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anzelgen 70 Vf. BeiWteberholung Ermäßigung lt.Lartt
Nr. 2
Breslau, den 13 . Januar 1922
2. Jahrgang
MM«»
Ihre Anwesenheit wurde daher besonders wohltuend
Kn unsere Leser!
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: meiden, bitten wir hösl. um Aberweisung !
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durch Nachnahme erhoben. |
WMsMlnlling Ser vereiliiWiig
für Sss liberale HSekstim.
a m 3. und 4. Januar in B erli n.
Die große öffentliche Kundgebung am Abend des
6. Januar im Saale der Gesellschaft der Freunde gestaltete
sich sehr eiudrucksvoll und stellte, allein schon durch die
Auswahl der bereits im Borbericht der Nr. 1 unseres
Blattes genannten Redner einen Gewinn für unsere Be¬
wegung dar. Aach Eröffnung der Sitzung durch Herrn
Junizrat P l 0 n s r e r, der namens des Berliner Liberalen
Pereins die sehr zahlreich erschienenen Mitglieder und
Gäste sowie die anwesenden Delegierten aus ganz Deutsch¬
land hegrüßte, nahm .als erster Herr Rabdmer,Dr..I.?l^g -
mann. Frankfurt a. M., zu seinem Bortrage „Lebendiges
Judentum" das Wort. Die Ehrfurcht, welche vierzig
Jahrhunderte kraftvollen und heiligen indischen Lebens
jedem Israeliten geben sollen, das Wunder, welches das
Dasein jedes Juden in sich schließt, beit lebendigen, immer
neu sich gestaltenden Organismus, den unsere Gemein
schüft darstellt, wußte der Vortragende unter tiefster Er¬
griffenheit jedem seiner Zuhörer nahe zil bringen. Sein
Aufruf zur Opfertvilligkeit. zur Treue und zur Erfüllung
des prophetischen Mottos. „Recht zu tun. Liebe zu üben
und demütig zu lein", welches Micha aller Welt verkündet
bat. fand begeisterten Beifall.
Frau Iusttzrat Ollend 0 rff bot uns willkommene
Gelegenheit, die hingehende Auffassung der nwdernen
Jüdin. kennen zit lernen. Frei von jeder Beschönigung
fand die als geistvolle Rednerin bekannte Dame kluge tlnd
gute Worte, die Frauenpflichten int liberalen Juden¬
tum darzustellen und als für jede Israelitin verbindlich
zu fordern. Sie sprach ihre Mitschwestern nicht frei von
Schuld und beklagte sehr die Lockerung der Familienbande
und die Mischehe als Momente eines bedrohlichen Ver¬
falles. Zufallsjudentrrm müsse aufhören, Wille zum
Glauben einkehren! Der tötende Materialismus sei der
Feind und nicht weniger das eitle sich selbst Unterstreichen.
Der Ehrgeiz müsse sich in Ehre verwandeln, der Reichtum
bedenke mit schärferem Gewissen seine sozialen Pflichten!
Mit dem Appell, daß die Kultur des Fortschrittes ein Gut
in den Herzen der jetzt auch zur öffentlichen Arbeit berufenen
Frauen fein müsse, schloß auch diese programmatische und
überaus svmpathiscbe. mit- freudigem Dank begrüßte An¬
sprache.
WW-llbllsler WeMmlnzu Mu.
Montag, den 16. Fanuar 1922,
abends 8 1 / 4 Uhr,
im Saale der Gesellschaft »Eintracht", Tauentzienstraße 12
(Eingang nur Anger)
Bortrag des Herrn Dr. Manuel Joel
j Seelenglaube und Monotheismus
| im biblischen Judentum.
Montag, den 30. Januar 1922
General-Versammlung.
Anträge find schriftlich bis spätestens 22. Januar an die
Adresse Alfred Berger, Breslau 7, Höfchenstraße 61
einzureichen.
Der dritte Redner des Abends, Herr Dr. M. Sal 0 -
m 0 n s k i, Berlin, streifte in seinem Thema: „Wohin
steuern wir?" in der Hauptsache Angelegenheiten der Ber¬
liner (Gcmeindepolitik. Er stellte die Aufgaben der Mit¬
glieder und gewählten Vertreter, unsere Anschauung in
Leben und Bewegung der größten Gemeinde Deutschlands
währzunehmen, mit Frische und Klarheit fest, und wußte
sich mit einigen Gegnern, die durch Zwischenrufe ihre An¬
sichten zum Ansdmck bringen wollten, geschickt auseinander
zu setzen.
