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Jüdisch-liberale Zeitung
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Rr. 6 Breslau, den 10. Februar 1922 2 . Jahrgang
Vlbert Wohlauer.
In Llsmoriam
von Pastor Lic. theol. Ernst Moerina.
Ist das ein seltsamliches Gewänder:
Ihr schrittet noch oben vergnügt miteinander
Durch Wälder und Wiesen und Sonnenschein,
Du siehst dich um — da gehst du alleirr.
Er blieb zurück am Weggelände;
Das Wort auf den Lippen, er sprach's nicht zu Endo;
Ein wunderbarlich Gebaren, und doch
Scheint deins verwunderlicher noch.
Denn wir gehen weiter. Wir müssen weiter schreiben:
denn die Pflicht tritt an uns heran. Aber wen:: W i l -
h e l m Iensen fortsährt:
Ganz ruhig gehst des Weges du weiter,
Haft schnell einen andern, vergnügten Begleiter,
so trifft das auf uns alle, die wir mit Albert Wohlauer
verbunden waren, nicht zu. Wir finden nicht schnell
„einen andern, vergnügten Begleiter"; einen Mann von
den seelischen Qualitäten des Entschlafenen werden wir
überhaupt nicht wieder bekommen, und darum sind wir
keineswegs ruhig.
Ueber Albert Wohlauer ist seit seinem Tode viel ap*
sprachen und geschrieben worden, aber dennoch kann ich
nicht schweigen. Denn es geht mir wie den anderen, die
An Kkannt und damit, geliebt haben (denn beides kam
sofort in eins): die Persönlichkeit des verstorbenen war so
reizvoll, dass ganz notwendig sich ein Bekenntnis und ein
Ausdruck des Dankes ergibt.
Nicht, dass wir unseren Freund nun, wo er gestorben,
ins Uebermenschemnaß erhöben. Der Tod zwingt zur
Wahrhaftigkeit, und außerdem hatte der Entschlafene so¬
viel, daß Uebertrerbungen ganz unnötig sind. Er gehörte
nicht zu den „Erfindern neuer Werte, um die sich die Erde
dreht" — ganz gewiß nicht. Aber er war auch kein „Er¬
finder von neuem Lärme", die mit Recht Nietzsche
im Gegensatz zu senen ersten zurückwcist. Er
war kein „Erfinder von neuem Lärme", sondern
gerade darin bestand seine ganz besondere Be¬
deutung, daß er Lärmende zu besänftigen wußte durch
die bezaubernde Güte seines Wesens. Ihn kennen und
lieben, ich sagte cs schon, war eins, und gerade, lvenn man
mit ihm sachlich differierte, wuchs um so mehr das persön¬
liche Band. Man hat es bei älteren Männern selten und
zurnal bei Lehrern (das liegt im Berus) fast me, daß sie
Widerspruch vertragen können. Der Vorstorbene vertrug
ernsten Widerspruch. er vertrug auch die kleine neckende
Bosheit, er überlegte die Gegengründe und machte sich die
Entscheidung nicht leicht. Aber so liebenswürdig er war,
er gab nicht auf Kosten der Persönlichen Beziehung die ge¬
wonnene Ueberzeugunq Preis. Gerade darin bestand der
Reiz seines Wesens, daß er für seine Meinung einstand
und doch durch die Güte des Herzens wie der Klarheit der
Diktion so auch der Bestimmtheit des Willens die Schärfe
nahm.
Wir ivissen alle, wie er in wahrhaft unermüdlicher
Tatkraft sich seinen Ehrenämtern widmete, gründlich in die
Materie eindrang und mit ganzer Seele in allen Ange¬
legenheiten der Stadt zu Hause war. Man hat gelegent¬
lich über ihn gelächelt. daß er auch zu unbedeuterrden Vor¬
lagen sprach, aber das kam doch nur aus seiner absoluten
Verwobenheit mit dem kommunalen Leben und dem Ver¬
lange!,, die städtische Verwaltung so gediegen zu sehen,
wie nur möglich. Trotzdem er in so vielen Ausschüssen
und Deputationen saß, wie vielleicht kein Stadtverordneter
sonst, und mit solcher Regelmäßigkeit und Gewissenhaftig¬
keit an den Verhandlungen teilnahm, wie ganz gewiß
keiner von uns allen, und sich in das Ganze der kom¬
munalen Geschäfte eingearbeitet hatte, trotzdem gehörte sein
Herz und seine Kraft ebenso seiner Schule wie seiner
Glaubensgemeinschaft. Was er den Schülern gewesen,
mögen andere sagen, ist auch schon gesagt. Ich gestehe nur,
daß mir eine solche Beliebtheit und Achtung von seiten
der Schüler einem Lehrer gegenüber noch nicht begegnet ist.
