumentieren, daß wir nicht „Juden“
sind, wie man Deutscher, Franzose 6dt s r Engländer
ist, sondern daß wir jüdische Deutsche sind, so wie
es protestantische und katholische Deutsche gibt.
Würden die Juden endlich selber restlos zur Klarheit
darüber gelangen, daß sie nach dem geschichtlichen
Sinne ihres Seins eine Religionsgemeinschaft zu bilden
haben und nichts weiter, so würde zweifellos auch in
der Außenwelt diese Erkenntnis mehr an Boden ge¬
winnen, und man könnte zumindest^ sich nicht mehr
auf uns Juden selbst berufen, wenn mau uns Rasse,
und Fremdvolk nennt. Immer allerdings würden wir
dann noch eine religiöse Minderheit bilden und als
solche das ewige Minderheitsschicksal tragen. Grup-
penffemdheit und Gruppenfeindschaft sind tief in der
menschlichen Natur begründet, und ganz verschwinden
werden sie nimmer. Wo immer Gruppen neben¬
einander leben : ob es die verschiedenen Klassen einer
Schule, ob es die verschiedenen Abteilungen eines
Betriebes, ob es die Flamen und Wallonen in Belgien
sind — immer besteht zwischen" den 'Verschiedenen,'
auch wenn sie in einer höheren .Einheit gebunden sind,
Fremdheit, die zu Feindschaft führt, und immer ist
es in derartig gelagerten Fällen die Minorität, die
die Aufmerksamkeit und damit die Ablehnung der
Mehrheit auf sich zieht. Das würde für die Juden
also auch dann noch gelten, wenn man sie endlich —
und wenn sie endlich sich selbst — als reine Religions-
' gemeinschaft erkannt und anerkannt hätten. Die
Emanzipation kann also immer nijr bis zu einem
gewissen Grade gelingen. Und da’ es die Mission
des Judentums ist, als Erreger des .Menschen zum
Göttlichen hin unter den Völkern zu. existieren, so
kann die Emanzipation auch immer nur auf eine
■gewisse Zeit gelingen. Wie der einzelne Prophet mul
liotteskiinder mit der Offenbarung, die er bringt,
Ärgernis her.vorrul't, weil' er seine Umwelt ändern
will, so ist es auch mit einer Gemeinschaft, die, ihren
einzelnen Gliedern selbstverständlich meist unbewußt,
Änderung und damit Ärgernis hervorruft, weil ihre
bloße Existenz aus-der Geruhsamkeit des platt mate¬
riellen Lebens hinauf'weist in jene Höhe, dahin aller
Menschen Leben, aller Völker Leben und der ganzen
Menschheit Leben erhoben werden soll. Dies ist die
ganz tiefe, unendlich geheimnisvolle Wahrheit vom
„Anderssein der Juden“'-- •- vielleicht dürfen auch
wir einmal von diesem Anderssein sprechen: anders
nicht in nationaler, kultureller, charakterlicher Hin¬
sicht, wie die Zionisten meinen, aber anders im Hin-,
blick auf den historischen Sinn unseres die Jahr"
tausende überdauernden Seins.
Wir werden uns damit abzulimlen haben, ja, wir
werden sogar damit glücklich sein müssen, daß wir
niemals die völlige Emanzipation und nicht die Eman¬
zipation für immer erleben werden. Denn damit
würden wir in die endgültige materielle Sicherheit
eingehen, und es würde der—geschichtliche Motor
fehlen, der unser Leben in diejenigen Bahnen lenkte,
die allein ihm Sinn geben, die allein es rechtfertigen,
die, mit einem Worte gesagt, vom Sinai her ihm
bestimmt waren. „
Ein unendlich tiefes Symbol: dieser Sinai' stand
in der Wüste; durch sie-mußte nach Empfangen der
göttlichen Offenbarung Israel wandern aber wurde
es damit rfelber dem Flugsande der Wüste gleich?
Wir glauben r nein. Denn es zog ins Gelobte Land,
und das deutet doch wohl darauf, daß-auf eine freilich
notwendige, freilich unvermeidliche, freilich unendlich
sorgenvolle Wanderung immer auch wieder eine Zeit
der Seßhaftigkeit folgt, und sinnvoller als der eilt»
mutigende Hinweis auf unsern Charakter als angeblich
ewiges Wandervolk scheint uns der auf die Tatsache,
daß immer Wieder Ideale sich verwirklichen, wodurch
dann auch Freiheit und Lebensmöglichkeit für die
Gemeinschaft ersteht, dieTriiger jener göttlichen Ideale
ist. Wie man es betrachtet: oh auf jedes Wohnen
ein Wandern oder ob auf jedes'Wandern ein Wohnen
folgt — das ist freilich Temperamentssächc. Aber es
kann kein Zweifel daran sein, weicht. Betrachtungs¬
weise dem religiösen Temperament anbefohlen ist.
De Leser möge keine Profanierung darin erblicken,
wenn wir hier_eine etwas kuriose Parallele.ziehen:
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