Bevor der Vorsitzende die Versammlung, welche sich
bis 11 Uhr mrsdehnte, mit Worten des Dankes schloß, er¬
teilte er noch in der Diskussion einem Ostsuden das Wort,
der seine Sympathie mit den liberalen Ideen bekundete
und — das war die allgemeine lieber,zeugung — im
Namen vieler anderer sprach, die wie er denken und die
Arbeit der deutschen Juden zu würdigen wissen.
Daß die Sondernummer der „Jüdisch-liberalen Zei¬
tung" in vielen hundert Eremplaren nach Schluß der
Versammlung verteilt wurde, fei zur Vollständigkeit hier
berichtet.
Die. Arbeiten des zweiten Tages der Hauptversamm¬
lung brachten zunächst'ein kurzes Referat über Organi¬
sation und Propaganda, das Herr Rabbiner Dr. S a l 0 -
m 0 n s k i, Frankfurt a. O., erstattete. An der Diskussion
hierüber, die das formale Gebiet verließ, und erfreulicher
weise das Kapitel der Arbeit für die Ideen der Vereinigung
behandelte, beteiligten sich die Delegierten: Frau Sanitäts-
rat Dr. Laser, Königsberg, und die Herren Zahnarzt
L i v s ch i tz, Berlin, Rabbiner Dr. G 0 l d m a n n,
Leipzig, RechtsaMvalt Dr. T e n t l e r, Hamburg, Rab¬
biner Dr. Wiener. Stettin, und Lehrer Robert Hirsch¬
feld, Berlin. Danach konnte dieser Gegenstand der
Tagesordnung verlassen werden, und hier sei nur der
Wunsch der Versammlung wiedergegeben, die Zahl der
8 großen Ortsvereine 43 Gruppen und 10 Iugendvereine
durch intensive Arbeit zu verdoppeln.
Freudig begrüßt erschien inzwischen der Ehrenvor¬
sitzende der Bereinigung. Herr. Instizrat Breslauer.
'In jugendlicher Frische sprach er nach den Tankesworten
des Vorsitzenden über die Arbeitslust und den Geist der
Freundschaft, die stets den Weg der liberalen Juden er¬
hellt und begleitet hätten. Er brachte den Wunsch zum
Ausdruck, daß die gleiche Gesinnung immerdar die Tätig
seit der Vereinigung fördern tlnd sie zum Ziel führen möge.
Darauf hielt Herr Rabbiner Dr. B a eck, Berlin, eine
Ansprache über das Psalmwort: „Ein reines Herz erschaffe
mir. 0 Gott, und einen festen Geist erneuere in meinem
Innern." Für das lange in der Enge lebende Judentum
hat durch das Eintreten in die Gemeinschaft aller Menschen
eine Revolution begonnen. Trotzdem muß es eine Gemeinde
der Andersfoienden bleiben. Es darf nicht nur von
der Welt sein, es darf den Zug der Religiosität nie ver¬
lieren. Das Itldentum muß sich ernst nehmen, und der
liberale Jude muß in der Ueberzeugung leben: Wir wer¬
den so viele liberale Juden haben, wie es Juden gibt. Wir
sollen nicht immer nur abwehren, denn das demoralisiert;
lüir sollen die Religion der Väter ansgestalien zur Religion
der Kinder.
An die überragenden Ausführungen reihte sich keine
Besprechung, so daß ihnen gleich das Referat des Herrn
Rabbiner Dr. S a l z b e r g e r, Frankfurt a. M>: „Unser
Gottesdietrst" angeschlvssen werden konnte. Zuvor aber
verlegte die Versammlung ihren Sitz aus dem zu eng ge-
worderten Bibliothekssaal der Loge in den sehr geräumigen
Wintergarten des Hauses. Diese Aeußerlichkeit sei als
rticht unbedeutertd hiermit gebucht und bleibe uns ein
Symptom dafür, daß das rege Interesie an unserer Arbeit,
roelck>e bis zur letzten Stunde durch den Eisenbahnerstreik
mehr als gefährdet erschien, durch nichts gelähmt werden
kann und in Zukunft weiter wachsen und zur Herzenssache
der deutschen Juden und aller, die wie sic fühlen, werden
wird. Hier ist (Gelegenheit ztl erwähnen, daß zwei treue
Anhänger unserer Bestrebungen, die Herren Rabbiner
Dr. K a e l t e r, Danzig, und Rabbiner Dr. L i t t m a n n,
Zürich, alles daran gesetzt batten, um bei uns zu sein.
empfunden.