Jlber ich will noch etwas arweres sagen.
Neulich hörte ich, daß ein Antisemit auf die Ent¬
gegnung. es gäbe doch auch anständige Juden, geantwortet
habe: „Die anständigen Juden sind gerade besonders ver¬
hängnisvoll für uns. Sie nrachen uns den Antisemitis¬
mus schwer." Nun: Albert Wohlauer war ein solcher
Jude, der den Antisemiten, die sich nicht belehren lassen
wollen, sondern mangels eigenen positiven Inhalts sich an
der Polemik berauschen, ihren Standpunkt erschwerte. Er
tvar Jude und wurzelte bei aller Freiheit gegenüber der
Tradition, wie sie dem wahrhaft Fromnren selbstverständ¬
lich ist, in der Ueberzeugung der Väter, diente ihr in
der Verwaltung ihrer äußeren Obliegenheiten nrit der ihm
eigenen freudigen Kraft und lebte aus ihr in der Ge¬
schlossenheit. wie sie die Verwobenheit mit einer geistigen
Gemeinschaft dem sonst schwankenden Individuum schenkt.
Zugleich aber war er ebenso verwachsen mit der Geschichte
des Deutschtums, kannte aus der politischen Vergangenheit
wie aus den, geistigen Besitztum unseres Volkes manch
entlegene Einzelheit, verlor sich aber nicht in pinkriger
Subtilität, sondern sah große Zusammenhänge und
durchdrang allen Stoff mit regsamen Leben. Er war nicht
Jude und Deutscher, geschweige denn abwechselnd das
eine oder d-as andere, sondern er war ein deutscher Jude.
Als solcher eine Ausnahme? Ja; denn auch deutsche
Christen von den Herzensqualitäten unseres Entschlafenen
sind AuSnatzmett. Er war ein Mann von ausgezeichttetiex
Kenntnis, die recht umfassend war, seine verständnisoolle
Güte warb ihm die vielen Freunde, und zu alledem hatte
er einen unbeschreiblichen Gerechtigkeitssinn.. Weil ich im
Zusamnrerchanqe mit ihm an die traurige, für Christen
mehr als für Juden betrübliche Erscheinung des Antisemi¬
tismus denke, muß ich auch dieses sagen: bei den ver¬
schiedenen Fällen, in derren ich mit Professor Wohlauer in
Bezug auf die Geeignetheit von Personen auseinanderginq,
gab es zwei, bei denen er, aus sachlichen Gründen, die
jüdischen Kandidaten bekämpfte, für die ich mich, von ihrer
Eignung überzeugt (in dem einen Falle heute leise ent¬
täuscht). einsetzte.
Wir haben ihn begraben, und in der bald daraus
folgenden Stadtverordnetensitznng ivar es uns allen,
seinen politischen Freunden natürlich besonders qualvoll,
daß er von uns genommen. Man braucht nicht zu ver¬
sichern. daß wir ihn nicht vergessen werden. Ihn zu ver-
gesien ist unmöglich. Wir müsien weiter arbeiten und
dabei wird uns sein Geist begleiten. Und wir, die wir
uns eingebettet fühlen in die ewige Welt, können auch mit
ruhiger Gelassenheit das Ende von Iensens Gedichte uns
Vorhalten:
So gcht's eine Welle, das seltsame Wandern:
Dann geht es an dich, dann hörst du die andern
Noch weiter lachen ins sonnige Land,
Und du bleibst einsam am Wegesrand.
MW-llberM JugenMn zu ftwlau.
Montag, den 18. Februar 1922,
abends &V« Uhr,
im Saale der Gesellschaft .Eintracht'', Tauerchienstraße 18
(Eingang NNk Anger)
Dortrag deS Herrn Rabbbiner Dr. Sänger:
„Die Jude n in R umänien".
Freitag» den 17. Februar, abends 8 7« Uhr,
in den Spinoza-Loge
nur für Mitglieder und deren Angehörige:
SMkvlp iNW-HM'JllsSMNIkllllst 35
Wettere DeretnSnachrichten stehe letzte Seite.
Jüdisch-liberaler Iugendverei» zu Verlin sieh« letzt« Seite.
Gefühl unö Vernunft.
Bon Rabbiner Tr. G 0 t t s ch a l k, Posen.
Die Hauptversammlung ist vorüber. Treffliches ist
geredet worden. Aber für wen? Für d i e Liberalen, die
schon organisiert sind. Für die aber, die draußen stehn,
ist das entscheidende Wort nicht gefallen. Und es stehen
viele draußen — Tausende, behaupte ich, denen nur der
Weg noch nicht frei gemacht ist. Sie wollen aber nicht
bloß Liberalismus, sie wollen N e u l i b e r a l i s m u s;
sie wollen nicht Gefühl oder Vernunft, sondern Gefühl und
Vernunft. Sic wollen jüdisch-frei-religiös
sein.
Jüdisch, weil sie ihren Zusammenhang mit dem
Judentum nicht ausqeben wollen.
Frei — weil sie nicht bloß von überlebten Zere¬
monien, nicht bloß von der Vorherrschaft des Hebräischen,
nicht bloß von der Uebersiille der Gebete frei sein wollen,
sondern vor allein frei von dem Gott, wie ihn das offizielle
Judentum lehrt und auch die „Liberale Vereinigung"
vertritt.
Gefühl, gewiß — aber verbunden mit der Vernunft,
die Gott auf dieses Gefühl beschränkt, ihn allein im Er¬
leben der Seele sucht; die die Natur sich selbst überläßt und
das äußere Leben dem Schicksal, der Willkür, dem Zufall
— aber nur nicht Gott. Gott ist rmr noch Seelenerlebnis.
gegen das keine Vernunft mehr Einspruch erbebt.
Vernunft gewiß — aber ja nicht als Führerin,
sondern als Dienerin; die in Gott nicht mehr den Schöpfer
der Welt sehen will, ihn nicht mehr als Vater im Himmel
anspricht, keine persönliche Wirksamkeit von ihm verlangt.
Gefühl und Vernunft, sie machen aus Gott: daS
Göttliche. Ewige, Heilige in uns — die Kraft, die aber
auch Mose erfüllte^ als .er.,,, die., .klassischen Warte..sprach:.
„Und nun Israel, was fordert der Ewige von Dir als
ihn zu ehrfürchten und ihn zu lieben". Die Kraft, durch
die jeder Prophet bekannte: „Es erging das Wort des
Ewigen an nrich." Nur daß sie alle diese ewige Kraft
von außen nach innen einströmen fühlten, während wir
sie heute nur so begreifen, daß sie von innen nach außen
strömt — heute, wie vor 3000 Jahren. „Diener des
Ewigen", sagte man damals. „Diener a m Ewigen" sagen
wir heut.
Jüdisch — frei — und endlich religiös. In diesem
Erleben — damals wir heut — sehen w i r das Wesen des
Judentums, wie andere es in anderem sehen. Wir be¬
streiten niemand ein Recht darauf. Aber wir bestreiten,
daß es d a s Wesen des Judentums gibt. Es gibt so viele
„Wesen des Judentums". wie es aufrechte, ehrliche
Juden gibt. Und für uns liegt das Wesen im Religiösen
und dieses Religiöse allein in der Seele. Wir wollen nicht
bloß Ethik, wir wollen Religion, d. h. jenes Atmen in der
ewigen Luft, jenes Umfassen der Unendlichkeit, jenes Ein¬
strömen in das Göttlich-Heilige. Wir wollen kein Schwär¬
men, sondern wollen ein Handeln, und als unser Leitstern
führt uns das Wort: „Ein Licht des Ewiaen ist die Seele."
Aus diesem Grunde gilt es zu bauen und Lehre und Gottes¬
dienst umzugestolten — unbekümmert um rechts und links,
gehorsam allein der Wahrhaftigkeit. Nicht die Einheit des
Judentums sieht uns am höchsten, sondern die Möglichkeft,
unser Judentum ausleben zu können. „Bahnet, babnet
einen Weg dem Ewiaen" — dann werden die Draußen-
stehenden eintreten können. Und ihr Bekenntnis wird
fortan lauten: ..Höre. Israel, d a s E w i g e ist unser Gott,
das Ewige ist einzig."
Jüdische Kriegsteilnehmer km landwirt¬
schaftlichen Veens.
Bon Dr. Arthur Kahn.
Ter „Schild", das Organ der
Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten,
veröftentlichte in seiner letzten Nummer
folgenden beachtenswerten Artikel.
Dir Red.
Bon einem Kriegsveteranen von 1870, wie dem Ber-
sasser dieses Artikels, kann es nicht Wunder nehmen, wenn
er an dem Schicksal der Kriegsbeschädigten dieses Welt¬
krieges ein besonderes Interesse hegt. Wenn daher hier
von unseren jüdischen Kriegsbeschädigten gesprochen wird,
soll nicht nur von solchen die Rede sein, die körperlich in¬
folge von Verwundungen invalide geworden, sondern auch
wirtschaftlich in Mitleidenschästz gezogen wurden. Die
ersteven, die an ihrer Gesundheit oder sonst körperlich ge¬
schädigt wurden, lassen sich statistisch rveit leichter ermitteln,
als die zweite Kategorie, deren Existenz durch den Krieg
erschüttert,, wenn nicht gar völlig ruiniert wo^en ist und'
zu-einer Berufsumschaltung gezwungen werden. Diese ist