Das Salzbergersche Referat zeigle. daß die Gesichts¬
punkte der Verschönung, Verdeutlichung und der notwendi¬
gen Kürzung unserer Andacht Motive jeder Reform waren
und ihre Wirkung bis über dem Ozean entfaltet haben.
Der Fortschrittswillen und die Einsicht, daß immer mehr
getan Iverden muß. um die Zeit des Gebets fruchtbar zu
machen, mögen zu besondcrcul Bedachtnchmen für den
Gottesdieitst anleiten. Alls der einen Seite sei die Schrift«
crklärung sür alle Andachten eiuzuführen und demgemäß
zu kiirzen. Kein biblisches Gut dürfe benachteiligt werden.
Neben der Thorg- und Propbetenvorlesung fei auch in der
Synagoge der Vortrag und die deutsche Wiedergabe der
Hagiographeu, insbesondere bar Psalmen, zu fordern, die
in ihrer unvergleichlichen Bedeutung als Gesangbuch der
Gemeinde bisher nicht zu gebührender Würdigung gelangt
seien. Der Redner vermißt auch die Poesie unserer großen
Dichter, besonders der spanischen Epoche. Biel zu wenig
ziere hiervon unser Gebetbuch. Nachdem er noch darauf
hingewicsen halte, daß auch das Hebräische leinen unersetz¬
lichen Charakter int öffentlichen Gebet behalten soll und
daß die Nebersetzung durch die Mitarbeit der Besten zu
würdiger Wiedergabe und der gleichen Empsindnna führen
möge, wie sie dem Tertkundigen vermittelt wird, seine er sich
für den alten Wunsch der Liberalen, die Schaffung des Ein-
heitsgebetbuchcs, mit gewohnter Wärme ein.
Eine sehr lebhafte Besprechung -bewies die Teilnahme
der Versammelten an diesem wichtigen Programmpunkt.
Aus der Zahl der Diskussionsredner seien die Herren Lehrer
Hirschfeld. Rabbiner Dr. Selig mann und Rab¬
biner Dr. K e l l e r m a n n hervorqehoben, der besondere
eingehend und interessant seine Ansicht znm Ausdruck
brachte, so wie Herr I 0 h n L e v i, Breslau, der bewährte
Freund und Förderer unserer Ideen.
Hierauf sprachen die Herren Rabbiner Dr. G old-
m ann . Leipzig, Dr. L e w k 0 w i tz , Berlin, und Dr.
V 0 g e l st e i n , Breslau, um darzulegcn, daß das (Gebet
nach unserer Auffassung mehr geinorden üi als ein Hilst-
mittel vor Gott. Die Freude am Gebet und das Verlangen
nach ihnt, selbst ohne Absicht oder Aussicht auf Erfüllung,
gäben erst der Altdacht den Segen. Am Schlüsse der DiS-
kussion wurde eine sicbenglic-drige Gebetbnchkommission
eingesetzt, der vier Rabbiner angeboren. Dieser Gegen
stand gab dem Vorsitzenden Anlaß, des' allzu früh ent¬
rissenen, verdienstvollen Rabbi ncr Dr. Hoch seid mir
Worten der Wehntut zu gedenken.
Sodann fand die gemeinschaftliche Mittagstafel statt,
-tu der der Vorstand der Vereinigung die Delegierten in
gewohnter liebenswürdiger Weise eingcladett hatte, und
zwar ebenfalls im Berliner Logenhaus, welches feit Kriegs-
fchlttß d:e bevorzugte Stätte aller jüdischen Tagungen ge-
wordett iß.
Nach dieser kurzen Panse, die Herr Rechtsattwalt
Stern nicht ohne Worte der Freundschaft verklingen
ließ, gingen die Beratungen weiter. Herr E r i ch B a y e r,
Breslau, erfreute die Versammlung ditrch fein vortreff¬
liches Referat: „Unsere Jugend". Er betonte die Wichtig¬
keit guter Religionsbücher und bester Literatur, er empfahl
Preisausschreiben ttnd kttrze, aber inhaltreiche Flugblätter,
Jüdisch-liberal. Äugenbvereln
^ zu Berlin ._
Donnerstag, den 19. Januar 1922
Vortrag:
„zm trag! öer )§. öoltsfdiule"
Referenten: Lehrer Falkenberg.
Rechtsanwalt Dr. Breslauer.